Paracelsus

Die Lieblingsarzneien des Paracelsus

Herstellung und Anwendung der "wahren" Arznei

von Max Amann

mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Naturheilpraxis



Selten gezeigte Darstellung von Paracelsus mit dem berühmten Motto: Sei keines anderen Knecht, wenn Du Dein eigener Herr sein kannst."

Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493-1541), gilt als einer der bedeutendsten Ärzte der Menschheitsgeschichte.
Stets in finanziell beengter Lage und viele Jahre als Wanderarzt tätig, hat er in seinem relativ kurzen Leben ganz Außerordentliches geleistet: Über seine sensationellen Heilerfolge hinaus wurde er, hauptsächlich durch seine Lehren zur arzneilichen Behandlung der Krankheiten, zu einem Erneuerer der Medizin. Durch seine laborantische Kunst wurde er zudem zum Begründer der Iatrochemie, auch Chemiatrie genannt. Die Iatrochemie ist die konsequente Verwendung von im Labor hergestellten Stoffen als Arzneimittel.
Umgewandelte Naturstoffe oder Kunstprodukte hat man schon seit der Antike als Arzneien verwendet, doch geht die systematische Verwendung dieser - alchimistischen - Produkte auf Paracelsus zurück. Besondere Verdienste hat er sich durch die richtige Anwendung gefährlicher Stoffe als Arzneien erworben: "Alle Dinge sind ein Gift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis bewirkt, dass ein Ding kein Gift ist" (Paracelsus: I/477)1
Die Alchimie war für Paracelsus keine Methode zur Gewinnung von Gold, sondern ein unentbehrliches Verfahren zur Herstellung besonders wirksamer Arzneien. Er lehrte, dass es notwendig sei, therapeutisch aktive Natursubstanzen durch die Kunst zu verbessern und wie man inaktive, bzw. giftige Stoffe in Arzneien verwandeln kann: "Wenn auch ein Ding ein Gift ist, kann es in die Form eines ungiftigen Dinges gebracht werden. Ein Beispiel vom Arsenik (...). Glühe ihn mit sale nitri (Salpeter), dann ist er kein Gift mehr. (...). Ich scheide das, was nicht ein Arcanum ist, von dem, was ein Arcanum ist, und ich gebe die richtige Dosis vom Arcanum" (Paracelsus: I/479).
Dies gilt für Einzelstoffe und in noch höherem Maße für das Erstellen und die laborantische Bearbeitung zusammengesetzter Rezepturen.
Die bedeutendste Leistung Hohenheims ist aber nicht die Begründung der modernen Pharmazie, also eine naturwissenschaftliche Großtat, sondern eine philosophische Glanzleistung, nämlich die Lehre von den Drei Prinzipien in der stofflichen Welt.
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Die zwei wichtigsten Lehren des Paracelsus zur Therapie

1. Die Lehre von den Drei Prinzipien
Aus der galenischen Medizin des Mittelalters übernahm Paracelsus die Lehre von den Vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde, die die Materie zusammensetzen. Er hat dieses Lehrsystem keineswegs abgelehnt, wie man manchmal liest. Für die Beurteilung der in der Welt existierenden Dinge, also auch der realen Stoffe, der Wesensart der Krankheiten, dem Weg zur Heilung und der richtigen Arzneimittel, fand er aber ein fortschrittlicheres System, das der Drei Prinzipien Merkur, Sulfur und Sal.
Merkur, das Flüchtige und Sulfur, das Brennende übernahm Paracelsus aus der arabischen Alchimie. Seine Leistung ist die Formulierung eines dritten Prinzips, nämlich Sal, des Festen.
Die Beziehung zwischen Elementen und Prinzipien
Labor der Medici
Großherzog Francesco I. von Medici mit seiner Geliebten und späteren Ehefrau Bianca Capello in seinem Labor (vorne rechts unten), 1570
Elemente bauen die stoffliche Welt auf: "Es gibt vier Mütter der Dinge, die wir Elemente nennen, das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde" (Paracelsus: III/441).
Die Prinzipien sind geistiger Natur. Sie haben schon vor Entstehung der materiellen Welt existiert und sind jetzt aber an die Materie gebunden: "Das Sichtbare und Greifbare ist der Körper der Welt, der da aus den drei Urstoffen besteht, dem Schwefel, Quecksilber und Salz" (Paracelsus: IV/800).
Prinzipien sind nichts Quantitatives, das man wiegen oder als Gewichtsanteil angeben kann. Sie sind etwas Qualitatives, das man in seiner Intensität darstellen kann. Von großer Bedeutung für Krankheit und Heilung ist ein harmonisches Verhältnis der Prinzipien zueinander: "Sind die 3 vollkommen miteinander verbunden, so steht es um die Gesundheit gut. Wenn sie aber zerfallen, sich zertrennen und sondern, wenn die eine fehlt, die andere brennt und die dritte sonst irgendeinen Weg geht, so sind das die Anfänge der Krankheiten" (Paracelsus: I/70).
Die Prinzipien sind stets verbunden, wie immer wieder betont werden muss. Nie tritt ein Prinzip allein in einem Stoff auf. Wird bei einem Stoff, beispielsweise einem Arzneimittel, angegeben, es habe einen ausgeprägt merkuriellen Charakter, so soll dies ein starkes Überwiegen der Intensität dieses Prinzips darstellen. Kompliziertere Systeme, ein Lebewesen beispielsweise, enthalten auf jeden Fall alle drei Prinzipien in annähernd gleicher Intensität. Krankheit ist hauptsächlich, wie oben dargestellt, eine Störung der Beziehung zwischen den Prinzipien, weniger das Auftreten eines zu großen Missverhältnisses der Intensitäten. Weitaus die meisten wichtigen Arzneimittel sind deshalb nicht von einem Prinzip geprägt, sondern von zweien. Alle wirksamen komplizierten Arzneizubereitungen zeigen Eigenschaften aller drei Prinzipien in harmonischer Beziehung zueinander.
Nach Prinzipien eingeteilt, existieren also folgende Typen von Arzneimitteln:
• Arzneimittel von Merkur, Sulfur oder Sal.
• Merkur-Sulfur-Arzneien, Merkur-Sal-Arzneien, Sulfur-Sal-Arzneien.
• Merkur-Sulfur-Sal-Arzneien.
Zu letzteren gehören alle Arzneien, die man aus passenden Ausgangsmischungen auf genau vorgeschriebenen, aufwendigeren Wegen herstellen muss.
Paracelsus beschreibt vier Kategorien solcher Spezialitäten: Magisterium, Quintessenz, Arkanum und Elixier. Für die Paracelsustherapie mit Arzneien spielen also die Prinzipien eine wesentliche Rolle.
Die drei Prinzipien - wie sie sich in Stoffeigenschaften manifestieren
"Der Mercurius ist der Geist, der Sulfur die Seele und das Sal der Leib." (Paracelsus: III/228).
Merkur: Flüchtig, leicht destillierbar. Warm, auch kalt. Durchsichtig. Blau, blauviolett, rosa, weiß, farblos. Geruch etherisch, faulig; Geschmack eigentümlich
Merkurielle Krankheiten: Neurologische Leiden, psychosomatische Leiden, Leiden der Psyche allgemein, Dysthyreose, allgemein hormonelle Störungen, Erkrankungen von Oberflächen (Haut, Schleimhaut, Gefäßauskleidung, Zellmembranen), allgemein Leiden, bei denen Symptome und Stelle der Erkrankung fortgesetzt wechseln. Gärungs- und Fäulnisprozesse.
Sulfur: Ölig, schwer destillierbar. Heiß. Durchscheinend. Gelb, orange, rot, manchmal auch weiß oder schwarz, "...denn beim Schwefel gibt es gelbe, weiße, rote, und schwarze Farben" (Paracelsus: I/390). Geruch aromatisch, harzig. Geschmack scharf, bitter.
Sulfurische Krankheiten: Akute Krankheiten, entzündliche Leiden. Rubor, Calor, Tumor, Dolor. Traumen. Leiden mit Fieber. Auftreten von Geschwüren. Alle "-itis" wie Arthrits.
Sal: Fest, nicht destillierbar. Kalt. Undurchsichtig. Grün, besonders moosgrün, braun, grau, schwarz. Geruch erdig oder geruchlos; Geschmack modrig, süß, salzig, laugenhaft.
Salhafte Krankheiten: Die chronischen Krankheiten, pathologischer Auf- oder Abbau. Neubildungen, Steinbildungen. Bindegewebsprozesse. Alle Prozesse ohne Entzündung, die aber unerbittlich fortschreiten. Alle "-osen" wie Arthrose, Osteoporose.
2. Sympathisches Heilen
Die zweite wichtige Lehre des Paracelsus zur Therapie ist die These, dass Krankheit und Heilmittel wesensgleich sein müssen. Dieser Therapieansatz ergibt sich aus der immateriellen Herkunft aller Krankheiten: "Achtet darauf, damit ihr nicht den Leib mit Arzneien behandelt, denn das ist vergeblich. Behandelt aber den Geist, dann wird der Leib gesund. Denn der Geist ist krank und nicht der Leib" (Paracelsus: I/51).
Die Arznei muss also den gleichen Charakter wie die Krankheit haben - sowohl nach der Elementenzuordnung als auch nach der Prinzipienzuordnung - aber sie muss "gesünder" sein. Dies schließt ein: Den Grundcharakter der Arzneistoffe, die Veredelung durch die Bearbeitung und die richtige Dosierung. Um es noch mal darzustellen: Eine Krankheit des Merkur wird mit Merkurmitteln behandelt, eine Merkur-Sulfur-Krankheit mit Merkur-Sulfur-Mitteln usw.
Giftstoffe werden durch eine veredelnde Zubereitung und vernünftige Dosierung zu außerordentlich wirksamen Heilmitteln. Im therapeutischen Umgang mit Giftstoffen wie Gold, Quecksilber, Arsen, Antimon und Giftpflanzen wie Eisenhut, Bilsenkraut, Germer und Nieswurz, zeigt sich das souveräne Können des Meisters in Labor und Heilkunst. Unsere zeitgenössische Homöopathie hat, wie auch andere Naturheilverfahren, alchimistische Wurzeln, die also mindestens bis zum Beginn der Neuzeit zurückreichen.
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Lieblingsmittel des Paracelsus und ihre Beziehung zu den drei Prinzipien

Die Erfahrung zeigt, dass reine Merkur-Sulfur- oder Salkrankheiten kaum auftreten. Die Krankheit ist gewöhnlich gemischter Natur, beispielsweise eine Merkur-Sulfur-Krankheit (z.B. ein entzündliches Nervenleiden mit starken Schmerzen) oder eine Sulfur-Sal-Krankheit (z.B. ein subakutes Leiden, das in einen chronischen Zustand degenerativer Art übergeht). Fast alle wichtigen Arzneimittel sind analog zwei Prinzipien zuzuordnen. Besonders wichtige zeigen die Aspekte aller drei Prinzipien, dies gilt sowohl für Einzelmittel als auch für Gemische, die auf komplizierten Wegen zubereitet wurden. Im nachfolgenden werden Arzneistoffe deshalb nicht nach Prinzipien, sondern mehr nach Stoffgruppen besprochen.

Branntwein
Paracelsus hat Wein außerordentlich geschätzt und zwar am meisten nicht zu sauren Rotwein kräftiger Farbe. Dieser enthält für ihn die sulfurische "Sonnenkraft". Durch die Gärung hat der Wein merkuriellen Charakter, das Ausfallen von Weinstein zeigt das Vorhandensein des Sal-Prinzips an. Guter Wein ist also bereits eine Arznei von Merkur, Sulfur und Sal.
Der abdestillierte Branntwein ist ein fast reines Merkurmittel. Paracelsus hat ihn weniger als Arznei verwendet, um so mehr aber als Auszugsmittel zur Tinkturherstellung. Die Tinkturen stellte er aus Frischpflanzen her, die mindestens vier Wochen bei mäßiger Wärme ausgezogen werden. Diesen Vorgang nannte er Putrefaktio (Fäulung). Hierbei tritt wie beim Vergären, eine Intensivierung des Merkur ein. Als Materialien zur Tinkturherstellung verwendete er vor allem Pflanzen mit etherischen Ölen (diese sind Merkur-Sulfur-Stoffe), darunter viele Lippenblütler wie Bohnenkraut, Majoran, Melisse, Minze, Poleiminze, Rosmarin, Salbei, weiterhin Doldenblütler wie Bibernelle, Dill, Engelwurz, Koriander und Liebstöckel sowie Korbblütler wie Beifuß, Eberraute und Wermut.
Pflanzenauszüge stellte Paracelsus gewöhnlich aus Mischungen her. Er setzte häufig nervenwirksame, starkriechende Tierprodukte zu wie Ambra, Bibergeil, Moschus und Zibet. Wird eine Mischung zueinander passender Stoffen genügend lange ausgezogen, so ist das Produkt bereits eine der vier Spezialitäten des Paracelsus, nämlich das Magisterium.
Der Bezug einer solchen Zubereitung zu Nervenleiden aller Art, hormonellen Störungen, Hautkrankheiten und auch Leiden wie Arteriosklerose (Erkrankung der Intima der Arterien) ist offensichtlich.
Die Magisterien stellen nach Zusammensetzung und Herstellungsweise eindeutig Arzneien des Merkur-Sulfur-Typs das. Unter den oben genannten Pflanzen sind einige besondere Lieblinge des Paracelsus: Die Melisse, sie "erneuert alle Kräfte des Körpers (Merkureffekt) und behebt Podagra (Sulfur-Sal-Effekt)" (Paracelsus: III/448).
Ferner: "Melissa ist von allen Dingen, die die Erde hervorbringt, die beste Pflanze für das Herz." (Paracelsus: III/452). Das Herz ist die Schnittstelle von Leib, Seele und Geist.
Der Beifuß: "Wein von Artemisia ist sehr gut, wenn man Artemisia in Wein gären lässt (...) dies ist eine sehr gute Arznei für alle Frauenkrankheiten" (Paracelsus: III/532). Das Rezept zeigt die gute hormonelle Wirkung einer Merkurzubereitung.
Quecksilber und seine Verbindungen
Fixierung von Quecksilber
Die Fixierung (Koagulation) von Quecksilber.
Aus "Della Transmutatione Metallica", 1572
"Mercurius wird in der Philosophia adepta nicht für ein Metall gehalten" (Paracelsus: I/604).
Quecksilberverbindungen waren für Paracelsus von größter Bedeutung, weil sie den Merkurcharakter des Quecksilbers mit Sulfur und Sal in Verbindung zeigen. Er verwendete vor allem Sublimat (HgCl2). Es ist sublimierbar (Merkuraspekt und Erde-Luft-Verbindung), wirkt stark ätzend, ist sauer und stark giftig (drei Sulfuraspekte).
In seiner Zeit trat die Syphilis als schreckliche Hautkrankheit auf, die den Betroffenen meist innerhalb von sechs Wochen tötete (Merkur-Sulfur-Krankheit). Wie er Quecksilberverbindungen einsetzte, ist aus seinen Schriften nicht genau zu entnehmen. Jedenfalls wurde er durch seine Quecksilberkuren bei Syphilis schlagartig berühmt.
Auch Kalomel (Hg2Cl2) hat er viel verwendet. Kalomel ist relativ ungiftig, es zeigt einen starken Salaspekt (schwarze Farbe, schmeckt süß).
Ebenfalls gebrauchte er oft auch Turpeth minerale, bei ihm Turbith genannt (2HgO x HgSO4). Dies ist ein fast vergessenes Mittel für chronische Leiden von Lunge und Dickdarm. Es ist als homöopathische Zubereitung - Mercurius sulfuricus - noch erhältlich.
Zink und seine Verbindungen
Sublimation von Tutia
Sublimation von Tutia (Zinkoxid) zur Verstärkung des merkuriellen Prinzips.
Aus "Alchemie des Geber", 1541 (Reprint 1922)
Paracelsus erkannte vermutlich als erster, dass Zink ein neues Metall ist. Seine Flüchtigkeit zeigt den Merkur-Charakter an. Er hat Zinkverbindungen gern und viel bei Nerven-, Haut- und Augenleiden verwendet (Merkurkrankheiten), z.B. Tutia (ZnO), Galmei (ZnCO3) und weißes Vitriol (ZnSO4 x 7H2O).

Im folgenden kommen wir zu Arzneimitteln, die stark vom Sulfur geprägt sind.

Arsen, Antimon und ihre Verbindungen
Diese beiden Halbmetalle und ihre Verbindungen sind stark giftig und müssen unter allen Umständen zu weniger giftigen Zubereitungen verarbeitet werden. Außer dem Sulfurcharakter zeigen sie in ihren Verbindungen auch Merkur- und Sal-Charakter. Die drei Prinzipien sind also gemeinsam ausgeprägt und bereits recht harmonisch verbunden. Die Natur ist in ihnen schon ein Stück des Wegs zum "Stein der Weisen" gegangen, sie sind also besonders wertvolle Rohstoffe. Arsen wie Antimon eignen sich deshalb sehr gut als Bestandteile komplizierter Rezepte, wenn die Entgiftung der Zubereitung gelingt. Paracelsus scheint der erste gewesen zu sein, der die innerliche Anwendung von Antimon gewagt hat. Beim Arsen hat er am liebsten den Hüttenrauch (As2O3) verwendet.
Antimon als Wolf
Antimon als Wolf. Im Mund trägt er das alchimistische Symbol.
Anonymer Holzschnitt
"Arsenicus ist ein Rauch (Merkuraspekt), der von Metallen kommt, besonders der vom Blei. Es ist ein Realgar oder der Russ der Metalle. Bei der Bereitung muss das Gift weggenommen werden" (Paracelsus: III/199).
Als Antimon bezeichneten die Alchimisten das Sulfid (Sb2S3), Antimonium crudum. Das Spießglas (Sb2O3) hat Paracelsus viel verarbeitet, zum flüchtigen Antimontrichlorid (SbCl3; Merkurialisierung) oder zu Antimonylchlorid (SbOCl) oder Algarot (Sb4O5Cl2); in den beiden letzteren Verbindungen ist das Antimon "fixiert" (Verstärkung von Sal). Antimonverbindungen wurden den meisten komplizierteren Zubereitungen zugesetzt, um die Harmonisierung der Prinzipien im Rezept zu verbessern.
Schwefel
Vitriol als fliegender Amor
Vitriol als fliegender Amor. Der Pfeil zeigt auf das alchimistische Symbol.
Anonymer Holzschnitt
Natürlichen Schwefel verwendete Paracelsus als Schwefelblüte nach Sublimation: "Roh soll er in der Arznei nicht gebraucht werden, sondern von seinen Schlacken geschieden werden, dann ist er eine vortreffliche Arznei" (Paracelsus: III/646).
Viele Chemiker wissen nicht, dass Schwefelblüten die Zusammensetzung S8O haben und nicht S8. Durch die Zersetzung der Oxide riechen Schwefelblüten nach SO2, reiner Schwefel (S8) ist geruchlos. Das Sublimieren hat den Merkuraspekt in das ursprünglich sulfurische Material eingebracht. Der Rohstoff für das Homöopathikum Sulfur ist Schwefelblüte.

Schwefelsäure
Man gewann sie durch Zersetzung von Vitriolen. Sie ist ein dickes, stark ätzendes, reaktionsfreudiges Öl (alles Sulfureigenschaften). Paracelsus verwendete die Schwefelsäure als Rohstoff zur Herstellung von Sulfaten, aber auch selbst als Arzneimittel zur Durchführung einer extremen Sulfurtherapie.
"Oleum Vitrioli ist ein Arzneimittel ohne jeden Zusatz aus dem Stoff, welcher in Vitriol enthalten ist. (...) Von diesem Arzneimittel gib drei Tropfen vermischt mit anderen Wassern zu trinken." (Paracelsus: II/93).
Eisen, Kupfer und ihre Verbindungen
Vitriol-Emblem
Vitriol-Emblem: Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem ("Besuche das Innere der Erde, dann destilliere und Du wirst den verborgenen Stein finden"), 17. Jhd.
Wie alle Metalle, außer Quecksilber, haben Eisen und Kupfer einen ausgeprägt sulfurischen Charakter.
Ihre leichte Korrosion zeigt den unedlen Charakter, der durch die Kunst verbessert werden muss. Als reine Metalle sind sie nur Rohstoffe. Ihre wertvollsten Verbindungen sind rotgefärbt (Sulfuraspekt). Diese Verbindungen eignen sich besonders zur Stoffwechselaktivierung, zur Rekonvaleszenz allgemein, zur Vitalisierung und in der Geriatrie.
Die wesentlichen Metalle zur Lebensverlängerung sind nach Paracelsus nicht Gold, sondern Eisen und Kupfer. Die Farbe Rot ist eine Signatur der Lebensenergie. Schon der urgeschichtliche Mensch hat die Toten mit Rötel (Eisenoxid) bestreut.
Die oben genannten Indikationen erfordern Sulfur-Sal-Rezepte, weil man Sal allgemein bei chronischen Prozessen benötigt. Von Metallverbindungen haben Oxide, Carbonate, Fluoride und insbesondere Sulfate etwas Salhaftes. Metallsulfate, die Vitriole, waren in der Paracelsuszeit normale Handelsartikel. Erhältlich waren grüner Vitriol (Eisensulfat), blauer Vitriol (Kupfersulfat), weißer Vitriol (Zinksulfat) und natürliche Mischungen aus dem Bergbau. Beim Brennen der Vitriole entstehen zunächst basische Sulfate, dann schwefelfreie Oxide.
Colcothar ist ein nicht zu stark geglühter Vitriol, die beste Qualität soll Kupfer und Eisen enthalten. Chemisch ist es ein Kupfer-Eisen-Oxid-Sulfat. Paracelsus hat Colcothar (damals apothekenüblich) komplizierteren Zubereitungen zugesetzt, als alleinige Arznei aber nur äußerlich verwendet. Das Colcothar soll bereits rötlich gefärbt sein. Eisenverbindungen geben bei kräftigem Glühen rotes Eisen-III-oxid (Fe2O3), den Crocus Martis. Einen raffinierteren Crocus Martis, der sicher bessere Wirkung zeigt, hat Paracelsus beschrieben: Er löscht ein glühendes Stahlblech wiederholt in Essig, bis dieser "schön rot" ist, anschließend wird eingedampft. Der Rückstand ist "ein gar edler Rost des Mars" (Paracelsus: III/244). Die erhaltene Verbindung ist basisches Eisen-III-acetat (Fe(OH)2CH3CO2). Es ist homöopathisch als Ferrum aceticum erhältlich und sollte sicher mehr Anwendung finden.
Kupfer: Die Farbe zeigt, dass es ein relativ edles, sulfurisches Metall ist, ähnlich dem Gold. Paracelsus verwendete besonders den Crocus Veneris (Cu2O), der seit der Antike durch Kochen von Kupfersalzen mit Honig hergestellt wurde ("ägyptische Salbe"). Als Rezeptbestandteil findet man bei ihm häufig Grünspan (Cu(OH)CH3CO2), den er aus Kupfer, Essig und Honig herstellte. Für innerliche Zwecke hat er ihn zu Crocus Veneris weiterverarbeitet. Crocus Veneris, homöopathisch als Cuprum oxydatum rubrum oder Cuprit im Handel, ist eines der stärksten energiezuführenden Mittel. Wie alle Metalloxide hat es einen erheblichen Salaspekt, der günstig zur Beeinflussung chronischer Leiden ist.
Gold
Ist die edelste Manifestation des Prinzips Sulfur. Es muss aber verarbeitet werden, am besten durch Auflösung in Königswasser, einem sulfurischen Corrosivum, und anschließender Reduktion zu kolloidem Gold durch langes Kochen in einer Kräutertinktur.
Pflanzen und Pflanzenprodukte, die stark vom Sulfur geprägt sind
In den hinterlassenen Schriften Hohenheims sind etwa hundert Pflanzen erwähnt. Die meisten sind in erster Linie Repräsentanten des Prinzips Sulfur. In der Regel sind sulfurische Pflanzen an Sulfursignaturen erkennbar. Alle Pflanzen der folgenden Liste werden in den Rezepturen des Paracelsus lobend erwähnt, sie sind nach den einzelnen Sulfursignaturen geordnet.
• Gelbe Farbe:
Berberitze, Johanniskraut, Schöllkraut
• Bitterer Geschmack:
Andorn, Ehrenpreis, Tausendgüldenkraut, Wermut
• Scharfer Geschmack:
Brennnessel, Christrose, Galgant, Germer, Ingwer, Meisterwurz, Wasserpfeffer.
• Aromatischer Geruch und Geschmack:
Cardamom, Cubeben, Kalmus, Koriander, Muskat, Nelken, Nelkenwurz, Safran, Silberdistel, Zimt, Zitwer. Die enge Beziehung zwischen Sulfur und dem Element Feuer sowie der astrologischen Zuordnung zur Sonne zeigt sich in diesen Materialien.
• Stark riechende Öle und Harze:
Bernstein (beim Erwärmen), Drachenblut, Galbanum, Kampfer, Lärchenterpentin, Lorbeeröl, Myrrhe, Olivenöl, Skammonium, Wacholderöl, Weihrauch. Harze sind sulfurisch, haben aber zusätzlich einen Salaspekt.
Aus der Liste von Pflanzenmaterialien nach Signaturen hat Paracelsus am meisten geschätzt: Johanniskraut, Schöllkraut, Christrose, Wasserpfeffer, Nelkenwurz, Safran, Silberdistel, Bernstein, Galbanum, Lärchenterpentin, Wacholderöl. Weitere (eher merkurielle) Lieblingspflanzen waren Beifuß, Dill, Melisse, Rose, Wegerich.
Vom Prinzip Sal geprägte Arzneimittel
Zu Sal gehören kristalline Salze und Basen, darunter auch die Pflanzenaschen. Sämtliche Stoffe hat Paracelsus sehr viel verwendet, aber fast nur zur Weiterverarbeitung in komplizierteren Rezepturen. Stoffe des Prinzips Sal haben eine stark konservierende Wirkung und sind in Rezepten für chronische Leiden unentbehrlich.
Kochsalz schätzte er ebenfalls, vor Weiterverarbeitung hat er es geglüht (Beziehung Feuer - Erde). Den Weinstein (Kaliumbitartrat) schätzte er als Sal-Rohstoff. Gewöhnlich glühte er ihn zu Pottasche (K2CO3), diese findet sich regelmäßig als Rezepturbestandteil bei der Aufarbeitung komplizierter Gemische.
Sal manifestiert sich in den Wurzeln von mehrjährigen Pflanzen. In ein Rezept für ein chronisches Leiden gehört mindestens eine solche Wurzel. Paracelsus verwendete hierfür vor allem Wurzeln von Doldenblütlern wie Bibernelle, Engelwurz, Liebstöckel und Meisterwurz.
Besonders wichtig sind bei ihm folgende vom Prinzip Sal geprägte Stoffe: Honig (Signatur der Süße), Perle und Koralle (beide sind chemisch Calciumcarbonat und haben die Elementenzuordnung Erde und Wasser). Diese drei Stoffe waren für ihn aber nur zur Weiterverarbeitung bestimmt.
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Die vier Spezialzubereitungen des Paracelsus

Diese hat er Magisterium, Quintessenz, Arkanum und Elixier genannt. Die vier Zubereitungen sind die Essenz seines Wissens und Könnens als Laborant und als Heiler.
Die Spezialzubereitungen werden aus mehreren bis vielen Einzelstoffen auf den anspruchsvolleren Wegen der Spagirik hergestellt.
Magisterium (Paracelsus: III/49-60)
"Das ist ein Magisterium, das von den Dingen ohne Scheidung abgezogen wird" (Paracelsus: III/49).
Zueinander passende Stoffe werden gemischt und etwas aufgearbeitet. Ein Pflanzenmagisterium ist bereits beschrieben (siehe oben bei Branntwein).
Magisterium aus Perlen: Perlen in Essig lösen und anschließend eindampfen. Der Rückstand ist ein wirksames Verjüngungsmittel.
Magisterium aus Korallen: Korallen mit Salpeter glühen und mit Weinbrand ausziehen, anschließend abdestillieren und das Destillat eindampfen. Der Rückstand ist ein Mittel gegen Angstzustände.
Magisterium aus Metallen: Metallpulver vier Wochen mit hochprozentigem Alkohol am Rückfluss kochen. Den Alkohol eindampfen. Der ölige Rückstand ist das Magisterium.
Quintessenz (Paracelsus: III/21-37)
Putrefactio
Putrefaktion mit Sonnenlicht und Brennspiegel, 17. Jhd.
"Quinta Essentia ist, wenn die Natur über ihren gewöhnlichen Grad gestärkt wird" (Paracelsus: III/751).
Quintessenz aus Pflanzen: Längerer Auszug aus Frischpflanzen in der Wärme. Längeres Kochen am Rückfluss. Das Lösungsmittel ganz vorsichtig abdestillieren. Der dicke ölige Rückstand ist die Quintessenz.
Sehr gut eignen sich z.B. Melisse, Nieswurz, Schöllkraut, Silberdistel, Wacholder und alle psychoaktiven Pflanzen einzeln oder, noch besser, in Mischung. Das Auszugsmittel ist Wein oder Weinbrand.
Metalle oder Mineralien muss man in Säuren lösen, danach folgen mehrere längere Wärmeanwendungen und Destillationen. Der Rückstand nach der letzten Destillation ist ein weißes Pulver, das zerfließlich ist. Die Quintessenz ist der potenzierte Stoff.
Arkanum (Paracelsus: III/37-48)
Vorlesung
Paracelsus hält eine Vorlesung über das "Elixier vitae". David Scott, 19. Jhd.
"Ohne ein Corpus sind die Arcana, sie sind Arzneien, die du so verstehen sollst" (Paracelsus: II/371).
Dies sind bereits spagirische Zubereitungen, die nur der Begnadete herstellen kann. Die Arznei ist in ihnen bereits weitgehend vergeistigt. Merkur und Sulfur sind harmonisiert, also kann man mit dem Arkanum merkurielle und/oder sulfurische Leiden behandeln. Dies sind z.B. alle entzündlichen Prozesse und Leiden, bei denen sich ein Wechsel des Krankheitsbilds oder neurologische Symptome zeigen. Bei der Herstellung der Arkana muss man die Substanz zuerst zerstören, z.B. "Tötung" der Metalle durch Oxidation oder Säureauflösung. Anschließend findet eine Wiederherstellung statt (= Wiederbelebung). Über Details bei der Herstellung hat Paracelsus wenig veröffentlicht. Wie bei der Quintessenz finden wiederholte Wärmeprozesse und Destillationen statt. Zur Herstellung dienen Gemische aus Metallsalzen, Koralle, Pflanzenharzen, -samen und -wurzeln, die in bestimmter Reihenfolge zugesetzt werden. Paracelsus konnte nachweislich auch schwere Erkrankungen wie Wahnsinn, Schwerstinfektionen und Krebs heilen, doch ist uns sein Wissen nicht genau überliefert. Seine Schriften sind ausnahmslos nicht als Kochbuchanleitungen gedacht, sondern als Lehrtexte zum Verstehen des Wesens von Krankheit und Heilung.
Elixier (Paracelsus: III/73-81)
Das Elixier
"Das Elixier": Auf der Erde befinden sich sieben Blumen (Planeten) und ein Würfel (Sal). Darüber befindet sich Merkur zwischen Sonne und Mond. Eine weitere Stufe höher ist das Sulfur-Symbol mit dem Phönix dargestellt, auf dem Saturn steht; 1760
"Ein Elixier ist ein innerer Erhalter des Körpers in seinem Wesen, wie es ihn ergreift. So wie ein Balsam ein äußerer Erhalter aller Körper vor Fäulnis und Zersetzung ist" (Paracelsus: III/73).
Im Elixier sind alle drei Prinzipien harmonisiert. Elixiere sind hiermit grundsätzlich Arzneien für chronische Leiden, die allen Therapieansätzen widerstehen. Sie wirken reinigend auf Geist, Seele und Leib. Die Herstellung erfolgt aus den edelsten Stoffen aller Naturreiche, z.B. Aloe, Melisse, Myrrhe, Safran, Schöllkraut, Ambra, Moschus, Perle, Koralle, Honig, Gold, Branntwein, Weinstein. Vielfach ist es sinnvoll, nicht die Stoffe selbst, sondern ihre Quintessenzen einzusetzen.
Metalle und Mineralien müssen wieder gelöst werden, die Wärmeprozesse (Digestion) dauern Monate. Längere Sonnenbestrahlung ist von Nutzen. Den Weinbrand zur Herstellung muss man vor Verwendung vier Wochen am Rückfluss kochen.
Wie beim Arkanum hat sich Paracelsus zum Elixier nicht detailliert geäußert. Er hat nur den Weg gezeigt, der zum Ziel führen kann. Die genannten Rohstoffe haben alle eine Affinität zu Gold. Erst in einer goldhaltigen Zubereitung vom Elixiertyp können die sonnenhaften Heilkräfte des Goldes richtig freigesetzt werden. Mit dem Elixier kann man das Saturnhafte umwandeln. Im alchimistischen Sinne ist dies die Verwandlung (Heilung) von Krankheit (Saturn - Blei) in Gesundheit (Sonne - Gold).
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Anmerkungen

  1. Sämtliche Zitate sind der vierbändigen Aschner-Ausgabe entnommen. [zurück]

Literatur

  • Amann, Max:
    - Pflanzen für ein langes Leben, Naturheilpraxis 2/95 (S. 139-144)
    - Die hermetischen Grundlagen der Spagirik, Naturheilpraxis 10/97 (S. 1564-1570)
    - Der Alchimist Paracelsus, einige seiner Kunstgriffe zur Herstellung wirksamer Arzneien, Naturheilpraxis 5/98 (S. 723-731)
    - Paracelsusmedizin (zus. mit Rippe, Olaf / Madejsky, Margret / Ochsner, Patrizia / Rätsch, Christian), AT-Verlag, 2001
  • Hickel, Erika:
    Chemikalien im Arzneischatz deutscher Apotheken des 16. Jahrhunderts, Braunschweig, 1963
  • Klutz, Monika:
    Die Rezepte in Oswald Crolls Basilica Chymica (1609) und ihre Beziehungen zu Paracelsus, Braunschweig, 1974
  • Paracelsus:
    Sämtliche Werke; Herausgeber Bernhard Aschner, Verlag Gustav Fischer, Jena, 1926 (Sämtliche Zitatangaben beziehen sich auf Band und Seite dieser Ausgabe)
  • Priesner / Figala:
    Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München 1998
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Sämtliche vorgeschlagenen Therapiehinweise und Rezepte haben ausschließlich einen modellhaften Charakter. Die Artikel sind im Inhalt nicht zeitlich angeglichen, sondern im Original des Erscheinungsdatums dargestellt. Das der Arzneimarkt starken Umwälzungen ausgesetzt ist, kann es sein, dass genannte Präparate nicht mehr im Handel sind oder eine andere Bezeichnung erhalten haben - bitte fragen Sie diesbezüglich bei Ihrem Apotheker nach. Sollten Sie weder Heilpraktiker, Arzt oder Apotheker sein, bedenken Sie bitte bei einer Selbstmedikation, dass hierfür ausreichende Kenntnisse der Heilkunst erforderlich sind.
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