![]() "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt dem Auge verborgen." Antoine de Saint-Exupéry |
Die Sonne im MenschenDas Herz in der traditionellen abendländischen Medizinvon Olaf Rippemit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Naturheilpraxis |
Das Herz - Maschine oder Heimat der Seele?Einige Jahre, nachdem der englische Arzt William Harvey 1616 den Blutkreislauf entdeckte, meinte René Descartes, dass das Herz der Mechanik einer Uhr oder eines Springbrunnens gleichen würde. 1929, knapp 300 Jahre später, legte man den ersten Herzkatheter, 1958 setzte man den ersten Herzschrittmacher ein und 1967 folgte die erste Herztransplantation.Doch was war das Herz, bevor die Wissenschaftler der Renaissance ihr mechanistisches Weltbild formulierten und damit die Triumphe der Chirurgie einläuteten? | ||
Noch Hildegard von Bingen sprach vom Herzen als Heimat der Seele ("domus animae"). Sie glaubte, dass vom Herzen unsere Gedanken ausgehen, die im Gehirn auf seltsame Weise umgeformt werden. Ähnliches vermutete Paracelsus: "Wisset nun ferner vom Sitz und der Stätte der Seele, dass sie im Herzen sitzt, mitten im Menschen." Hätte man niemals an dieser Weltsicht gezweifelt, es wäre sicher zu keiner Herztransplantation gekommen. Nur weil man es wagte, das Tabu der Totenruhe zu brechen und weil man die Seele aus dem Körper verbannte, konnte ein Leonardo da Vinci seine anatomischen Studien durchführen und nur solche Studien machten die Entdeckungen Harveys möglich. Doch etwas sollte einen vielleicht nachdenklich stimmen: Heute stirbt in den Industrieländern jeder Zweite an Herz-Kreislaufkrankheiten, dies ist aber erst seit einigen Generationen der Fall und unter "Naturvölkern" ziemlich selten. Ist es nicht verwunderlich, dass, je mehr man dem Herzen die Seele raubte, es umso häufiger erkrankte? In einer entzauberten und technokratisierten Welt, in der das Herz ein austauschbares, seelenloses Ding ist, kann es nur zu Stein erstarren. Doch "die Seele ist ein Feuerauge, oder ein Feuerspiegel, darin sich die Gottheit hat geoffenbaret (...). Sie ist ein hungrig Feuer und muss Wesenheit haben, sonst wird sie ein hungrig finster Tal" (J. Böhme, zit. n. A. Roob). |
Die Beziehung von Makro- und Mikrokosmos
1543 veröffentlichte Nikolaus Kopernikus seine Vorstellungen über das heliozentrische Weltbild. Die Sonne als Zentrum der Planeten kannte man in der hermetischen Astrologie allerdings schon lange vorher. Die göttliche Ordnung der kosmischen Kräfte wie sie auch Kopernikus geläufig war, nennt man chaldäische Reihe. Sie beginnt mit dem Mond, der von der Erde aus gesehen am schnellsten durch den Tierkreis läuft und endet mit Saturn, dem entferntesten der damals bekannten Wandelplaneten. Die Sonne nimmt dabei die goldene Mitte ein: Erde - MOND - Merkur - Venus - SONNE - Mars - Jupiter - SATURN. Als Renaissance-Mensch und Astronom abstrahierte Kopernikus diese Weltsicht. Er verließ in Gedanken die Erdenmutter, von der aus man bis dahin die Welt betrachtet hatte und schaute in das Universum wie es bisher nur Gott vorbehalten war. Doch er war ebenfalls Astrologe und Anhänger der kabbalistischen Wissenschaft, und als solcher vertrat auch er die Idee einer höchsten Intelligenz, die den Lauf der Gestirne lenkt. Diese Kraft und die Sonne sind in der hermetischen Astrologie miteinander identisch. Kopernikus schrieb hierzu: "In der Mitte aber von allem steht die Sonne. Denn wer wollte diese Leuchte in diesem wunderschönen Tempel an einem anderen oder besseren Ort setzen als dorthin, von wo aus sie das Ganze zugleich beleuchten kann? Zumal einige sie nicht unpassend das Licht, andere die Seele, noch andere den Lenker der Welt nennen. Trismegistos bezeichnet sie als den sichtbaren Gott, die Elektra des Sophokles als den Allessehenden. So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Thron sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne." (zit. n. Bauer/Dümotz/Golowin). Nach hermetischer Vorstellung ist der Himmel, der Makrokosmos, nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten aufgebaut wie die Erde, der Mikrokosmos, wobei der Mensch mit der Erde identisch ist. Wenn es also am Himmel ein energetisches Zentrum gibt, die Sonne, dann muss es dies auch auf der Erde und damit im Menschen geben. Paracelsus schrieb hierzu: "Das Herz ist die Sonne, und wie die Sonne auf die Erde und sich selbst wirkt, also wirkt auch das Herz auf den Leib und sich selbst. Und ist dieser Schein auch nicht der der Sonne, so ist er doch der Schein des Leibes, denn der Leib muss an dem Herzen Sonne genug haben. (...) Alles, was im Menschen ist, hat sein Leben durch die Sterne und durch die Sonne lebt das Herz der großen Welt, es lebt auch das Herz der kleinen Welt." |
Der Mensch als Abbild des Kosmos
Wir sehen einen Menschen, der von einem Kreis umgeben ist, dessen Mittelpunkt im Geschlecht liegt. Der Kreis mit einem Punkt in der Mitte ist das astrologische Symbol der Sonne (Q). Im oberen Teil ist der Kreis hell, im unteren dunkel. Der Mensch ist durch eine vertikale und eine horizontale Linie in vier Abschnitte geteilt. Der Kreis mit einem Kreuz ist ein uraltes Symbol für die Harmonie von Geist und Materie und für den Lauf der Sonne durch den Tierkreis; man findet es bereits als steinzeitliche Felszeichnung. Durch die zwei Tagundnachtgleichen ist das Jahr in eine dunkle und eine helle Zeit geteilt, durch die zwei Sonnenwenden entstehen vier gleiche Abschnitte, die vier Jahreszeiten. Das Ganze bildet auch eine Analogie zum Horoskop. Dieses ist ebenfalls in vier Abschnitte unterteilt, den Lebensaltern. Der Kreis symbolisiert die Sternzeichen, der Mittelpunkt ist die Erde auf der wir stehen, er ist gleichzeitig der Mensch wie er in den Kosmos schaut. Das Sternzeichen, das zum Zeitpunkt der Geburt im Osten aufgeht, bildet den Aszendenten, die schöpferische Ausdrucksfähigkeit des Menschen, dargestellt durch die rechte Hand, die in das Dunkel greift. Ebenfalls von Bedeutung ist der oberste, nördlichste Punkt, der Medium Coeli, der im Horoskop die Berufung anzeigt. Dieser Punkt wird von einem leuchtenden Strahlenkranz berührt, in dem der geheime kabbalistische Name Gottes "iod-he-vau-he" geschrieben steht. Dies ist "ein heiliges Wort, das dem Sterblichen (...) den Schlüssel zu allen göttlichen und menschlichen Wissenschaften gibt" (Papus). "Iod" ist der geistige Ursprung der Schöpfung. Das erste "he" ist die Dualität oder der Raum. "Vau" ist die dialektische Beziehung von Geist und Materie; das Göttliche ist also in Wahrheit eine Trinität. Das zweite "he" ist der Übergang von der metaphysischen in die physische Welt, der Mensch als Abbild des Kosmos. Die vier Buchstaben deuten auch auf die vier Elementarkräfte Feuer, Wasser, Luft und Erde hin. Diese bilden die geistige Grundlage des Lebens; ihr Ursprung ist etwas Fünftes, die Quintessenz (hier: die Strahlenkrone). Im Menschen bilden diese vier Kräfte vier geistartige Leiber aus. In unserem Bild sind dies einerseits die vier Kreise um das Geschlecht als Mittelpunkt, andererseits die vier kleinen Kreise im oberen Körperbereich, die nur zur Hälfte angedeutet sind. Im Innersten finden wir als einzig sichtbaren, den physischen Lieb. Dieser korrespondiert mit der Mineralwelt und dem Element Erde; seine Qualitäten sind zusammenziehend, verhärtend und kalt. Der Zweite ist der Lebensleib, er umschließt den Bauchraum. Seine unsichtbare Aufgabe ist die Erhaltung der Vitalität. Er korrespondiert mit der Pflanzenwelt und dem Element Wasser. Die Qualitäten sind formgebend und ebenfalls kalt. Der Astralleib bildet den dritten Körper, der mit unserer animalischen Gefühlsnatur verbunden ist und den man dem Element Luft zuordnet. Er umschließt den Brustraum und seine Qualitäten sind Expansion und Wärme. Der vierte Körper, der den Kopfbereich umfasst, ist der vernunftbegabte, mentale Leib, der nur dem Menschen eigen ist. Man ordnet ihn dem Element Feuer zu und seine Qualitäten sind Strahlung und Wärme. Es ergibt sich somit eine Polarität. Auf der einen Seite sind dies die kalten Elemente Erde und Wasser, auf der anderen die warmen Elemente Luft und Feuer. |
Im übertragenen Sinne inkarniert an diesem Punkt die unsterbliche Seele und verbindet sich mit dem Körper. Nur weil die Seele bei der Geburt in die Dunkelheit hinabsteigt, ordnet sich die Materie nach kosmischen Vorbild an. Jeder Atemzug und jeder Herzschlag ist eine Erinnerung an die Polarität von Geburt und Tod, Wärme und Kälte. |
Rhythmus als Träger des LebendigenEine Gemeinsamkeit der Brustorgane Herz und Lunge ist das Rhythmische. Einatmen und Ausatmen der Lunge gleichen Diastole und Systole des Herzens. Um das Wesen des Rhythmischen zu begreifen, muss man sich nur die Abwesenheit vorstellen. Das Ergebnis ist wiederum eine Polarität. Auf der einen Seite wäre dies der Takt, die immer gleichbleibende, sich wiederholende Bewegung, auf der anderen Seite das chaotische Zufallsprinzip, die Arrhythmie. Der Takt zeigt ein Überwiegen von Kälte, das Arrhythmische dagegen ein Überwiegen von Wärme. Das Wesen des Rhythmischen ist jedoch die Neigung zum Ausgleich, der fließende Wechsel zwischen Wärme und Kälte, Ausdehnung und Zusammenziehung, je nach physiologischer Notwendigkeit. Der Rhythmus bildet also wie die Sonne, die goldene Mitte, er ist die vollendete Harmonie. Wie Rudolf Steiner formulierte, trägt der Rhythmus das Leben.
Denkt man länger darüber nach, stellt man überrascht fest, dass das Rhythmische eigentlich nicht erkranken kann, es kann höchstens seiner kompensierenden Funktion nicht mehr gerecht werden. Dies ist allerdings immer ein lebensbedrohlicher Zustand. Das Rhythmische Prinzip hat aber nicht nur eine physiologische Bedeutung, sondern auch eine geistige, zahlreiche Göttermythen und Heldensagen, die mit der Sonnenkraft in Beziehung stehen, zeugen davon. In der germanischen Mythologie der Weltenentstehung gab es am Anfang Kälte und Dunkelheit im Norden, Hitze und Helligkeit im Süden. Feuer und Eis bilden die ursprüngliche Polarität des Lebens. Heiße Winde schmolzen das Eis und die fallenden Tropfen wurden lebendig durch die Kraft, die das Feuer sandte. Das Leben wurde also nur durch die harmonische Mischung der Gegensätze möglich. So entstand der Riese Ymir, der zugleich männlich (warm) und weiblich (kalt) war. Bei dem römischen Dichter Ovid lesen wir, wie Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, einst seinem Vater den Sonnenwagen raubte, der von vier (!) Pferden gezogen wurde. Die Pferde symbolisieren die Elemente und Himmelsrichtungen, der Wagen dagegen die Quintessenz, das fünfte Element. Jung und unbe"sonne"n wie er war, beherrschte Phaeton die wilde Natur der Himmelsrosse nicht. Einmal fuhr er zu hoch am Himmel und das Leben auf der Erde erfror, das andere Mal fuhr er zu tief und verbrannte die ganze Natur. Zeus war darüber so erbost, dass er den Jüngling kurzerhand tötete. Ein anderer Mythos erzählt von der Flucht des Ikarus aus dem Labyrinth, in dem man den menschenfressenden Minotaurus gefangen hielt. Da ein normales Entrinnen unmöglich war, bastelte der einfallsreiche Vater Daidalos ihnen Flügel aus Federn und Wachs. Besorgt, schärfte er seinem Sohn ein, weder zu hoch, noch zu tief zu fliegen, da sonst entweder die Sonne das Wachs schmelzen oder das Wasser die Flügel zu schwer machen würde. Doch als Ikaros seine Be"geist"erung nicht mehr zügeln konnte und zu hoch flog, da schmolz das Wachs, so dass er ins Meer stürzte und starb. Die drei ausgewählten Geschichten offenbaren das Geheimnis des rhythmischen Prinzips, das ist das richtige Maß oder die richtige Mischung. Dies war ebenfalls eine der Botschaften des griechischen Lichtgottes Apollon, den man wie Helios mit der Sonne assoziierte: "Alles mit Maß, nichts im Unmaß." |
Erkenne Dich selbstAuf den Toren zu den Tempeln des Lichtgottes Apollon in Delphi standen die Worte: "Erkenne dich selbst", denn das Erkennen bewirkt das richtige Maß, die Mäßigung das Erkennen. Auf der Suche nach Erkenntnis vollbrachte Herakles zwölf Heldentaten, die ihn in andere Welten führten und mit wilden Fabelwesen kämpfen ließen. Der Mythos ist nichts anderes als der Weg der Sonne durch den Jahreskreis. Er symbolisiert jedoch auch den Menschen als solchen, der in verschiedenen Inkarnationen die Qualitäten der einzelnen Sternzeichen durchlebt, um seine Einmaligkeit von ganzem Herzen zu begreifen. |
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Es ist daher auch kein Zufall, dass Jesus zwölf Jünger hatte und nicht elf oder fünfzehn. Sie sind die Sternzeichen, und Jesus ist als Dreizehnter die Sonne, beziehungsweise der erwachte Mensch. Die mythologischen Überlieferungen des Abendlandes sind geprägt von der Idee des erwachten Individuums und seiner Suche nach einer Harmonie mit dem Göttlichen. Der Held abendländischer Mythen folgt dabei der Stimme seines Herzens. Der Gralsmythos ist hierfür ein Beispiel. Am Hof von König Artus erschienen den zwölf (!) Rittern der Tafelrunde einst Engel mit einem verschleierten Kelch, dem goldenen Gral. Aber die Götterboten verschwanden wieder und hinterließen nicht nur verdutzte, sondern auch völlig verzückte Ritter. Sie waren sich sofort einig, nach diesem wundervollen Kelch zu suchen, um ihn ohne Schleier in seiner ganzen Wahrheit zu sehen. Allerdings sollte dies jeder für sich versuchen. Die Ritter begaben sich also jeder allein an eine andere Stelle des dunklen Waldes, der sie umgab. Kein Pfad sollte ihnen zeigen, wohin die Reise gehen würde. Nur so konnten sie ihrem Anspruch gerecht werden, ein Abenteuer zu erleben, wie es zuvor noch kein Mensch durchlebt hatte. Bestehen konnte dieses Abenteuer aber nur derjenige, der der Stimme seines Herzens gehorchte, allen anderen blieb der Gral versagt. Der Mythologe Joseph Campbell vergleicht den Gral mit einem unerschöpflichen Füllhorn göttlicher Lebenskraft. Der Kelch ist die Quelle im Zentrum des Universums, aus dem die ewigen Energien in die zeitliche Welt strömen. Aus dem Gral zu trinken, heißt die Wahrheit zu trinken, die jeder in seinem Herzen trägt. |