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Auf der ganzen Welt spielt das Wasser im Schöpfungsmythos eine entscheidende Rolle. Für die alten Ägypter gab es vor der Erschaffung der Welt das dunkle Urmeer, aus dem sich eine Insel mit einem leuchtenden Ei auf der Spitze erhob. Diesem Ei entstieg der Sonnengott Ra und das gesamte Universum erstrahlte in seinem Licht. In der Bibel lesen wir, dass der Geist Gottes über dem Wasser schwebte, lange bevor Leben, geschweige denn der Mensch entstand und der griechische Philosoph Thales von Millet erkannte im Wasser den Urgrund des Seins. Diese Sichtweise ist naheliegend, bedenkt man, dass allein der menschliche Organismus zu mehr als zwei Dritteln aus Wasser besteht - eigentlich ist unsere feste Form ein Wunder. Wasser ist der energetische Träger der Lebenskräfte, mit deren Hilfe der Energieaufbau, aber auch die Regeneration und damit Heilprozesse möglich werden. Obwohl so wichtig, ist Wasser eigentlich eine ausgesprochen gewöhnliche Substanz, jedoch mit ungewöhnlichen Eigenschaften. Es entsteht aus dem häufigsten und dem dritthäufigsten Element des Universums, nämlich Wasser- und Sauerstoff im Verhältnis 2:1. Doch dies ist nicht alles: "Wasser ist H2O, zwei Teile Wasserstoff, ein Teil Sauerstoff, aber da ist noch ein Drittes, das Wasser ausmacht, und niemand weiß, was das ist" (D.H. Lawrence).
Nach überlieferter Vorstellung ist das Wasser außerdem von machtvollen Wesenheiten beseelt. Wir kennen Nymphen, Undinen, Sirenen oder die Loreley und vielerorts findet man Marienfiguren an Quellen, was an die frühere Naturverehrung unserer Vorfahren erinnert. Besonders Quellen gelten bis heute auf der ganzen Welt als heilig. Viele kennt man seit Generationen wegen ihrer spezifischen Heilkraft, manche gelten sogar als wundertätig. Andere wiederum kennt man als Wunschbrunnen, Orakelstätte oder als Ort der Einweihung. Diese besondere Wertschätzung lässt sich mit dem Mineralgehalt einer Quelle einfach nicht erklären. Paracelsus nannte diese magische Kraft "das Licht der Natur" und wessen Augen durch die Wissenschaft nicht völlig erblindet sind, der kann dieses Licht an einer Quelle besonders intensiv wahrnehmen. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen. |
Bad Pfäfers - ein Jungbrunnen in den Schweizer Alpen
Heute ist das alte Bad geschlossen und das Thermalwasser wird nach Bad Ragaz ins Tal gepumpt, wo man bequem und nach Belieben im Wasser baden kann. Kaum ein Besucher ahnt, welche Strapazen man noch im 16. Jahrhundert auf sich nahm, um in diesem Jungbrunnen Heilung zu finden. Das Wasser entspringt in der wilden und engen Taminaschlucht, die frühere Autoren auch das "End der Welt" und einen "Schreckensort" nannten. Da es in alter Zeit nur einen halsbrecherischen Abstieg über eine Felsentreppe gab, wurden Betagte oder Gehunfähige mit Körben in die Tiefe abgeseilt. Ohrenbetäubendes Donnern des Wassers und ein ständiges Zwielicht ohne Sonne empfing die Heilsuchenden. Da es sonst keine Möglichkeit gab, hatte man die Örtlichkeiten zum Baden einfach über das Wasser gebaut. Dort saß man dann bis zu sieben Tage lang praktisch ununterbrochen in Badewannen, selbst die Mahlzeiten wurden im Wasser eingenommen. Immer noch ist ein Besuch der Schlucht ein beeindruckendes Erlebnis, auch wenn man dort schon lange nicht mehr baden kann. Bereits im 17. Jahrhundert leitete man das Wasser aus der Schlucht heraus, da ein stetig zunehmender Besucherstrom größere Gebäude notwendig machte und 1969 verlegte man den Badebetrieb ganz nach Bad Ragaz. Man glaubt es kaum, doch Bad Pfäfers war einmal einer der bedeutendsten Kurorte Europas, worauf auch die Bezeichnung "regina delle acque occidentali" hinweist (Königin der Bäder im Abendland). Berühmtheiten wie Zwingli, von Hutten, Lavater, Schelling, Victor Hugo, Nietzsche oder Thomas Mann kurierten hier ihre Leiden. Paracelsus (1493 - 1541) war einer der ersten, der die Heilwirkung näher beschrieb, z.B. in seiner Schrift "Über die natürlichen Bäder" und vor allem in dem Büchlein "Vom Ursprung und Herkommen des Bads Pfeffers", das inzwischen von Gunhild Pörksen neu herausgegeben wurde, zusammen mit einer brillanten Einleitung zum Thema. In dem alten Badehaus findet man auch eine der wenigen Gedenkstätten, die an das Wirken dieses außergewöhnlichen Heilers und Philosophen erinnern. Bemerkenswert ist zunächst die gleichbleibende Temperatur von knapp 37°C, die natürlich auch Paracelsus nicht entging. Beim Baden fühlt man sich wie im Mutterschoß. Paracelsus schrieb: "Viel bewirkt bei diesen Krankheiten die wassereigene Wärme, die so lieblich mit der menschlichen Natur übereinstimmt." Die natürliche Wärme wirkt beruhigend und sedierend auf Nerven und Kreislauf. Wichtig ist daher auch eine genügende Ruhe nach dem Bad, bei der fast jeder in einen tiefen Heilschlaf fällt.
Die regenerierende Wirkung von Melisse auf das Immun- und Nervensystem dürfte allgemein bekannt sein. Paracelsus liebte die Pflanze sehr und sie war sein wichtigstes Heilmittel bei psychosomatischen Beschwerden und bei Herzleiden aller Art. Doch was verbirgt sich hinter den anderen Namen? Mit Elleborus albus und niger sind die weiße und die schwarze Nieswurz gemeint, also Veratrum album und Helleborus niger. Beide Pflanzen verwendete Paracelsus gegen Wahnsinn, die weiße bei Jugendlichen und die schwarze beim Wahn älterer Menschen sowie als Purgativum und als Geriatrikum. Agrimonia ist der Odermennig, ein gelbblühendes Rosengewächs, das man wegen seiner eigentümlichen Früchte auch als Leberklette bezeichnet. Odermennig taucht vor allem in seinen Rezepten zur Ausleitung auf, z.B. von Schwermetallen bei Bergarbeitern. Serpentina bezeichnet die Schlangen- oder Drachenwurz, eine Aronstabart aus dem Mittelmeergebiet, wahrscheinlich Arum italicum, die er vor allem als Wund- und Knochenmittel verwendete. Mit Mumia ist tatsächlich eine Mumie gemeint, die man früher als magisches Allheilmittel gebrauchte und auch Paracelsus schätzte die Wirkung sehr hoch ein. An einer anderen Stelle verglich er das Bad mit der Wirkung von Canthariden und der Flamula, dem Scharfen Hahnenfuß, beides Mittel zur Ableitung über die Haut. Er war außerdem der Meinung, dass man die Wirkung des Bades bei gleichzeitigem Gebrauch der wesensverwandten Pflanzen deutlich verstärken kann. Die Indikationen von Bad Pfäfers, die Paracelsus angab, sind der Wirkung der oben genannten Heilpflanzen daher sehr ähnlich. Besonders hob Paracelsus die ausleitende und stoffwechselaktivierende Wirkung hervor. Seine Worte: "indem es die materia, aus der die Krankheit kommt, herauszieht, zum andern, indem es diese materia auflöst", verweisen auf die resolvierende Wirkung, z.B. bei Grieß, Nieren- und Blasensteinen, aber auch bei Arthritis, Gicht und Rheuma, die er alle als Indikationen aufführte. Er schrieb: "So ist also dies Bad Pfäfers eine Purganz, um das herauszuziehen, was die inneren emunctoria (Ausscheidungsorgane) nicht ausscheiden können, es zieht heraus, und zwar mit Macht durch Fleisch und Haut." Ferner soll es bei Gebrechen der Frauen helfen, bei Auszehrung, Zittern, chronischen Fiebern und Tendenz zur Gelbsucht sowie bei schlecht heilenden Wunden und auch bei alten Brüchen soll ein Bad Wunder wirken. Seit dem 17. Jahrhundert benutzt man das besonders mineralarme Wasser übrigens auch für Trinkkuren bei Magenentzündungen und bei Nierenleiden zur Ausleitung. Paracelsus war von der universellen Wirkung absolut überzeugt und keine andere Quelle wurde von ihm derart lobend erwähnt. Seiner Meinung nach ist die Heilwirkung aber nicht durch natürliche Einflüsse entstanden, sondern direkt von Gott gegeben; er schrieb: "in den warmen Quellen, wie hier in Pfäfers, zeigt sich Gott selbst als der Nächste für alle Kranken, die er damit erquickt und heilt." |
Das wundertätige Öl der heiligen Walburga
Wer sich etwas länger in der Kapelle aufhält, der spürt vielleicht die immense Lichtqualität, die vom Erdinneren pulsierend nach oben strömt. Mit Sicherheit hat auch die mentale Energie der Pilger über die Jahrhunderte den Ort geprägt. Zusammen ergibt dies auf jeden Fall ein enormes heilsames Energiefeld. Wichtig ist dabei aber vor allem, dass man den Ort auf meditative Weise besucht und sich auf die Kraft vor Ort einlässt, damit ein alchemistischer Heilprozess stattfinden kann. Wer einfach nur das Wasser benutzt, braucht sich nicht wundern, wenn nichts Weltbewegendes geschieht. Es heißt auch, dass man beim Trinken gewisse Gebete sprechen soll, doch dies ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist, dass man sich beim Einnehmen an den Ort der Herkunft erinnert. Gebete oder andere Heilrituale sollen nur eine Verinnerlichung bewirken, denn Kontemplation und Hingabe bewirken zusammen die Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Es bleibt allerdings jedem selber überlassen, wie er seine Wahrnehmung intensiviert. Das Wasser ist hierbei als Erinnerungsträger zu betrachten, das mit den besonderen Informationen des Ortes seiner Herkunft angereichert ist. Durch Heilrituale bei der Einnahme wird diese Information aber auf besondere Weise aktiviert. Solche Rituale spielen auch bei den nächsten Beispielen eine wichtige Rolle. |
Wunschbrunnen in Irland
In Irland sind Quellen häufig der heiligen Brigid geweiht. Brigid ist nicht nur der Name einer Heiligen, sondern eine keltische Lichtgöttin, die man traditionell zu Lichtmess feiert, eine Zeit, in der die Tage langsam länger werden. Ihr heiliger Baum ist die Birke, die mit ihrer weißen Rinde und dem frischen Grün besonders lichtvoll strahlt und im keltischen Kulturkreis zu den heiligsten Bäumen zählt. Doch auch andere Bäume genossen höchstes Ansehen wie die Eiche, der Druidenbaum schlechthin oder die Linde, die man oft an Kultplätzen der Erdenmutter findet. In dem Örtchen Kildare, westlich von Dublin, ist die Verehrung der heiligen Brigid besonders lebendig geblieben. Bereits um 480 soll sie neben einer alten Eiche, die auf einem alten Kultplatz der Lichtgöttin wuchs, ihr Kloster gebaut haben. Davon ist bis auf Grundmauern nicht mehr viel übrig. In der Nähe befindet sich jedoch eine Quelle mit einer besonders intensiven Ausstrahlung. Das Wasser soll jede Art von Krankheit heilen, es ist also ein Lebenswasser - Aqua vitae - im wahrsten Sinn des Wortes. Der Ort ist großzügig als Kultplatz angelegt. Besonders auffällig ist die Steinreihe aus 7 Steinen, die über den unterirdischen Quellverlauf gestellt sind und an denen man jeweils Gebete sprechen soll, bevor man zum eigentlichen Brunnen geht. Bis ins 19. Jahrhundert feierte man dort zu Lichtmess ein Fest. Auch wenn dies nicht mehr der Fall ist, kommen immer noch viele Heilsuchende hierher, davon zeugen die zahlreichen Bänder an einer kleinen Fichte, direkt neben dem Brunnen. Das Aufhängen von Bändchen an Bäumen in der Nähe einer Quelle ist ein uralter Brauch, den man auf der ganzen Welt kennt. Es sind sogenannte Geisterdeckchen oder Wunschbändchen, mit denen man seine Bedürfnisse der geistigen "Anderswelt" mitteilt. Natürlich sind die Bänder eine Art Opfergabe an die Welt der Elementarwesen. Häufig findet man auch Rosenkränze, Bilder oder angehängte Puppen und nicht selten haben Besucher silberne Münzen ins Wasser geworfen. Silber ist das traditionelle Opfer an die Wasserwesen, denn beide, das Metall und das Wasser selbst, unterstehen der Kraft des Mondes. Es dürfte kaum jemand geben, der nicht schon einmal eine Münze in einen Brunnen geworfen und sich dabei etwas gewünscht hat. Es sind vor allem Kindersegen, Reichtum und Heilung, die man sich von der Quellnymphe erhofft.
Die Heilquelle, die unter einer riesigen alten Linde entspringt, hat ihren ganz besonderen Reiz. Es ist ein Ort tiefsten Friedens und wenn man den Blick umherschweifen lässt, so hat man das Gefühl, von tanzenden Elfen umgeben zu sein. Wieder findet man eine Unzahl von Wunschbändchen und im Brunnenschacht liegen zahlreiche Silbermünzen. Bemerkenswert sind auch die vielen Bilder von Toten, die man in die Linde gestellt hat und über deren Seele Gobnait wachen soll. Das Wasser schmeckt köstlich und es soll vor allem die Augen heilen, fruchtbar machen und ein langes Leben schenken. |
Wessobrunn - ein Ort der Visionssuche
Südlich vom Klosterhof befindet sich eine der ältesten Linden Deutschlands, die Tassilolinde, von der es heißt, dass sie bereits bei der Klostergründung ein alter Baum gewesen sein soll. Die vom Zahn der Zeit gezeichnete Linde ist immer noch voller Leben und es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn man in dem hohlen Baumstamm steht und den Geschichten lauscht, die der uralte Baumgeist zu erzählen weiß. So ähnlich mag es Tassilo gegangen sein, als er auf einer seiner Reisen dort Rast machte. Unter der Linde liegend, hatte er die Vision von drei Quellen und einer aus dem Wasser emporstrebenden Himmelsleiter, auf der Engel herab- und emporstiegen. Noch völlig überwältigt von seiner Vision, soll er anschließend die drei Quellen in der Nähe entdeckt haben und da war es nur selbstverständlich, an einem so heiligen Ort eine Kirche zu bauen. Ob es sich dabei um einen heidnischen Kultplatz gehandelt hat ist nicht bekannt, auch wurde das Wasser wohl nie zur Heilung verwendet, zu mindestens gibt es keine Überlieferungen. Bis heute sind die Quellen frei zugänglich. Zum Trinken ist das Wasser leider nicht geeignet, da es durch die umliegende Landwirtschaft immer wieder zu Verunreinigungen kommt. Das barocke Brunnhaus mit seinen drei Gewölbebögen stammt aus dem Jahre 1735. Davor finden sich drei in Kreuzform angeordnete Becken. Die Dreizahl ist natürlich eine Anspielung auf die Dreifaltigkeit. Das oberste Becken ist oktogonal angelegt, wie man es auch bei Taufbecken oder Baptisterien findet. Während die Zahl Drei in der Hermetik auf die grundlegenden Prinzipien des Göttlichen verweist (Sal-Sulfur-Merkur / Aktiv-Passiv-Ausgleichend, Männlich-Weiblich und das göttliche Kind), verkörpert die Zahl Acht das merkurielle Prinzip der Transformation. Dreifach ist jedoch auch die Erdgöttin und das Wasser ist ihr lebensspendendes Elixier und die Linde ihr heiliger Baum. Zudem kennt man seit Urzeiten acht Jahresfeste, vier Festtage mit einem Zusammenhang zur Sonne und vier mit einem Bezug zum Mondkalender. Es ist bezeichnend, dass das Kloster zum größten Teil zerstört wurde, die Magie des Quellheiligtums und der Linde aber ungebrochen ist. Jeder Besucher spürt sofort die große Kraft dieses Ortes. Und wer sich Zeit nimmt und etwas länger verweilt und zudem noch die richtige Frage stellt, dem geben die Quell- und Baumnymphen auch eine Antwort auf die wesentlichen Fragen des Lebens. Noch immer findet übrigens eine Wallfahrt nach Wessobrunn statt, in deren Mittelpunkt eine Blumenmadonna steht, ein wunderschönes Portrait einer jungen Frau, die mit einem Blumenkranz geschmückt ist und damit eher an die Göttin Flora erinnert, als an die keusche Maria. |
Die Orakelquelle von Delphi
Ursprünglich handelte es sich um eine heilige Quelle der Erdenmutter Gaia, die von mächtigen Naturgeistern, der Schlange Python und der Sphinx, bewacht wurde. Seit Urzeiten pilgerte man zu dem abseits und hoch über dem Meer gelegenen Ort, um die große Mutter durch das Orakel um Rat zu bitten. Auf seiner Suche nach einer geeigneten Weihestätte hörte Apollon von diesem magischen Ort. Um die Regentschaft zu übernehmen, musste er aber zuerst die Riesenschlange besiegen, was schließlich auch in einer Höhle im Pleistostal geschah (diese Höhle gibt es übrigens wirklich; sie liegt schwer zugänglich unterhalb des Atheneheiligtums). Seitdem spricht die Weisheit Apollons durch den Mund des Orakels. Einmal im Jahr, zur Frühlingstagundnachtgleiche, konnte man das Orakel befragen. Als eine Reise nach Delphi später in Mode kam, gab es sogar wöchentliche Befragungen, aber nie im Winter, denn dann herrschte Dionysos über Delphi und das Orakel schwieg. Es ist einiges überliefert, wie das Ritual des Orakels wohl vor sich gegangen sein mag. Zunächst musste sich die jungfräuliche Priesterin einige Zeit Reinigungszeremonien unterziehen und enthaltsam leben. Vor der eigentlichen Befragung begab sich die Orakelpriesterin, die man Pythia nannte, zur heiligen Quelle Kastalia, die etwas außerhalb der Tempelanlage in einer Schlucht liegt. Jeder Besucher musste sich dort rituell reinigen, wenn er zum Orakel wollte. Es gab aber auch einen Tabubereich, der ausschließlich der Priesterin vorbehalten war. Dort fanden die rituellen Waschungen statt. Außerdem musste die Pythia das Wasser trinken, um ihre Seherkraft zu stärken. Der abseits gelegene Ort besticht noch heute durch seine verwunschene Ausstrahlung und eine Vollmondnacht an diesem Ort, begleitet vom Gesang der Nachtigall, ist ein unvergessliches Erlebnis. Während der ganzen Zeremonie trug die Pythia einen Lorbeerkranz. Das dem Apollon geweihte Gewürz diente auch zur Räucherung. Außerdem musste sie auf Lorbeer ruhen und ihn auch ausgiebig kauen. Schließlich war sie soweit und nachdem sie einen berauschenden Rauch im Tempel eingeatmet hatte, sprach in ekstatischer und visionärer Form der Sonnengott durch ihren Mund. Nicht wenige vermuten, dass dabei das psychoaktive Bilsenkraut mit im Spiel war, das man auch Apollinaris, das Kraut des Apollon nannte. Genaueres weiß man aber nicht, denn es herrschte ein absolutes Schweigegebot unter den Eingeweihten und tatsächlich wurde das Geheimnis niemals verraten. |
Trafoi - ein Ort der Einweihung
Unterhalb der Gletscher auf dem Stilfser Joch befindet sich auf ca. 1500 Metern Höhe eines der bedeutendsten Quellheiligtümer der Alpen - Trafoi oder auf Deutsch: "Heilig Drei Brunn". Als es noch keine Passstraße gab, muss der Aufstieg zu diesem abseits gelegenen Ort ausgesprochen beschwerlich gewesen sein und doch heißt es, dass dieses Quellheiligtum bereits von keltischen Opferpriestern besucht wurde und es wird sogar vermutet, dass hier ehemals eine Druidenschule gewesen sein soll. Die Kulisse dieser Einweihungsstätte ist wahrhaft überirdisch. Ähnlich einem gigantischen Amphitheater erheben sich ringsum majestätische Berggipfel mit ihren Gletschern. Aus dem vorne gelegenen Berghang entspringen direkt aus dem Fels drei mächtige Wasserfälle, daher auch der Name "Drei Brunnen", der aber auch eine Anspielung auf die "Drei Saligen" ist, denen man in dem Sagenschatz der Alpen immer wieder begegnet. Die Saligenfräulein sind nichts anderes als die dreigesichtige Erdenmutter selbst und ihr Zuhause sind alte Bäume, Quellen und die Gipfel der Berge. Etwas unterhalb der Wasserfälle steht heute eine Wallfahrtskirche, neben der wiederum zahlreiche kleine Quellen entspringen, die man zu einer kleinen Holzkapelle geleitet hat, wo das Wasser durch drei Rohre in ein Becken fließt. Bereits im 13. Jahrhundert baute man an dem Quellhang eine Kapelle. Ein Hirte soll hier einst in einem Baum eine Marienerscheinung gehabt haben. Solche Visionen sind an magischen Orten durchaus typisch und sie bilden oft den Ursprung einer späteren Wallfahrt, man denke nur an Lourdes. Für einen christlich geprägten Menschen sind es natürlich meistens Marien- oder Engelerscheinungen. Was man aber wirklich wahrnimmt, ist nichts anderes, als das Licht der Natur.
Zwischen der Wallfahrtskirche und dem Brunnhaus gibt es noch eine kleine Marienkappelle, die das energetische Zentrum des Wallfahrtsortes darstellt. Die Türen stehen immer offen und nicht nur die zahlreichen Kerzen bewirken, dass man sich zutiefst geborgen fühlt. Hier ist der geeignete Ort zur Andacht, bevor man sich in das Brunnhaus begibt, um das köstliche Wasser zu trinken. Es heißt, dass die Quelle nur heilkräftig ist, wenn man aus allen drei Wasserrohren trinkt und dass es bei Augenleiden und bei Frauenkrankheiten aller Art hilft. Aber auch bei Kinderwunsch und als Schutz vor Wetterschäden soll ein Besuch helfen. Die Quellnymphe nimmt es jedoch nicht so genau, denn wer Zwiesprache mit dem Genius loci hält und sein Anliegen vorbringt, dem wird geholfen, egal, was für ein Problem ihn hierher geführt hat. Besonders Menschen, die ein schweres Schicksal zu meistern haben, aber auch solche, die einfach nur in der Natur ihren Meister suchen, sind hier herzlich willkommen. |
Literatur
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