Der Wein – Götterblut und Lebenselixier

//Der Wein – Götterblut und Lebenselixier

Der Wein – Götterblut und Lebenselixier

Von |2019-02-07T18:07:26+00:007. Februar. 2019|Kategorien: Pflanzenportrait|Schlüsselworte: , , , , , , |

Ohne den Wein wäre der goldene Oktober wohl nur ein trüber Herbstmonat. Mit dieser Kultpflanze kommen wir nämlich zum wahren Höhepunkt des Jahresabends: zu den Weinfesten. In ihnen schwingt immer noch ein Hauch des rauschhaften Treibens mit, das einst zu Ehren des Weingottes Dionysos stattfand. Dem Mythos zufolge entspross die Weinrebe, der »Baum der Freude«, dem Herzen dieser schillerndsten Gottheit der Antike.
Im Dionysoskult ging es allerdings weniger um das profane Vergnügen. Das Weintrinken galt vielmehr als sakraler Akt, denn der Wein repräsentierte das Blut der Götter, das den Menschen die gotterfüllte Ekstase vermittelte. Zu diesem Zweck versetzte man das Einweihungsgetränk damals mit bewusstseinserweiternden Pflanzen.
Wir sprechen schließlich heute noch von der »Blume des Weines«; ursprünglich waren damit Bilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche oder auch Fliegenpilz gemeint, die zusammen mit dem Götterblut Einblicke in die ekstatische Seele des Gottes gewährten (vergleiche Rätsch: Heilkräuter der Antike). Wir haben uns zwar längst von dem rauschhaften Dionysoskult entfremdet, dennoch bildet er eine Wurzel unserer Kultur. Der Gott brachte das Gewächs mit seinem Kult von Kleinasien über Griechenland nach Italien und schließlich durch die Römer zu uns. Aufgrund seiner Zauberkräfte war der Wein bald bei fast allen kultischen Handlungen vertreten und ersetzte letztendlich auch das Blutopfer. In Kult und Ritus tritt er immer wieder und bis heute statt Blut auf; ein Beispiel ist das Abendmahl, bei dem er das Blut Christi verkörpert. Nicht zuletzt inspirierten sich unsere berühmtesten Denker am Wein. Paracelsus und Goethe sind nur zwei der vielen Weinliebhaber, die es zu Weltruhm brachten. Ihre Werke zeugen von Genius, aber der Saft der Inspiration war gewiss daran beteiligt.

Über die heilsamen Kräfte des Weines

Die Weinrebe spendet aber keineswegs nur berauschenden Saft. Seit mehr als fünftausend Jahren rankt sie sich an den Säulen der Heilkunst empor, denn sie liefert gleich eine Vielzahl von Arzneien. Eines der wichtigsten Heilmittel, das uns die Rebe schenkt, ist der Wein selbst. Über seine Tugenden und Untugenden lassen sich die alten Kräuterbücher noch seitenlang aus. Es scheint, als hätte der Wein ebenso viele Freunde wie Feinde. Und dabei wies bereits der Arztvater Hippokrates auf die Bedeutung der richtigen Dosis hin: »Der Wein ist ein Ding, in wunderbarer Weise für den Menschen geeignet, vorausgesetzt, dass er bei guter und bei schlechter Gesundheit sinnvoll und in rechtem Maße verwendet wird, übereinstimmend mit der Verfassung der einzelnen Person.«
Hippokrates gebrauchte Wein nicht nur innerlich, sondern auch zur Reinigung von Wunden; aufgrund des Alkohols und der Gerbsäuren hat er in der Tat eine desinfizierende Wirkung. Seinerzeit zählte er jedoch schon zu den Grundnahrungsmitteln, denen man außerordentliche Kräfte zusprach. Er verlieh dem Krieger Mut, stärkte die Arbeitskraft, nährte die Seele und spendete den Kranken neue Lebenskraft. Plinius (1. Jahrhundert n. Chr.) führte bereits Hunderte von Heilmitteln mit Wein auf – damit räumte er dem Vagabund unter den Heilpflanzen sozusagen einen Ehrenplatz in der Kräuterheilkunde ein.
In seinen Anbaugebieten gilt der Wein schon lange als Heilmittel und Lebenselixier. Eine internationale WHO-Studie konnte dies nur bestätigen: Obwohl die Franzosen elfmal mehr Wein trinken als die Amerikaner, erliegen sie dreimal seltener einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Dafür soll unter anderem der tägliche Genuss kleiner Mengen(!) Rotwein guter Qualität verantwortlich sein. Damit wollen wir natürlich niemanden zum Trinken animieren – es sei denn, dies wäre aus gesundheitlichen Gründen erforderlich!
Viele, die unseren heilkundlichen Rat suchen, sind erstaunt, wenn sie statt der erwarteten Verbote die Empfehlung erhalten, Pflanzenextrakte oder auch bestimmte homöopathische Arzneien in etwas Wein einzunehmen. Ein Großteil der so erzielten Erfolge geht darauf zurück, dass man sein Heilmittel plötzlich sehr gerne und ganz regelmäßig einnimmt. Doch wir folgen damit nur einer alten Tradition, denn der Wein bewährt sich als »Medizinpferd«, weil er – ähnlich wie Zucker – die heilsamen Stoffe ohne Umwege ins Blut transportiert.

Vermittler zwischen Himmel und Erde

Doch im Wein wohnt noch eine andere Kraft. Die Weinrebe kann bis zu zwanzig Meter tiefe Wurzeln entwickeln! Abgesehen davon, dass der Rebstock aus diesem Grund Hitze und Dürre gut verträgt, weist dies auch auf seine Erdungskräfte hin. Der Rebstock vereint gewissermaßen das Oben mit dem Unten, er verbindet Sonnen- und Erdkräfte miteinander. Dies macht den sonnenverwöhnten Wein geradezu zu einer harmonisierenden Universalmedizin für den Menschen, der sich genau in der Mitte dieser Kräfte befindet.
Noch viele Heilmittel aus der Rebe ließen sich hier anführen, z. B. die entgiftenden, kräftigenden und blutbildenden Traubensäfte oder der Weinessig, die Geheimwaffe der Volksmedizin (siehe Tabelle). Nicht zuletzt hätten auch die Weinblätter Beachtung verdient, weil sie gerade das heilen, was der rauscherzeugende Rebsaft hervorgerufen hat. Sie regenerieren nämlich die von übermäßigem Weingenuss geschädigte Leber! In Summa behält Hieronymus Bock Recht, der in seinem »Kreutterbuch « von 1577 schrieb: »Alles, was am Rebstock ist, mag man zur Arznei brauchen.«

Wein als Medizinpferd

Bevor der Wein durch die Römer ins sonnenarme Deutschland kam, war es üblich, Heilpflanzen in Honigmet oder Ziegenmilch zu sieden. Der Wein lief diesen Lösungsmitteln rasch den Rang ab. Bei der Durchsicht alter Kräuterbücher stößt man ab dem 15. Jahrhundert fast nur noch auf Weinrezepte (und Destillate). Berühmte Kräuterkundige wie Hildegard von Bingen und Paracelsus empfahlen, Pflanzenteile in Wein zu sieden oder anzusetzen oder zu Pulver zerstoßen in Wein einzunehmen. Dies ist auch heute noch empfehlenswert, sofern es sich nicht um Arzneien handelt, deren Wirkungen sich durch Alkohol negativ verstärken (z. B. Psychopharmaka).
Zum einen zieht der Wein die wasser- wie die fettlöslichen Pflanzeninhaltsstoffe gleichermaßen aus. Der Heilgeist der Pflanze geht also in vollem Umfang in den Trank über. Zum anderen wird der Wein bereits ab der Mundhöhle resorbiert und nimmt einen Teil der Wirkung ohne Umwege mit ins Blut. Nicht zuletzt vereint man durch Verabreichung von Arzneien in Wein auf elegante Weise Heilung und Genuss miteinander, was sich insbesondere bei »Medikamentenmuffeln « bewährt.

Die Heilkräfte der Weinrebe

Wein: Blutbildung – Kranke und Wöchnerinnen erhielten früher Weinsuppe zur Kräftigung; bewährt sind eisenhaltige Rotweine. Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Der regelmäßige Genuss kleiner Mengen Rotwein senkt aufgrund der enthaltenen Polyphenole das Risiko von Gefäßerkrankungen.

Weintrauben: Blutbildung – In der Kinderheilkunde gehören die vitaminreichen und eisenhaltigen roten Traubensäfte zu den beliebten Stärkungsmitteln (z. B. Rotbäckchen). Entgiftende Herbstkur: Eine Herbstkur mit frisch gepresstem Saft weißer Trauben treibt den Harn und leitet Stoffwechselschlacken über die Nieren aus.

Weinblätter: Krampfadern – Der regelmäßige Genuss von Weinblättern stärkt die Venen; verantwortlich sind sogenannte Polyphenole, die das Bindegewebe und die Blutgefäße festigen. Lebererkrankungen: Einige Heilmittel für chronische und degenerative Leberleiden enthalten Weinblätter (z. B. Hepatodoron Tabletten von Weleda). Ihre leberregenerierende Wirkung beruht ebenfalls auf Polyphenolen.

Weinessig: Fieberwasser – Volksmediziner empfehlen, bei Fieber Essigwasser zu trinken; fiebersenkend sind auch Wadenwickel mit lauwarmem Essigwasser. Erkältungen: In Form von Inhalationsdampfbädern reinigen Essigdämpfe die Atem wege (z. B. 1 Esslöffel Weinessig auf 250 ml heißen Kamillentee). Erkältungsprophylaxe: Im Zimmer aufgestellter Essig gilt als vorbeugendes Mittel; wegen der antiseptischen Wirkung von Essigdämpfen sollen Arbeiter in Essigfabriken nicht an Tbc erkranken.

Weingeist: Wunddesinfektion – Weingeist (70-prozentig) tötet eine Vielzahl von Bakterien. Verbrennungen: Umschläge mit verdünntem und leicht erwärmtem Weingeist (50-pro zentig) sind eine Erste Hilfe bei leichten Verbrennungen. Einreibung bei Kolik: Die Einreibung mit verdünntem und leicht erwärmtem Weingeist (50-prozentig) ist ein altes Hausmittel bei Bauchkrämpfen.

Weinstein = Tartarus: Entgiftung – Als spagirische Zubereitung oder als Homöopathikum zur Auflösung von Ablagerungen wie Nieren-, Blasen oder Gallensteinen sowie zur Ausscheidung von Stoffwechselschlacken, z.B. bei chronischen Hautleiden, Gicht und Rheuma, enthalten in Solunat Nr. 18, früher im Handel unter dem Namen SplenetikTropfen von Soluna oder Tartarus spag. Tropfen von Phönix.

Weinstein dient als Ausgangssubstanz für viele alchimistische Prozesse; Foto Olaf Rippe

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