Johanniskraut – Sonnenkönig der Pflanzenwelt

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Johanniskraut – Sonnenkönig der Pflanzenwelt

Von |2018-07-15T12:32:19+00:0013. Juni. 2018|Kategorien: Pflanzenportrait, Phytotherapie|Schlüsselworte: , , , , , , , , |

»Gott hat in der Perforata einen besonderen Willen und ein besonderes Arcanum (wahre Arznei) für den Menschen geschaffen, er sei bös oder gut. Wie die Sonne alle Dinge, die guten und die schlechten, bescheint, so ist auch die Arznei. Es ist eine Universalmedizin für den ganzen Menschen … Ich habe vier Kräfte gemeldet, die in der Perforata sind, nämlich gegen die Phantasie, gegen Würmer, gegen Wunden und die balsamische Tugend.« Paracelsus

 

In den Augen der alten Germanen besaß die Sonne die Macht, alles Dunkle und Kranke zu bannen. Ein irdisches Abbild des leuchtenden Himmelskörpers erkannten sie in den gelben Blüten des Johanniskrauts. In ihm begegnet uns ein wahrer Sonnenkönig der Pflanzenwelt: Das echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) wählt nur sonnige und trockene Standorte. Seine fünf Blütenblätter erinnern an ein Sonnenrad mit Strahlenkrone. Dies war die heilige Blume des germanischen Lichtgottes Baldur, denn sie erblüht ab der Sommersonnenwende, wenn die Sonne am höchsten steht und ihre größte Kraft entfaltet.
Das »Sonnenwendkraut« wird seit Jahrtausenden heilkundlich verwendet und gilt heute als eine der am gründlichsten erforschten Heilpflanzen. Schon Hippokrates kannte seine entzündungswidrige Wirkung. Eine Johanniskrautart soll sogar »Panakos«, die allesheilende Pflanze des Medizinreformators Galen gewesen sein. Andromachus, der Leibarzt des Nero, mengte Hypericum in das kaiserliche Lebenselixier. Die Liste der Kräuterkundigen, welche die besonderen Kräfte dieser Heilpflanze zu nutzen wussten, ließe sich endlos fortführen.

Ein Lichtblick für den Körper

Die Universalmedizin des Paracelsus erfreut sich heute noch größter Beliebtheit. Kräuterkenner sammeln die blühenden Triebspitzen des Johanniskraut traditionell ab der Sonnenwende, um daraus das Rotöl zu bereiten. Eben weil das Johanniskraut zur Zeit der größten Hitze blüht, heilt das daraus hergestellte Rotöl Verbrennungen und Sonnenbrand. Seine Sonnenheilkräfte lindern allerdings auch Nervenschmerzen (z. B. Gürtelrose oder »Hexenschuss«) oder Verspannungen und bewähren sich ebenso in der Pflege von Narben. Paracelsus, der zeitweilig als  Lazarettarzt gedient hatte, nannte das Johanniskraut die beste Wundarznei aller Länder: »Sie (die Perforata) heilt Wunden, Beinbrüche und alle Quetschungen.« (Paracelsus: Sämtliche Werke Bd. III). Doch er bereitete seine Wundarznei auf spezielle Weise, indem er unter anderem die Samen destillierte.
Der Signaturenlehre zufolge heilt die »Perforata«, deren Blätter gegen das Licht gehalten wie durchlöchert erscheinen, vor allem Stich- und Schusswunden. Im Volksglauben war es der Teufel höchstpersönlich, der einst wutentbrannt über die Kräfte des Johanniskrauts die Blätter durchstochen hat. Heute weiß man, dass es sich bei den »Löchern« um Öldrüsen handelt. Ganz ähnlich wie einst in der Sympathiemedizin des Mittelalters gebraucht man heute das Rotöl wie auch die homöopathischen Verdünnungen. Sowohl Rotölkompressen als auch das homöopathische Hypericum (z. B. in Traumeel Tabletten von Heel enthalten) heilen Schnittwunden und Verletzungen nervenreicher Gewebe.
Aber auch der Phantomschmerz amputierter Glieder oder der Wundschmerz nach Zahnextraktionen gehören zu den dankbaren Anwendungsgebieten von Johanniskrautextrakten. Wissenschaftler nehmen inzwischen an, dass ein zentral-analgetischer Effekt vorliegt: Johanniskraut beeinflusst folglich die Schmerzzentren im Gehirn. Das erklärt auch, warum sich bei einer rechtzeitigen Einnahme in vielen Fällen sogar Kopfschmerzen und Migräne sowie Phantomschmerzen bessern (z. B. Stoßtherapie im Beginn der Schmerzattacke mit 4–6 Hyperforat Filmtabletten von Klein). Doch das Johanniskraut ist nicht nur eine bewährte Wundarznei, sondern es dient ebenso lange schon als Wurmmittel. »Diesen Saft (von Johanniskraut) gibt man mit Odermennig den Rossen ein für die Wurm«, liest man beispielsweise im Kräuterbuch des Jakobus Tabernaemontanus. Doch selbst damit bleiben die weitreichenden Heilkräfte dieser edlen Sonnenpflanze nur unvollständig beschrieben.

Ansatz von Johanniskraut

Pflanzengold und Herrgottsblut

Johanniskraut besitzt viele hochwirksame Inhaltsstoffe. Mehr als 15 Prozent Gerbstoffe verleihen ihm die Kraft, Bakterien zu töten, Wunden zu schließen und Durchfälle zu lindern. An seiner breiten Wirkung sind ebenfalls Flavonoide beteiligt, die bei Venenleiden die Gefäße stärken und darüber hinaus antivirale Aktivität zeigen. Als Hauptwirkstoff gilt jedoch der rote Pflanzenwirkstoff Hypericin. Dieser gilt als das Erkennungsmerkmal der heilkundlich verwendeten Johanniskrautarten: Zerdrückt man eine Blüte zwischen den Fingern, dann tritt der blutrote, ypericinhaltige Saft aus; der Volksmund nennt diesen Saft »Johannis-« oder »Herrgottsblut«. Aber Vorsicht ist geboten, denn Hypericin färbt Haut und Kleidung rot.
Der Farbstoff macht die Haut lichtempfindlich (photosensibilisierend). Wenn wir hoch dosierte Johanniskrautpräparate einnehmen, sollten wir daher lieber auf Bergtouren und Sonnenbäder verzichten, sonst riskiert man sonnenbrandähnliche Hautentzündungen. Der  lichtsensibilisierende Effekt macht sich jedoch meist nur nach längerfristiger Einnahme hoch dosierter Präparate bemerkbar und betrifft in erster Linie hellhäutige und rothaarige Personen.
Dagegen erweist sich homöopathisch zubereitetes Johanniskraut als Heilmittel bei Sonnenallergie. Dem Leitsatz der Homöopathie entsprechend (»Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt«) kann nur eine solche Arznei Schäden durch UV-Licht heilen, die auch die Macht hat, die Strahlenwirkung auf der Haut zu verstärken. Wiederum hängt also von der Dosis die Wirkung ab: Bei Lichtdermatosen, Sonnenallergien oder bei extrem lichtempfindlichen Augen kann man Hypericum C30 versuchen und zusätzlich reichlich Pro-/Vitamin A zuführen, um die Regenbogenhaut ein wenig vor UV-Strahlen abzuschirmen.

Balsam für die Seele

Die Blume des Lichtgottes Baldur macht nicht nur die Haut für die Sonnenstrahlen empfänglich, sie durchlichtet gleichermaßen die Seele. Paracelsus hat bereits auf den Wert der Pflanze bei »Phantasie« hingewiesen und dieses Leiden wie folgt erklärt: »Im Geist wird ein anderer Geist geboren, von welchem der Mensch regiert wird.« Früher hätte man dies auch als Besessenheit bezeichnet. Johanniskraut zählte einst zu den Verschreikräutern, denen man die Macht zusprach, vor Behexung zu schützen. Im Mittelalter hieß das magische Gewächs sogar »herba daemonisfuga« (Teufelsflucht), und der Volksmund nannte es lange Zeit »Jageteufel«. Zur Abwehr dunkler Mächte nähte man es in Hüte oder Jacken, legte es unters Kissen oder hängte es im Haus auf. Aus dieser Zeit stammen viele Sprüche, welche auf die schutzmagischen Kräfte der Johanniskräuter hinweisen, z. B. »Dost, Hartheu (Johanniskraut) und Wegscheidt (Wegwarte) tun dem Teufel viel Leid«.
Dieses Anwendungsgebiet ist aber keineswegs nur von historischem Interesse, denn auch moderne Menschen können besessen sein und fremdregiert handeln. Zum Beispiel sind Suchterkrankungen wie etwa die Nikotinsucht Besessenheitszustände, denn der Dämon der Tabakpflanze zwingt den Raucher ständig erneut zu der Droge zu greifen – der Raucher ist also fremdregiert. Insbesondere während des Nikotinentzugs vermag das Johanniskraut die Nerven zu stärken (z. B. Ceres Hypericum Urtinktur) und Stimmungstiefs zu glätten.

Heute sind Dutzende Johanniskraut-Präparate in Apotheken erhältlich. Die meisten bringen die Psyche wieder ins Gleichgewicht, wenn depressive Verstimmungen, Ängste oder nervöse Unruhe den Alltag beherrschen. Inzwischen belegen zahlreiche Studien die antidepressive und sogar leicht euphorisierende Wirkung. Dabei lässt sich die Wirksamkeit hoch dosierter Johanniskrautpräparate (z. B. Laif 900 von Steigerwald) durchaus mit schulmedizinischen Antidepressiva vergleichen (siehe Wichtl: Teedrogen). Der Pflanzeninhaltsstoff Hyperforin hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, wie es auch manche Antidepressiva tun.
Volksmediziner gebrauchen das Johanniskraut außerdem noch beim Bettnässen der Kinder oder gegen Albträume und sogar bei Schüchternheit. Wissenschaftler konnten selbst diese Wirkung bestätigen: Johanniskrautextrakte steigerten die Entdeckungsaktivität von Mäusen in fremder Umgebung. Zur stimmungsaufhellenden Wirkung dieser Sonnenpflanze tritt also eine mild angstlösende Komponente hinzu.

Verschreikraut contra Mobbing

Eine moderne Volkskrankheit ist auch das »Mobbing«. Wer am Ärger mit dem Chef oder Kollegen erkrankt, ist ein Mobbing-Opfer. Johanniskraut leistet selbst hier Beistand: Ähnlich wie Melisse schirmt es eine Reizüberflutung im Gehirn ab und macht in Stresssituationen gelassener. Manchmal lässt sich eine ungute Atmosphäre am Arbeitsplatz mit einem nervenstärkenden Tee aus Dost, Eisenkraut, Johanniskraut, Melissen- und Weißdornblättern etwas entschärfen. Man sollte allerdings auch versuchen, den Kollegen oder dem Chef von dieser Teemischung anzubieten, denn einer weiteren Studie zufolge verringerte sich die Angriffslust durch Verabreichung von Johanniskraut – zumindest bei männlichen Ratten.
Die Zeit, in der wir leben, ist von Stress geprägt. Der hektische Alltag mit Kunstlicht, digitalen Uhren oder Schichtarbeit macht auf Dauer zwangsläufig krank. Wenn der natürliche Wechsel zwischen Aktion und Regeneration verloren geht, leidet zuerst die Seele, in der Folge ermüdet der Körper und schließlich erlahmen die Abwehrkräfte. Schon vor Jahren wiesen Wissenschaftler auf die Zusammenhänge zwischen dem Zeitphänomen Stress und Krankheiten hin. Auffallend häufig berichten beispielsweise Menschen, die von Lippenherpes geplagt sind, dass die juckenden
Bläschen in Stresssituationen, bei Kummer oder nach Streit an die Oberfläche kommen. Nimmt die Erschöpfung überhand, dann hilft nur noch ein Urlaub oder »Sonnendoping«. Die kräftige Mittsommersonne verleiht dem Johanniskraut die Macht, Seele und Körper gleichermaßen zu heilen. Seine blutroten Farbstoffe deuten dem Signaturkundigen bereits die Kraft an, die in dem Sonnengewächs steckt. In Untersuchungen erwiesen sie sich sogar als antiviral. Durch die Einnahme von Johanniskraut (z. B. Ceres Hypericum Urtinktur) heilen nicht nur Lippenbläschen meist viel schneller ab, auch die Stimmung und das Immunsystem stabilisieren sich wieder.

Der Tag von Ferdinand Hodler – Johanniskraut lässt die Seele im Rhythmus der Sonne schwingen

Licht im Reagenzglas

Einer der Hauptwirkstoffe des Johanniskrauts, Hypericin, ist in Wasser oder Alkohol nur schwer löslich. Erst unter Einwirkung von Sonnenlicht und -wärme wird Protohypericin in das wirkungsvolle Hypericin umgewandelt. Wärme beschleunigt auch die Rotfärbung des Extraktes und trägt somit ebenfalls zur Wirkstoffanreicherung bei. Im Johanniskrautrotöl kommen allerdings nur Abbauprodukte des Hypercins vor sowie Flavonoide und Hyperforine. Hypericin wird sowohl für die schmerzlindernde als auch für die stimmungsaufhellende Wirkung des Johanniskrauts mitverantwortlich gemacht. Der Wirkstoff aktiviert die Zellatmung und feuert den Zellstoffwechsel an, steigert die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Hypericine zeigten außerdem nach Virus-Infektionen (mit Retroviren) bei Mäusen einen antiviralen Effekt. Das erklärt die schnelle Abheilung von Fieberbläschen (Herpes simplex) durch die Einnahme von Johanniskrautpräparaten oder durch das Betupfen der Bläschen mit den Extrakten. Im Reagenzglas (in vitro) erwiesen sich die Farbstoffe sogar als anti-HIV-wirksam. Studien an Menschen stehen zwar noch aus, aber eine Aktivierung des Immunsystems darf angenommen werden. Der höchste Hypericin-Gehalt findet sich zur Zeit der Hauptblüte, also im Hochsommer. Inzwischen hat man jedoch weitere Wirkstoffe gefunden: Hyperforine reichern sich vor allem in den reifen Früchten an, die bekanntlich von Paracelsus zur Wundarznei verarbeitet wurden. Die antidepressive Wirkung wird heute ebenfalls auf Hyperforine zurückgeführt, denn diese hemmen unter anderem die Wiederaufnahme von Serotonin, das als Neurotransmitter bei Migräne wie auch bei depressiven Syndromen eine Rolle spielt.

Quelle: Heilmittel der Sonne (AT Verlag) von Margret Madejsky und Olaf Rippe