Signaturenlehre – Urweg der Heilpflanzenerkenntnis – von Margret Madejsky

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Signaturenlehre – Urweg der Heilpflanzenerkenntnis – von Margret Madejsky

“Denn durch die Kunst der Chiromantie, Physiognomie und Magie ist es möglich, gleich von Stund an nach dem äusseren Ansehen eines jeden Krautes und einer jeden Wurzel Eigenschaft und Tugend zu erkennen, an deren Zeichen (Signatis), Gestalt, Form und Farbe und es bedarf sonst keiner Probe oder langen Erfahrung, denn Gott hat am Anfang alle Dinge sorgfältig unterschieden und keinem eine Gestalt und Form wie dem anderen gegeben, sondern jedem eine Schelle angehängt, wie man sagt: “Man erkennt den Narren an der Schelle”
(Paracelsus, Gesammelte Werke, Aschner-Ausgabe Bd. IV S. 339)

Summary – Was alles ist Signatur = Zeichen / Signum = Merkmal – was unsere Aufmerksamkeit erregt.

  • Verhalten gegenüber Licht, Luftfeuchtigkeit, Berührung etc. (z.B. Licht-/ Dunkelkeimer, Wetteranzeiger,…) zeigen evtl. Sympathie zur Krankheit
  • Standort – Wald-, Wasseroder Wüstenpflanze…? zeigt, mit welchen Kräften sich die Pflanze auseinandersetzt
  • Gesellschaft – Ruderalflora, Kollektivpflanze oder Pflanzenindividuum. Zeigt, was evtl. auf dem Rezeptblock harmoniert
  • Geschmack – erlaubt Zuordnungen zu den Elementen und lässt auf Giftigkeit und Inhaltsstoffe schließen
  • Farbe – zeigt Sympathie zu Körpersäften (z.B. Lymphe); erlaubt einfachste Planetenzuordnung
  • Geruch – erlaubt Aussagen über Gifigkeit und Inhaltsstoffe; zeigt evtl. Symphathie zu Körpersäften
  • Form – Gestalt, Gestik, Größe und Form zeigen anatomische Ähnlichkeiten mit Organen Konsistenz zeigt bspw. Inhaltsstoffe an (z.B. Schleimstoffe, Kieselsäure)
  • Namen – geben Aufschluss über Heil-/ Eigenschafte, Standort, Erfahrungen
  • Fortpflanzung – zeigt die Beweglichkeit an, weist evtl. auf tierische Begleiter hin (z.B. Ameisen)
  • Lebensdauer – korrespondiert evtl. mit dem Lebensalter; z.B. Frühlingskräuter – Kindheit, Immergrüne – Alter
  • Rhythmus – Zeit der Blüte oder Fruchtreife, Tag-Nacht-Rhythmen etc. zeigen Synchronizität mit Krankheiten oder Symptomen; ähneln bspw. rhythmischen Organen wie dem Herzen

(Diese Übersicht über die Signaturen ist im Laufe dreier Workshops im Rahmen der Weltkonferenz der Ethnotherapien im Oktober 2002 in München in Zusammenarbeit mit den Teilnehmern entstanden. Die Übersicht kann leider nicht vollständig sein; zum Beispiel fehlen Träume, Eingebungen und andere “Zufälle”. Sie soll lediglich dem Interessierten ein systematisches Herangehen an die Pflanzen anbieten.)

In einer Zeit, in der die so genannte “rationale” Phytotherapie auf dem Vormarsch ist und nur durch Laboranalyse, Tierversuche und Doppelblindstudien gesicherte Erkenntnisse gelten lässt, sollte man bedenken, dass es noch einen anderen, viel älteren Weg der Heilpflanzenerkenntnis gibt, der es wert ist, beleuchtet zu werden: die Signaturenlehre. Stark vereinfacht ausgedrückt ist dies eine Arzneilehre, bei der vom Äußeren, bspw. von Farbe oder Form auf das Innere, also auf Wesen und Wirkung geschlossen wird. Die Ähnlichkeit, die beispielsweise eine Blattform mit einem Organ (Beispiel: Lungenkraut – Lunge) oder eine Farbe mit einem Körpersaft zeigt (Beispiel: rote Trauben mit Blut), lässt demzufolge auf die zu erwartenden Heilkräfte schließen. Diese Erkenntnismethode scheint auf den ersten Blick sehr simpel und das muss sie auch sein, denn diesen Schlüssel zur Heilkunst haben von den Urzeitmenschen bis hin zu den Bauerndoktoren der Neuzeit stets auch einfache Menschen gebraucht.

Rationalisten tun die Signaturenlehre daher gerne als Aberglauben ab und dies ist bei direkter Übersetzung sogar teilweise richtig, denn der “Aber”Glaube bezeichnet eben den “anderen” Glauben, der einst von den Heiden gepflegt wurde. Verwirrung stiften auch die Lexika, in denen sich Definitionen finden wie etwa “inzwischen überholte, da wissenschaftlichen Kriterien nicht mehr entsprechende Lehre” (Brockhaus) oder “mystische Arzneilehre” (Meyers). Dabei wird verdrängt oder vergessen, dass indirekt sogar die moderne Phytopharmakologie von der Signaturenlehre profitiert: Wenn unsere Pflanzenforscher heute in der Regenwald gehen, um “neue” Arzneien zu finden, dann lassen sie sich de Pflanzen üblicherweise von naturkundigen Urwaldeinwohnern zeigen, welche ihrerseits die Kräfte dieser Pflanzen ursprünglich an bestimmten Zeichen erkannt haben.

Mit Hilfe der Signaturen haben sicherlich schon die Neandertaler ihr Pflanzenwissen erworben und das Heilwissen aller Naturvölker, also auch die Kräuterheilkunde der Kelten und Germanen sowie die Indianermedizin, basiert auf deren Signaturkennissen. Nicht zuletzt spielen Signaturen wie Farbe, Form, Geruch oder Geschmack in den Jahrtausende alten Heilsystemen der Chinesen, der Inder und der Tibeter eine Rolle. In unserem Kulturkreis hat die Signaturenlehre, dank Paracelsus, Eingang in die anthroposophische Medizin gefunden, die aus der einfachen Methode der Volksmedizin durch ihre spezielle Betrachtungsweise ein komplexes Denksystem gemacht hat.
Signaturen sind einfach nur “Zeichen” der Natur, die es zu entschlüsseln gilt, also beispielsweise botanische Merkmale wie Dornen oder Signale wie auffällge Gerüche oder Farben. Sie sind wie Spuren, die die Schöpferkräfte in den Pflanzen und natürlich auch in Steinen, bei Tieren oder am Menschen hinterlassen haben. Wer daran zweifelt, dass man die Heilkräfte einer Pflanze von ihrem Äußeren ablesen kann, sollte die Signaturen einmal mit Tierfährten vergleichen, die eben auch nur ein naturkundiger Mensch lesen kann. Jedenfalls hat die Signaturenlehre bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren, was nachfolgend am Beispiel der Brennessel ein wenig veranschaulicht werden soll. Die Brennessel bietet sich eben deswegen als Beispiel an, weil sie uns bis zur Haustür folgt und wie ein offenes Buch durch ihre Signaturen all ihre Kräfte preisgibt, so dass jeder in der Natur selbst nachlesen kann.

Wege der Heilpflanzenerkenntnis

(Gegenüberstellung aus: Paracelsusmedizin, AT Verlag, CH-Aarau 2001)

Signaturenlehre

  • Hermetisches Denken – Erkenntnissuche durch Zusammenschau von scheinbar Getrenntem.
  • Voraussetzung – Alles folgt einem universellenPlan – Gott würfelt nicht! Zwischen Metall, Mineral, Pflanze, Tier und Mensch besteht eine Art Urverwandtschaft. Dabei verkörpert die Pflanze kosmische Grundideen, die sich in allen Naturreichen wiederfinden. Beispiel: Planetenkraft Mars – Eisen – Brennessel – Blut.
  • Subjektiv-sinnliche Vorgehensweise – Pflanzenerforschung vorwiegend in der natürlichen Umgebung: Beurteilung mit Hilfe von Sinneswahrnehmungen wie Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken, Hören.
  • Verifizierung durch Beobachtung – Überprüfung der gewonnenen Erkenntnisse durch vorsichtige Erprobung unter natürlichen Bedingungen am Haustier oder am Menschen – ohne das Ziel, Letaldosen herauszufinden oder Folgeerkrankungen zu provozieren.
  • Ziel – Verstehen der Pflanzenbotschaften und Befreiung sowie bestimmungsgemäße Nutzung der der Pflanze innewohnenden Elementar- und Plantenkräfte.
  • Konkrete Nutzung – Die Pflanzenkräfte werden nun durch alchimistische Prozesse geweckt und zur Arznei gewandelt. Dadurch wird die Giftwirkung meist gezügelt, die Heilkräfte dagegen werden verstärkt (z.B. Homöopathie, Spagyrik).
  • Problem – Ein sehr komplexes, interdisziplinäres Grundwissen ist erforderlich, um Aussagen machen zu können. Der Interpret ist dabei di größte Fehlerquelle, denn die auf sinnlich-subjektivem Weg gewonnenen Einsichten sind nicht immer eineindeutig und nachvollziehbar.

Phytopharmakologie

  • Analytisches Denken – Erkenntnissuche durch Auflösung der “Einheit Pflanze” in ihre Bestandteile.
  • Voraussetzung – Die Pflanze wird verdinglicht, also als Behältnis von Inhaltsstoffen verstanden. Das Augenmerk richtet sich auf Molekularstrukturen und auf Stoffe, die man nachbilden, bzw. modifizieren möchte. Beispiel: Salicinhaltige Weidenrinde dient als Vorbild für die Synthetisierung von Acetylsalicylsäure.
  • Objektiv-rationale Vorgehensweise – Forschung vorwiegend außerhalb der natürlichen Umgebung der Pflanze; Beurteilung der Droge (= getrocknete Pflanze) durch Laboranalyse.
  • Verifizierung im Versuch – Überprüfung der gewonnenen Erkenntnisse unter unnatürlichen Bedingungen im Tierversuch; etwa Erforschung der antisklerotischen Pflanzenkräfte an künstlich sklerotisch gemachten Tieren. Später Versuche an Menschenm, oft mit hohem Risiko.
  • Ziel – Isolieren, Standardisieren, Patentieren und Vermarkten von Pflanzeninhaltsstoffen. Emanzipation von der Natur und vom Naturstoff.
  • Konkrete Nutzung – Optimierung der Pflanzenwirkung durch Isolieren und Standardisieren des Hauptwirkstoffes, der im Gegensatz zur meist relativ ungiftigen Ganzpflanze nun nicht selten eine gewisse “Giftwirkung” entfaltet.
  • Problem – Ohne Verständnis des wahren Pflanzenwesens sind nur bruchstückhafte Teilerkenntnisse möglich. Auf den Wirkstoff gerichtetes punktuelles Sehen führt zu einer auf Monopräparate reduzierten Phytotherapie. Außerdem sind Tierversuche ethisch nicht vertretbar.

Der rostrote Brennesseltrieb zeigt Sympathie zum Blut.
“Der den Mars kennt, der erkennt das Eisen, und der das Eisen erkennt,
der weiß auch, was Urtica ist.” (Paracelsus Bd. I S. 424)
(Foto: Margret Madejsky)

Mikroskopaufnahme eines Brennhaares
“Warum hat der liebe Gott dieser Pflanze das Feuer gegeben? Erstens, damit man sie kenne; (…)
Zweitens, damit sie nicht von den Tierlein ausgetilgt werde, denn vom jungen Busli bis zum
letzten Schneck würde alles an ihr gnagen und zehren, weil sie ihnen vorkommen würde wie
feinste Schokolade. Das Feuer ist ebeneine Verbottafel, die jede Geiß lesen kann.” (Kräuterpfarrer Künzle)
(Foto: Angelika Vogel)

Geruch

Frisch gesammelte Brennesselblätter haben, auch wenndas Sammelgut von einem sauberen Platz stammt, einen dezenten Uringeruch, der von einem schwachen Melissengeruch gefolgt wird. Zunächst zeigt die Geruchssignatur, dass eine Beziehung zwischen Pflanze und Harn besteht. Brennesseln wachsen bekanntlich gerne wo Mensch oder Tier Harn gelassen haben. Die Heilwirkung auf die Harnorgane nutzt man volksmedizinisch, denn der Tee wirkt harntreibend und leitet Harnsäure aus, so dass er bei Blasengrieß zum Einsatz kommt; empfehlenswert sind z.B. Teekuren mit Vollmers Grünem Hafertee.

Geschmack

Der krautige Geschmack der Blätter und der nussige Geschmack der Samen ist nicht besonders charakteristisch für Brennessel. Dafür weist das Brennen auf der Zunge, sofern man frische Blätter oder Samen probiert, bereits auf die erhitzenden Eigenschaften hin. Die Brennessel feuert im Frühling als Blutreinigungstee oder in der Gründonnerstagssuppe genossen die Lebenskräfte an. Sie gilt den Alten im Alpenraum as Tonikum und Ginsengersatz und regt zudem die Bauchspeicheldrüse an. Bereits die Tatsache, dass es sich um eine essbare Pflanze handelt, ist eine Signatur: Nahrungspflanzen unterstehen den wohltätigen Planetenkräften von Venus, Jupiter und/oder Sonne.

Farbe

Was die Farbe angeht, so wies Paracelsus darauf hin, dass Rot die Signatur des Mars ist: “Der Artist sucht im Mars die rote, braune und auch gelbe Farbe”(Bd. II S. 204). Der rostrote Brennesseltrieb trägt somit die Signatur des Mars, dem das Eisen zugeordnet wird und der im Menschen über das Blut regiert. Nun findet es sich, dass es unter den heimischen Pflanzen keine bessere Eisenpflanze und Blutbildnerin als die Brennessel gibt. Ihre anregende Wirkung auf die Blutbildung ist mit der schulmedizinischer Eisenpräparate vergleichbar, nur dass die Brennessel wesentlich verträglicher ist; z.B. in Form von Urtica dioica Ferro culta von Weleda oder als Ferrum ustum comp. von Weleda oder als Ferrum Oligoplex von Madaus. Will man das Kraut für Teekuren selbst sammeln, dann erhält man nach Pelikan den höchsten Eisengehalt bei um Ostern geernteten Jungpflanzen.

Form

Zur Form gehört – neben der Gestalt, Gestik, Größe oder der Form von Pflanzenteilen – auch die Überbetonung von Pflanzenteilen. Im Falle der Brennessel besteht eine Blattbetonung, was nach anthroposophischen Gesichtspunkten der Dregliederigkeit auf das Rhythmische System als Wirkungsbereich deutet. Als Informationsträger stellt das Blut auch das Alles Verbindende dar. Augenfällig sind vor allem die Brennhaare. Hier gilt die Regel: Pflanzen mit Stacheln, Dornen oder Brennhaaren sind meist ungiftig und zählen oft zu den Blutreinigern und Tonika; z.B. Eleutherokokkus, Rosengewächse wie Brombeere, Himbeere, Schwarzdorn, Weißdorn etc. Abgesehen von Ausnahmen wie Stechapfel sind solche Pflanzen meist geniessbar, weil Stacheln, Dornen oder Brennhaare der Pflanze Schutz vor Tierfraß bieten. Die Brennhaare ähneln Injektionsnadeln und zeigen Sympathie zu stechenden Leiden. Damit ist Urtica ein pflanzliches Simile bei Insektenallergie (z.B. langfristige Desensibilisierung mit Brennesselblätter-Teekuren und/oder Urtica comp. von Wala) oder bei stechenden Beschwerden wie Rheuma. Denn Paracelsus forderte bereits: “In keiner Weise wird eine Krankheit durch entgegengesetzte Mittel geheilt, sonder nur durch ihr ähnliche” (Bd. III S. 457). Die Alten erkannten in den Brennhaaren aber auch ein pflanzliches Ebenbild zur Kopfbehaarung und nannten die Brennessel daher auch “Haarwurz”. Nicht zuletzt ist das Blatt edel gezähnt, dem Blatt von Rosengewächsen nicht unähnlich, was zusammen mit dem freundlich anmutenden Hellgrün junger Pflanzen als Venussignatur zu werten ist. Paracelsus wies darauf hin, dass “Venus macht, dass man den Leuten lieb und angenehm ist” (Bd. IV S. 341). Beliebt sind Brennesseln nun nicht gerade, was auch in dem Sprichwort “sich in die Nesseln setzen” zum Ausdruck kommt. Otto Brunfels schrieb sogar: “Was ist nichtigers un verachtlicher oder auch verhasster dan ein Nessel.” Trotzdem kann man die Brennessel wegen ihrer venusischen Eigenschaft nach astromedizinischen Gesichtspunkten zum Beispiel bei Spannungswinkeln zwischen Venus und Mars, bei rückläufiger Venus, bei Venus im Widder oder Skorpion, aber auh bei Mars in Waage oder Stier homöopathisch einsetzen.

 

Brennesselblatt
Der edel gezähnte Blattrand erinnert an Rosengewächse und ist eine Venussignatur an der sonst marshaft-kriegerischen Brennessel. (Foto: Olaf Rippe)

Verhalten

Berührt man Brennesseln, dann injizieren die Brennhaar ihre Schlangengift ähnlichen Reizstoffe (u.a. Toxalbumine und Histamin) unter die Haut. Darin äußert sich ihr aggressives oder wehrhaftes Wesen, das sich mit der Arznei auf den Menschen übertragen lässt. Die Brennessel liefert Eisen und behebt nach Alla Selawry auch die “seelische Blutarmut”, die gerne mit der Eisenmangelanämie vergesellschaftet ist und sich durch Antriebslosigkeit, Mangel an Energie und Durchsetzungskraft auszeichnet. Der Schweizer Kräuterpfarrer Künzle verglich dieses Verhalten sogar mit einem bestimmten Menschentyp, für den die Brennessel vielleicht ein Konstitutionsmittel sein könnte: “Die Brennessel ist ein Bild der empfindlichen, reizbaren Menschen und muß daher wie diese mit Glacéhandschuhen angerührt werden.”

Gesellschaft

Häufig kommen Taubnesseln und Brennesseln an einem Platz vor, weil die “taube” Nessel sich auf diese Weise vor Tierfraß schützt. uf dem Rezept stehen sie aber nur selten beieinander, weil die brennende und die sanfte Nessel eher Gegensätze verkörpern. Zur Pflanzengemeinschaft, die sich in der Nähe von Brennesseln findet, gehören noch viele weitere Ruderalpflanzen wie Ehrenpreis, Gundermann, Günsel, Hirtentäschel, Klebkraut, Schafgarbe, Storchschnabel, Vogelknöterich, Vogelmiere, usw. … Paracelsus würde sagen: “Die Kunst, Rezepte zusammenzustellen, ist in der Natur vorhanden, und sie selbst stellt sie zusammen” (Bd. I S. 347). So diktiert die Natur dem Arzt die Rezepte, denn nicht selten harmoniert auf dem Rezeptblock, was auch in der Natur befreundet ist. Ebenso bedeutungsvoll könnte die Geselligkeit als solche sein. Während Eiben oder Engelwurzen gerne als Individuen in Erscheinung treten, kommen Brennesseln wie viele weitere Ruderalpflanzen ausschließlich im Kollektiv vo. Möglicherweise kämpfen Kollektivpflanzen vermehrt gegen Pflanzenviren an und schützen sich durch Bildung antibiotischer Stoffe vor Infektionen. In der Brennessel könnte es sich bei den Schlangengift ähnlichen Toxalbuminen um solche Schutzstoffe handeln.

Standort

Von der Gemeinschaft, die ein Pflanzenwesen aufsucht, ist es nicht weit zur Betrachtung des Standorts. Will man Näheres wissen, dann sollte man sich an ihrem Standort einfach einmal niederlassen, um Pflanze zu “spielen”. So kann man sich einfühlen und sich durch den Platz in ihren Existenzkampf hineinversetzen. Durch ihren Standort offenbart uns die Brennessel mindestens drei Charakterzüge:
1.) Wie jeder Kulturfolger muß sich auch die Brennessel mit Umweltgiften auseinandersetzen und zeigt in ihrer Widerstandskraft gegen die Umweltverschmutzung ihre Heileigenschaften bei Umweltleiden wie Allergien, Neuroermitis oder Rheuma.
2.) Nicht selten sprießen die “Mauerblümchen” aus den kleinsten Mauerritzen hervor und sind in der Lage, im Laufe der Zeit sogar den Stein zu sprengen. Paracelsus erkannte darin die Signatur der steinbrechenden Arznei: “Du wirst dir merken, dass ein steinbrechendes Mittel einen Stein leicht bricht.” (Bd. I S. 930). In der Tat eignen sich Teekuren zum Ableiten von Blasengrieß, besonders von Harnsäuresteinchen; z.B. in Form von Blätterteekuren oder Vollmers Grüner Hafertee.
3.) An Kahlschlägen oder dort, wo der Bauer beispielsweise jahrelang Holz gelagert hatte oder vormals ein Misthaufen war, also auf den “Wunden der Erde” (Pelikan) siedeln sich mitunter zuerst Brennesseln an, die auch uns als Wundheilmittel dienen; z.B.in Form von Wund- und Brandgel von Wala. Als Tee werden die Blätter auch bei “inneren Wunden” wie Magen-Darm-Geschwüren gelobt, wobei das Brennen oft ein Leitsymptom ist.

Pflanzengemeinschaft Brennessel, Hirtentäschel und Schafgarbe
Durch Pflanzengemeinschaft diktiert uns die Natur zuweilen die Rezepte.
Brennessel, Schafgarbe und Hirtentäschel stehen sich durch den gemeinsamen Standort nahe und sind bei starken
Monatsblutungen und deren Folge, der Eisenmangelanämie, ein unschlagbares Kräutertee-Trio.
(Foto: Margret Madejsky)

Konsistenz

Als Faserpflanze, die einst Nesselstoff für Arme-Leute-Kleidung lieferte, untersteht die Brennessel auch dem Planetenprinzip Jupiter. Jupiter zeigt sich in der Pflanzenwelt durch Faserbildung oder Verholzung, seine Pflanzen haben häufig eine stattliche Gestalt wie etwa Alant, Gelber Enzian, Königskerze, Kastanie oder Walnussbaum. Der vierkantige Stängel wird ebenso Jupiter zugeordnet. Wir haben es also mit einer Pflanze zu tun, in der verschiedene Planetenkräfte wirken: Viel Mars (Brennhaare, Eisengehalt), etwas Venus (Grünton, edel gezähntes Blatt) und etwas Jupiter (Faserpflanze, vierkantiger Stängel, Nahrungslieferant). Die Planetenzuordnung erleichtert, wie bereits erwähnt den Einsatz nach asto-medizinischen Gesichtspunkten. In der Astromedizin unterstehen dem Jupiterprinzip unter anderem die Leber und die Formkräfte, Jupitermittel wirken im allgemeinen kräftigend auf das Bindegewebe und auf die Venen.

Namen

“Urtica” leitet sich von latein. “urere” ab, was “brennen” bedeutet. Wie der Name schon sagt, brennt die Pflanze bei Hautkontakt – aber nur, wenn man sie nicht beherzt genug anfasst, denn dann bleiben die Brennhaare intakt und können Reizstoffe unter die Haut injizieren. Weitere  Beinamen wie zum Beispiel “Bitzele”, “Sengnessel” oder “Feuerkraut” deuten ebenfalls auf das feurige Wesen hin. Eben weil die Brennessel brennt, kann sie bei allen möglichen brennenden Leiden hilfreich sein. “Nessel” ist laut Marzell mit Nestel und Netz verwandt und zeigt an, dass es sich um eine alte Gespinstpflanze handelt (siehe “Konsistenz”). “Haarwurz” ist ein weiterer Beiname. Die vitalisierende Wirkung von Brennessel auf Kopfhaut und Haarwuchs ist allgemein bekannt und wird vielfach genutzt (siehe Rezeptkasten). Die Anwendung als Schampoo, Haarwasser oder Abkochung ist wohl wie eine Art Esendüngung für die Haarpracht zu sehen, schließlich kräftigt man viele Gartenpflanzen ebenso mit Brennesseljauche. Weniger bekannt ist die Haarwuchs fördernde Wirkung von Brennesselsamen, die man täglich auf Brot oder im Salat essen kann. Wirft man Pferden täglich eine Handvoll Samen ins Futter, dann bekommen sie nach einiger Zeit ein glänzendes Fell und gebärden sich viel munterer, weswegen Pferdehändler diesen Trick früher angewandt haben, um alte Schindmähren auf dem Markt besser an den Mann zu bringen. Mancherorts wird die Brennessel auch “Brühnessel” genannt, was eine Anspielung auf die Verwendung des abgebrühten Krautes als Viehfutter ist, das dann die Milchbildung anregt. “Donnernessel” spielt auf den schutzmagischen Gebrauch bei Gewitter an, und dass die Nessel dem Donnergott (Donar-Jupiter-Zeuss) zugehört. Die jungen Triebe werden auch traditionell am Gründonnerstag, dem Tag des Donar, in die Neunkr¨utersuppe getan. Interessanterweise hat die Brennessel gerade dann, wenn sie als Osterkultspeise genossen wird, auch den höchsten Eisengehalt.

Fortpflanzung

Die Brennessel ist wie so viele “Unkräuter” erstaunlich beweglich: Sie ist windbestäubt und übergibt ihre federleichten Früchte ebenfalls dem Wind, was eine merkurielle Eigenschaft ist. Eine weitere Signatur, die auf Merkur deutet, der im Körper über Hormone und Stoffwechel regiert, ist die Ausläuferbildung, die der Brennessel die Macht gibt, sich zum bodendeckenden Bestand auszuweiten. Auf diese Weise erobert sie Nah und Fern, wahlweise per Luft oder über Land. Der Fortbestand ist somit gesichert oder: “Unkraut vergeht nicht”. Von dieser unglaublichen Durchsetzungskraft und Vitalität kann die Brennessel uns einen Teil als Nahrungs- oder Heilpflanze übertragen. Der Samenreichtum der Brennessel zeigt die Fruchtbarkeit spendende Kräfte an. Brennessel wurde einst in der Veterinärmedizin gebraucht: Wenn die Kuh nicht stierig oder die Stute nicht rossig werden wollte, dann rieb der Bauer das Hinterteil des Tieres einfach mit frischen Nesseln ab. Hippokrates soll die Nesseln gebraucht haben, um die Menstruationsblutung herbeizuführen und somit die Fruchtbarkeit zu fördern (Höfler). Otto Brunfels führte für diese Indikation ein Rezept auf: “Nesseln gestossen mit Myrrhen und Zäpflein daraus gemacht, in die Maht gelegt, bringt den Frauen ihre Blumen.” In jedem Fall unterliegen Pflanzenfrucht und Fruchtbarkeit des Menschen ähnlichen Grundkräften, so dass es nicht verwundert, wenn in alten Kräuterbüchern über samenreiche Pflanzen zu lesen ist, dass sie den “natürlichen Samen mehren” (Lonicerus). Vor allem die Samen regen die Keimdrüsen an, auch weil sie recht viel Vitamin E enthalten.

Lebensdauer

Im Gegensatz zu anderen Frühlingskräutern, die wie Bärlauch nach der Blüte die Blätter einziehen, halten Brennesseln fast das ganze Jahr durch. Mitunter kann man kleine Triebe sogar noch mitten im Winter unter dem Schnee finden; zwar sind sie dann ohne Grünkraft, aber die Tatsache, dass sie noch findbar sind, ist natürlich eine Signatur, die auf den Kraftspender und das Durchhaltemittel hindeuten. Am Ende des Winters findet man das Fasergerüst der Brennesseln aus dem Vorjahr immer noch, was auch ein Ausdruck des Salaften dieser Pflanze ist (Sal = das Feste) und zeigt, dass es sich um eine Heilpflanze bei chronischen Leiden sowie um ein Altersmittel handelt.

Rhythmus

Zum Rhythmus zählt einerseits die Wachstumsperiode als auch die Pflanzensymmetrie. Was die Wachstumsperiode angeht, so gilt häufig die Regel: Die Pflanze wächst dann, wenn sie gebraucht wird oder zeigt in ihrer Blüte- oder Fruchtzeit gewisse Synchronizität zum zeitlichen  Auftreten der Symptome. Im Fall unserer Brennessel wären dies Leiden, die bevorzugt im Frühling auftreten wie etwa Allergien, Frühjahrsmüdigkeit etc. und die jungen Triebe bieten sich nun geradezu als Kräftigungsmittel an. Die Symmetrie führt manchmal über die Zahl zur Plantenkraft (Saturn – 3, Jupiter – 4, Mars – 5, Sonne – 6, Venus – 7, Merkur – 8, Mond – 9), wobei nicht an jeder marshaften Pflanze die Zahl Fünf zu finden ist. “Vierzeilig laufen so die Blätter den Stiel hinauf; der Stengel, quadraisch im Querschnitt, macht den Rhythmus des überkreuzgehenden Abgliederns mit” (Pelikan). Vier ist wie bereits aufgeführt die Zahl des Jupiter, einer eher wohltätigen Planetenkraft. Ferner handelt es sich beim Überkreuzgehen um eine Schutzsignatur. Nach Seligmann wurde die Brennessel von den Alpenländern bis nach Tibet zu schutzmagischen Zwecken genutzt: “In Tibet legt der zurückkehrende Reisende auf Passhöhen, bei gefährlichen Brücken oder beschwerlichen Wegen Nesseln und Dornen unter Steine, um den bösen Geist, der ihm schaden könnte zu bannen.” In unseren Breiten hängte man Nesseln über Stalltüren auf, um wie mit Disteln böse Geister und Krankheitsdämonen zu bannen.

Brennessel als Mauerblümchen
Pflanzen, die aus Mauerritzen hervorsprießen oder mit etwas Flugsand auf Stein vorliebnehmen, zeigen Sympathie zu Steinleiden. Daher leitet die Brennessel Blasengrieß ab.
(Foto: Margret Madejsky)

Literatur (Stand 2003; Erscheinungsdatum des Artikels in der Naturheilpraxis)

  • Brunfels, O.: Kreüterbuch 1532, Reprint by Kölbl Verlag München 1964
  • Gäbler, H.: Das Buch von den heilenden Kräutlein; Goldmann Verlag, München 1977
  • Höfler, M.: Volksmedizin. Botanik der Germanen, VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1990
  • Künzle, J.: Chrut und Uchrut; Unterberger Verlagsbuchhandlung, CH-Feldkirch 1935
  • Madaus, G.: Lehrbuch der biologischen Heilmittel; Mediamed Verlag, Regensburg 1987
  • Madejsky, M.: Signaturelehre, Naturheilpraxis 5/98, Pflaum Verlag München
  • Madejsky, M.: Die Signaturen der Leberheilpflanzen, Naturheilpraxis 2/2002, Pflaum Verlag München
  • Madejsky, M.: Die Botschaften der Zaunkräuter, Naturheilpraxis 4/2001, Pflaum Verlag München
  • Marzell, H.: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, s. Hirzel Verlag, Stuttgart 1979
  • Pelikan, W.: Heilpflanzenkunde, Philosophisch-anthroposophischer Verlag am Goetheanum, Dornach 1958
  • Rippe, Madejsky, Amann, Ochsner, Rätsch: Paracelsusmedizin, AT Verlag, CH-Aarau 2001
  • Selawry, A.: Metall-Funktionstypen, Haug Verlag, Heidelberg 1985
  • Seligmann, S.: Die magischen Heil- und Schutzmittel aus der belebten Natur, Reimer Verlag, Berlin 1996
  • Wichtl, M.: Teedrogen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989

 

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