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“Omnia sanantem” Die “allesheilende” Mistel in Phytotherapie und Komplexmittelhomöopathie – von Olaf Rippe

In der Adventszeit findet man auf Weihnachtsmärkten nicht nur Glühwein und Lebkuchen, sondern auch Misteln und andere immergrüne Pflanzen wie Stechpalme, Christrose, Tanne und Fichte. Seit Urzeiten werden sie als Mysterienpflanzen des Mitwinters kultisch verehrt, weil sich in ihnen die Lebenskraft der Sonne auf besondere Weise zeigt. Wenn ein Gewächs die raue und kalte Winterzeit scheinbar mühelos übersteht, dann muss eine solche Pflanze aber nicht nur eine magische Wirkung, sondern auch eine besondere Heilkraft haben. Dies gilt vor allem für die Mistel, die schon von den Kelten als Zauberpflanze verehrt wurde. Man nannte sie in alter Zeit “Omnia sanantem” – die Allesheilende und als solche spielt sie bis heute in der Kräuterheilkunde und in der Homöopathie eine wichtige Rolle.

Druiden bei der Mistelernte; Stich 19. Jh.

Kreuzholz und Gespensterrute – Die Magie der Mistel

Würde man alle Namen, die das Volk einer Pflanze zuspricht, auf ihre Bedeutung hin untersuchen, dann hätte man eine umfassende Vorstellung von ihren besonderen Heilkräften und Namen hat die Mistel viele: Lignum sancti crucis – heiliges Kreuzholz, Gespensterrute, Geisterzweig, Hexenbesen, Donnerbesen, Trudenfuß, auf französisch gui des druides (Druidenmistel) oder auf walisisch all-iach – Allheiler, sind nur einige Beispiele.

Auffallend ist der Bezug zur Alben- und Gespensterwelt. Es heißt, dass nur dort, wo Nachtmahre und Hexen Rast machen, Misteln wachsen können. Häufig wirken Orte, an denen Misteln gehäuft auftreten, unheimlich und beklemmend. Die Bäume wachsen knorrig und verdreht, Efeu rankt an ihnen empor und nicht selten kommt es an solchen Orten zu ungewöhnlichen Phänomenen, die dem einen Furcht einjagen, dem anderen aber Visionen einer magischen Welt eröffnen, denn die Mistel wächst an den Toren zur Anderswelt oder Unterwelt, dem Reich der Geister, den Nymphen, Sylphen und Kobolden.

Nur Auserwählte und Götter durften sich in alter Zeit der Macht der Mistel bedienen. Die Göttin Persephone öffnet mit einem Mistelzweig die Tore zum Hades. Die Mistel “ist die Pflanze des Übergangs. Ihr ‘goldener Zweig’ ermöglicht Aeneas die Schwelle zur Unterwelt zu überqueren. Sie begleitet die Sonnenwenden. Bekannt ist die Geschichte von Baldur, dem Sonnengott, der zur Mittsommerzeit durch einen Pfeil aus Mistelholz den Tod findet. Zur Wintersonnenwende dagegen, in der dunkelsten Nacht, wenn die Mistel noch grün im kahlen Geäst hängt, begleitet sie die Wiedergeburt des Sonnengottes aus dem Schoß der Erdenmutter” (Storl, 2009).

Plinius berichtet in seiner Naturgeschichte davon, dass die Druiden zur Wintersonnenwende Misteln ernteten und dies nur unter besonderen Ritualen und Opfergaben. Die Pflanze durfte dabei nicht den Boden berühren, sonst verlor sie ihre Zauberkraft. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass man heute weiß, dass in der Mistel bestimmte Wirkstoffe in dieser Zeit ihr Maximum erreichen. Außerdem fruchtet die Mistel entgegen den Rhythmen der Natur im kalten Winter, was nach altem Glauben ein Zeichen für ihre Zauberkraft ist.

Mistel aus dem Kräuterbuch des Lenohard Fuchs, 1543

Trotz eines eigenen Chlorophyllstoffwechsels schmarotzt sie am Wirtsbaum, daher haben Misteln je nach Wirtsbaum etwas unterschiedliche Eigenschaften. Doch die Wirkung wird auch durch den Genius loci des Wachstumsortes beeinflusst. Natursichtige und Rutengänger spüren diese andere Art der Energie und sprechen von Störzonen oder Reizstreifen. Für den Menschen ist ein längerer Aufenthalt an solchen Orten, z.B. zum Wohnen, krankmachend, weil die Kraft des Ortes nicht in einer harmonischen Resonanz zum Menschenwesen steht. Dies erklärt auch die häufigen Gespenstergeschichten, die von solchen Orten überliefert sind.

Misteln wachsen langsam und werden sehr alt. Erst nach 7 Jahren gewinnt sie ihre kugelförmige Gestalt. Auch dies ist eine wichtige Entsprechung, denn alle 7 Jahre beginnt auch für den Menschen ein neuer Lebensabschnitt (Saturnzyklen – alle sieben Jahre steht der laufende Saturn in einem Spannungswinkel zum Geburtssaturn). “Der regelmäßige, zweiteilige Wuchs der Pflanze, der dazu führt, dass die Mistelzweige sich in auffallender Weise kreuzen, war nach christlichem Glauben etwas besonders heiliges” (Seligmann). In der Signaturenlehre gilt dies als Hinweis auf eine “schutzmagische” Wirkung. Amulette aus Mistelholz gelten als dämonenfeindlich und in Silber gefasst dient die Mistel zur Abwehr des Bösen und von Nachtmahren. Gegen Hexen und böse Geister und weil sie Glück ins Haus bringt, wird die Mistel bis heute über die Haustür, im Haus oder im Stall aufgehängt.

Veranstaltungen zur Phytotherapie

Mistel bei Nervenleiden, Schlafstörungen und Stresskrankheiten

Wer häufig unter Alpträumen leidet sollte sich vielleicht einmal eine Tannenmistel über das Bett hängen oder dem Rat von Rutengängern folgen und sich Misteln unter das Bett legen. Man kann für einen erholsamen und tiefen Schlaf auch Fläschchen mit Globuli potenzierter Mistel (D4 oder D6) unter das Bett legen, am besten im Uhrzeigersinn ausgerichtet. Schon mehrfach hat sich diese einfache und billige Methode bei Schlafstörungen als hilfreich erwiesen. Die Wirkung spürt man oft bereits in der ersten Nacht! Zur Unterstützung nimmt man am besten silberhaltige Arzneien, sozusagen als Amulett auf Rezept: Argentum metallicum praeparatum D12, abends und nachts je 5 Topfen zusammen mit Viscum mali D2, abends und nachts je 10 Tropfen (beides von Weleda).

Alternativ hat sich das Solunat Nr. 4 (ehemals Cerebretik) von Soluna bewährt; abends und bei nächtlichem Erwachen je 5 Tropfen; das alchimistische Präparat enthält neben Silber noch Tabak, der bekanntlich bei den indigenen Völkern Amerikas die wichtigste Opferpflanze an die Geister ist. Die Kombination mit Silber lässt sich auch astromedizinisch interpretieren. Mit ihren schleimigen Beeren und ihrer eigentümlichen Signatur zeigt die Mistel lunare Eigenschaften. Der Mond wird jedoch auch mit dem Gehirn und dem Metall Silber assoziiert. Der Winter und der Ort des Wachsens zeigen dagegen saturnale Eigenschaften. Die Kombination von Saturn- und Mondkräften wird unten noch einmal erwähnt werden.

Ein interessantes Komplexpräparat zur Behandlung von Unruhe- und agitierten Gemütsleiden mit Schlafstörungen ist Sedsano, Tropfen von der Firma Wulf Rabe. Es enthält neben Mistel typische phytotherapeutische Nervina wie Baldrian, Hafer, Melisse, Passiflora und Damiana, aber auch potenzierte Nervenmittel wie Nux vomica und Zincum valerianicum sowie einige Herzmittel, z.B. Weißdorn und die Schlangenwurzel Rauwolfia, die in der ayurvedischen Heilkunde wegen ihrer nervenberuhigenden Wirkung sehr geschätzt wird. Die Rezeptur ermöglicht auch den Einsatz bei essentieller Hypertonie in Verbindung mit Schlafstörungen.

Die Geistes- und Gemütssymptome, bei denen man an Mistel denken sollte, sind umfangreich. Bei Mezger heißt es: “Die Arzneimittelprüfungen lassen eine deutliche Beeinflussung des Zentralnervensystems mit Kopfkongestionen, Kopfschmerzen und Schwindel (…) erkennen. Gedrückte Stimmung, Traurigkeit, Apathie und Mutlosigkeit, Antriebsarmut, Verdrießlichkeit und Ärgerlichkeit. Empfindlich gegen Geräusche, Unruhe. Schlimme Ahnungen; Untauglichkeit zu geistiger Arbeit, Gedanken kreisen stundenlang um frühere Ereignisse. Kraftgefühl, Mitteilungsbedürfnis, Optimismus, abnorme Munterkeit, Unternehmungslust, voll von Plänen. Schlaf: Spätes Einschlafen, frühes Erwachen. Schlaf schlecht trotz Erschöpfung…”

Störzone mit Misteln und Efeu

Gespenster und Dämonen sucht man im Arzneimittelbild zwar vergebens, doch die Symptome zeigen, dass man an Viscum album unbedingt bei Stresskrankheiten und Burn-out denken sollte. Stress ist heute einer der Hauptkiller und wird inzwischen sogar in der WHO als ernste Bedrohung gesehen. Die Ähnlichkeit zu Nux vomica und Zincum valerianicum ist zudem auffällig und eine Kombination daher ratsam (siehe oben). Der Gebrauch der Mistel bei Nervenleiden geht bis in antike Zeit zurück. Immer wieder liest man dabei von der Eichenmistel. Auch Plinius erwähnt, dass die Mistel, die auf dem heiligen Baum des Donnergottes gedeiht, von den Druiden besonders verehrt wurde.

Als Viscum quercinum finden wir sie bei Paracelsus, der die Eichenmistel als Nahrungsmittel der Hinfallenden empfahl: “Wenn sie eine Suppe essen, soll viscus quercinus darin gekocht sein und man darf keine Salz hinzufügen”, heißt es bei ihm. Paracelsus, der natürlich die magische Verwendung in der Volksmedizin kannte, gebrauchte die Mistel nicht nur bei Epilepsie, sondern auch gegen Verhexung, Wahnsinn, Schüchternheit, Ängstlichkeit und Melancholie, am liebsten zusammen mit roter Koralle, Johanniskraut, Nieswurz, Engelwurz, Styrax, Opium und Pfingstrose. Sein astromedizinischer Hinweis ist dabei besonders interessant: “Es (die Eichenmistel) ist besonders für junge Leute zu gebrauchen, und es scheidet die Coniunctionem Caducam der (Winkelbeziehung) Venus und der Luna (Mond), der Luna und des Saturns, auch des Saturns und der Venus”. Hierzu ist zu sagen, dass Spannungsaspekte zwischen Mond und Venus und zum Saturn die oben genannten Zustände begünstigen, besonders die Stellung des Mondes im saturnalen Zeichen Steinbock, die man gehäuft bei Melancholie und beim Karzinomgeschehen findet.

Die Kombination von Mistel und Pfingstrose, die Paracelsus erwähnt, kennt man auch als Amulett gegen Fraisen, das sind dämonenartige Wesen, die bei Kindern Krampfleiden verursachen. Alexander von Bernus, Begründer der Firma Soluna, muss diese Stellen bei Paracelsus ausführlich studiert haben, als er nach einer Rezeptur für “Anfallsleiden” suchte. In seinem Mittel Polypathik, heute Solunat Nr. 14, finden sich neben sedierenden Bromverbindungen und Mistel, auch Nieswurz, Pfingstrose und Beifuß, der in der alten Volksmedizin als fuga daemonum (Teufelsflucht) bekannt war (vergleiche den Artikel “Wege aus Krise”, Rippe 2008). Die ursprüngliche Rezeptur enthielt zusätzlich Opium, das aber Dank der allgemeinen Paranoia seitens der Behörden heute nicht mehr enthalten ist. Neben Anfallsleiden wie Epilepsie und Migräne sollte man Polypathik vor allem bei hartnäckigen Schlafstörungen mit Alpdrücken verwenden.

Es ist übrigens keineswegs sicher, ob Paracelsus und die anderen Heiler der Vergangenheit, wirklich die Eichenmistel gemeint hatten, denn diese ist ausgesprochen selten. Im Donaugebiet Österreichs bis zum Balkan gibt es jedoch eine verwandte Art, die Riemenblume (Loranthus europaeus), die man bevorzugt auf Eichen findet und aus der man Vogelleim herstellte. Sie hat nicht nur botanisch, sondern auch energetisch viel mit der weißen Mistel gemeinsam. Sie ist sogar im Handel: Spagyra liefert Loranthus europeus D6 bis D12 als Globuli und Dilution, DHU hat laut Homepage Loranthus (= Viscum quercinum) ab D4 als Sonderanfertigung und Remedia liefert Loranthus ab D2 Globuli und Dilution. Leider existieren kaum Erfahrungsberichte mit diesen Präparaten und ein Mischpräparat ist ebenfalls nicht im Handel. Bei Madaus findet man den Hinweis von Riemenblume bei Bluthusten und in Hagers Handbuch den Hinweis auf den Gebrauch bei Tumoren.

Riemenblume oder “Eichenmistel”;Stich 19. Jh.

Fruchtbarkeitszauber mit Mistel

In antiken Kulturen war die Mistel den Fruchtbarkeits- und Liebesgottheiten geweiht. Mit ihrer immergrünen Kraft überwindet die Mistel die saturnale Erstarrung des Winters, der kalten und unfruchtbaren Jahreszeit. In der Volksmedizin gebrauchte man die Mistel daher als Lebensrute und man hängte sie als Glücksbringer über die Haustür oder ins Haus und in den Stall. Bei Seligmann liest man, dass in Österreich ein Mistelzweig im Schlafgemach aufbewahrt wird, damit er den erhofften Kindersegen bringt. Vielerorts findet man die Mistel als Fruchtbarkeitssegen im Brautkranz. Aus der walisischen, aber auch der bulgarischen Volksmedizin ist überliefert, dass der Genuss getrockneter Beeren Frauen fruchtbar machen soll (Seligmann).

Maria Treben erwähnte ebenfalls diese Wirkung; bei ihr heißt es: “Der frische Mistelsaft kann die Unfruchtbarkeit der Frau beheben. Die Mistel muss gut gewaschen und noch im feuchten Zustand mit einer Saftzentrifuge entsaftet werden. Man nimmt davon je 25 Tropfen in etwas Wasser nüchtern eine halbe Stunde vor dem Frühstück und abends vor dem Schlafengehen.” Handelspräparate zum Thema Fruchtbarkeit gibt es leider nur wenige und mit zugelassener Indikation natürlich überhaupt keins.

Das Präparat Cuprum Roe Plax M Tropfen von Asconex/Pharmako kann man aber auf jeden Fall bei Kinderlosigkeit empfehlen. Neben der Mistel enthält es die Küchenschelle (Pulsatilla), die in potenzierter Form das Kardinalmittel darstellt und den Storchschnabel, der im Volksmund auch Kindsmacher heißt; ferner sind enthalten Frauenwurzel (Caulophyllum), das Mittel Nr. 1 aus der Indianermedizin zum Thema Fruchtbarkeit, sowie Waldrebe, Safran und Kupfersulfat, die als Gemütsmittel, aber auch von ihrer entspannenden und immunstärkenden Wirkung die Empfängnisfähigkeit verbessern.

Margret Madejsky berichtet in ihrem Buch “Lexikon der Frauenkräuter” von einer interessanten Studie an der Uni-Frauenklinik Heidelberg, bei der man Mistelpräparate bei Myomen und Endometriose einsetzte. Die Studie ergab einerseits eine positive Wirkung bei Myom, doch mussten einige Frauen mit Endometriose die Studie abbrechen, da sie unter der Therapie unerwartet schwanger geworden waren, was im Falle einer Endometriose, so Margret Madejsky, als das Beste überhaupt gilt.

Die Firma Wala liefert gleich drei Mistelpräparate mit gynäkologischen Indikationen. Zunächst das Mittel Berberis / Uterus comp. (Glob., Amp.) zur Myombehandlung. Hierfür eignet sich speziell auch Iscador P von Weleda oder von Helixor die Mistelpräparate P oder M (siehe entsprechende Fachliteratur). Es ist naheliegend, die tumorhemmenden Eigenschaften der Mistel auch bei einer Gebärmuttergeschwulst anzuwenden. Zur Behandlung von Zysten liefert Wala das Mistelpräparat Magnesium sulfuricum / Ovaria comp. (Amp., Glob.) und bei Mastopathie das Mittel Magnesit / Mamma comp. (Amp., Glob.). Die Präparate haben sich für diese Indikationen außerordentlich gut bewährt, besonders bei gleichzeitiger Verordnung von höherpotenzierten Einzelmitteln entsprechend dem individuellen Symptomenbild und wenn man die Mittel nicht nur innerlich verwendet, sondern auch injiziert. Am besten ist die intracutane Applikation im Bereich zwischen Bauchnabel und Schamhaar, zwei Mal die Woche. An den injektionsfreien Tagen verwendet man die Globuli, ca. 3 bis 4 Mal 10 Globuli.

Und sogar im Geburtszauber spielte die Mistel früher eine Rolle. Im Kräuterbuch des Lonicer liest man: “So ein Weib in Kindsnöhten ist (Wehenschwäche)/ und nicht gebären kann/ die nehme gestoßen Eichenmistel/ und trincks in Wein oder Bier ein/ so gebührt sie bald. Und das Kind/ so sie geboren hat/ ist vor der fallenden Kranckheit sein Lebenlang behütet” Adamus Lonicerus, 1679.

Mistel über der Tür bringt Glück ins Haus

Die Mistel und das Seelenorgan Herz

Die Anwendung der Mistel bei Herz-Kreislauferkrankungen in Zusammenhang mit Hypertonie dürfte die bekannteste Indikation sein, abgesehen einmal von der Therapie bei Krebs. Dies belegen auch die zahlreichen Firmenpräparate, die trotz der destruktiven Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte immer noch im Handel sind.

Phytopharmakologisch ist diese Wirkung umstritten, zumindest was die orale Anwendung angeht. In der Erfahrungsmedizin ist dies aber nicht wirklich von Bedeutung, was zählt ist der therapeutische Effekt und die richtige Mischung. Phytopharmakologen haben die Seele der Pflanze nicht wirklich erfasst, wenn sie nur auf Wirkstoffe achten. Zudem lassen sich Pflanzengemische wie man sie seit Menschengedenken verwendet nicht im Labor analysieren. Erst in neuerer Zeit kam die Torheit der Monopräparate auf, als ob eine Krankheit monokausal zu erklären ist und daher auch nur eine Substanz benötigt – dies ist ein therapeutisches Märchen und führt nur zu Misserfolg und zu unerwünschten Effekten, aber ganz sicher nicht zu einem Heilprozess.

Wenn man die oben genannte psychische Wirkung und den energetischen Charakter der Mistel beachtet, dann wirkt die Pflanze mit ihrem lufthaften Wesen vor allem auf das Seelenhafte im Menschen und die Seele hat ihren Sitz immer noch im Herzen und nicht in einer chemisch definierbaren Substanz. Die Wirkung der Mistel scheint energetische Störungen im Astralbereich, dem Gefühlskörper des Menschen, besonders anzusprechen. Wenn man dies mit dem Genius loci des Wachstumsortes vergleicht, dann liegt der Gedanke nahe, dass die Mistel auch hier nicht nur Ausdruck eines energetischen Ungleichgewichts ist, sondern vielmehr ebenfalls eine Heilwirkung auf die Energie des Ortes ausübt.

Im Arzneimittelbild bei Mezger lesen wir: “Herzklopfen, Stolpern, Unruhe und Vibrieren, Zusammenschnürungsgefühl, Druck, fühlbare Extrasystolen und Irregularität. Gefühl, als ob das Herz von einer Hand gepresst wird. Puls beschleunigt oder langsam mit Todesangst. (…) Ansteigen des Blutdrucks zu Anfang, um nachher für längere Zeit abzusinken.” Diese Symptomatik ist typisch bei Herzstress infolge von Angstzuständen und mangelhafter Selbstregulation durch Überforderung. Astromedizinisch kann man bei diesen Patienten gehäuft den hemmenden und einschränkenden Einfluss des Saturns feststellen.

Die Mistel in Herzrezepten ist also vor allem auf der seelischen Organebene bedeutsam und sollte unbedingt mit weiteren Herzmitteln ergänzt werden, sei es zur Behandlung von Rhythmusstörungen, Blutdruckkrankheiten oder Sklerose. Wie schon gesagt, gibt es viele Handelspräparate, hier eine kleine Auswahl: In dem Mittel Antihypertonicum Tabl. von Schuck ist neben Mistel Rauwolfia enthalten, dazu Nitroglycerin und Königin der Nacht – die Rezeptur eignet sich daher besonders bei Hypertonie mit Stenokardien und bei Herzstress. Ähnlich zusammengesetzt sind die Mittel Homviotensin Tropfen von Homviora, Fima 34 Viscum Komplex Dilution von Fima oder Loewe Komplex Nr. 3 N Rauwolfia Tropfen von Infirmarius Rovit.

Mehr in Richtung Sklerose und Hypertonie wirken folgende Kombinationspräparate: Antihypertonikum Hevert N Tropfen von Hevert – das Präparat enthält Gold, Kardinalmittel der hypertonen-apoplektischen Konstitution; Rauwolfia Viscomp Tropfen von Schuck; Arteria-Heel N Tropfen von Heel – wegen Secale und Tabacum besonders bei Claudicatio intermittens; Infi Rauwolfia Injektion Amp. von Infirmarius Rovit – speziell zur Behandlung von hypertonen Zuständen mit Rhythmusstörungen; Arnica similiaplex Tropfen von Pascoe, das eine Ableitung über die Niere mit berücksichtigt und zum Abschluss Rauwolfia comp. Amp. von Heel zur Injektionstherapie bei Hypertonie – das Präparat enthält Drainagemittel zur Ableitung über Leber und Niere, was für eine erfolgreiche Therapie unbedingt notwendig ist (die Leber entzündet das Herz und das Feuer muss über die Niere ausgeglichen werden).

Apfelmistel – ein Heilmittel bei Karzinomerkrankungen von Frauen und bei Zysten oder Myom

Mistel als Jungbrunnen

Während die Herzwirkung und vor allem die Nervenwirkung in der rationalen Phytotherapie eher zum Bereich der Indikationslyrik zählen, hat die Mistel zur Behandlung von Immunleiden eine Positivmonografie erhalten, speziell zur Segmenttherapie bei degenerativ entzündlichen Gelenksleiden und zur Palliativtherapie im Sinne einer unspezifischen Reiztherapie bei malignen Tumoren.

Besonders der anthroposophisch ausgerichteten Heilkunde verdanken wir es, dass die Mistel nicht in Vergessenheit geraten ist. Rudolf Steiner, der die Immunwirkung ohne jede Tierquälerei rein geistig durch Betrachtung der Signaturen erkannte, vertrat aber vor allem die These, dass eine Therapie mit Mistelextrakten in erster Linie der Gesunderhaltung und nicht der Behandlung von Krankheiten dienen sollte. Doch “was bringt den Doktor um sein Brot? – A die Gesundheit, B der Tod, darum hält er uns, auf das er lebe, zwischen beiden in der Schwebe” (Eugen Roth) – die prophylaktische Therapie hat sich jedenfalls (noch) nicht durchsetzen können.

Im Wellness-Zeitalter wird sich dies vielleicht ändern, denn die Mistel wirkt ausgesprochen regenerierend und man kann durchaus behaupten, dass es vor allem ein Mittel ist, um in Würde zu altern. In der Geriatrie braucht man vor allem Arzneien, die Verschleißerscheinungen vorbeugen, besonders im Gelenksbereich, einem der Schwachpunkte der menschlichen Konstitution und eine Stärkung des Immunsystems im Sinne eines Adaptogens.

Zum Glück gibt es noch viele Handelspräparate zur Behandlung der gichtisch- rheumatischen Konstitution mit Mistel, die man auch bei Arthrose verwenden kann: Biosanum Rheumaöl comp. Öl von Bindergass zur äußerlichen Anwendung – das Mittel enthält Ameise, Teufelskralle und Beinwell, ist also wahrhaft volksmedizinisch – sehr gut ist die Kombination mit Murmeltierfettsalben; innerlich eignet sich Rheumarex Complex N Tropfen von Steierl Pharma und bei rheumatischen Erscheinungen im Klimakterium sollte man an Viscum album Komplex Nestmann 51 Tropfen von Nestmann denken.

Bei chronischen Rückenbeschwerden, die ja bekanntlich durch Überarbeitung, aber auch im Alter zunehmen, liefert Wala einige wichtige Präparate, die man gleichzeitig innerlich und äußerlich als Salbe und/oder Injektion anwenden sollte: Disci comp. cum Pulsatilla Glob., Amp. und Salbe – speziell im Klimakterium sowie Disci/Viscum comp. cum Stanno, ebenfalls als Glob., Amp. und Salbe – allgemein bei Degeneration der Bandscheiben. Bei akuten Schmerzen der Wirbelsäule kann man auch die Zäpfchenpräparate Disci / Pulsatilla comp. cum Stanno Supp. oder Disci/Viscum comp. cum Argento verwenden. Keineswegs beschränkt sich die Therapie mit diesen Mitteln auf die Behandlung der unteren Wirbelsäule und des Ischiasnervs, denn das Arzneimittelbild von Viscum album umfasst ebenfalls den Schultergürtel, z.B. bei Tortikollis. Als Injektionsmittel bei Arthrosen in der Nähe der betroffenen Gelenke kann man das Mittel Hornerz/Cartilago comp. von Wala empfehlen – an den injektionsfreien Tagen verwendet man das gleiche Mittel als Globuli mehrmals täglich.

Sogar bei Sehschwäche und zur Begleitbehandlung bei altersbedingten Augenkrankheiten wie dem grauen Star kann man die Mistel denken – Wala liefert hierfür die Augentropfen Hornerz /Corpus vitreum comp.. Wala liefert zur Anwendung bei Degenerationserscheinungen der Haut, z.B. nach Strahlenschäden, Sonnenbrand etc, das Mittel Echinacea / Viscum Gelatum. Als Ergänzung eignet sich von Ceres Viscum comp. Tropfen – es enthält neben Mistel das Antidyskratikum Stiefmütterchen sowie zur Wundheilung Ringelblume und zur Ableitung über die Haut Holunder. Mistelsalben zur Ableitung über die Lymphe bei Degeneration und Entartung liefert das Phönix Laboratorium mit JUV 110 B und JUV 110.

Als Kind der Lüfte wurzelt die Mistel nicht in der Erde – eine Signatur für ein Mittel gegen Fallsucht

Doch eine Indikation überwiegt heute inzwischen alle anderen, die antitumoröse und immunstimulierende Wirkung beim Karzinomgeschehen. Zur allgemeinen Entgiftung und zur Begleitbehandlung bei Karzinom liefert Schuck Flenin als Tropfen und als Ampullen, auch zur Eigenbluttherapie – das Mittel enthält Conium zur Drainage bei bösartigen Erkrankungen über die Lymphe und Arsen, zur Behandlung einer Degeneration auf der Zellebene, außerdem ist es ein Kardinalmittel beim Erschöpfungssyndrom. Conium und Mistel sind auch Bestandteil von Lymphdiaral Injektopas L Ampullen von Pascoe. Auch die Firma Pflüger liefert ein Mistelpräparat zur Entgiftung – Derivatio H zur Injektion und als Dilution.

Bemerkenswert sind die Mittel der Serie Rabjuven von Wulf Rabe zur Begleitbehandlung bei Entartungen, denn diese enthalten nicht nur Mistel, sondern auch potenzierte Baumtumore auf denen Misteln wachsen. Zur Behandlung des Erschöpfungssyndroms bei chronischen Leiden sollte man auch an das Mistelpräparat Ginseng comp. N von Heel denken.

Bewusst wird in diesem Artikel auf die Vorstellung der zahlreichen Handelspräparate von Wala, Weleda, Helixor und Abnova zur Karzinomtherapie verzichtet, denn dies würde einen eigenen Artikel erfordern. Unsere moderne Zeit, in der der Mensch nahezu jeden Kontakt zur Natur verloren hat und sich tagtäglich im Namen des Fortschritts mit chemischphysikalischen Noxen vergiftet, ist zur Sternstunde der Mistel geworden und dies verdanken wir vor allem den anthroposophisch ausgerichteten Firmen. Das Karzinomgeschehen ist menschengemacht, es ist die Folge einer degenerierten und von der Natur entfremdeten Kultur. Ein weiteres Merkmal ist die gleichzeitig stattfindende Entmystifizierung unserer Welt. Die einstige Mysterienpflanze der Wintersonnenwende verwandelt sich zum goldbesprühten Kitschobjekt über der Tür, an der Weihnachtsmänner aus Plastik nach Konsumopfern Ausschau halten.

Was letztendlich fehlt ist die Liebe zur Natur, die uns ernährt und deren Kind wir sind. Paracelsus nannte es das Licht, Hildegard Viriditas. Dies erinnert sehr an den germanischen Mythos vom Tod des schönen Baldur durch seinen blinden Bruder, nachdem dieser von Loki angestiftet wurde, einen Pfeil aus Mistelholz auf Baldur zu schießen – Loki, ein Synonym für die spirituelle Blindheit unserer Zeit. Doch irgendwann wird Baldur wiedergeboren und mit ihm eine neue Epoche, in der hoffentlich auch die Naturheilkunde mehr im Bewusstsein der Allgemeinheit sein wird. Dies wird das Zeitalter der Salutogenese sein.

Literaturempfehlungen

  • Bächtold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens: Walter de Gruyter 1987.
  • Höfler, Max: Die Volksmedizinische Botanik der Germanen; Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1990
  • Jänicke, Christof / Grünwald, Jörg / Brendler, Thomas: Handbuch Phytotherapie; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2003.
  • Kaufhold, Peter: Phytomagister; Pflaum Verlag 2002
  • Madaus, Gerhard: Lehrbuch der biologischen Heilmittel; Mediamed Verlag 1990.
  • Madejsky, Margret: Lexikon der Frauenkräuter; AT-Verlag 2008.
  • Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen; S. Hirzel Verlag 1979
  • Mezger, Julius: Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre; Haug-Verlag 2005
  • Pelikan, Wilhelm: Heilpflanzenkunde; Philosophisch-Anthroposophischer Verlag Goetheanum 1978.
  • Rippe, Olaf / Madejsky, Margret: Traditionelle Heilkräuterkunde und Phytotherapie; AT-Verlag 2009
  • Rippe, Olaf: Wege aus der Krise – Behandlung psychischer Extremsituationen mit Solunaten; Zeitschrift Naturheilpraxis; 05/2008, Pflaum Verlag.
  • Olaf Rippe Hrsg: Die Mistel – eine Heilpflanze für die Krankheiten unserer Zeit; Pfalum Verlag, 2010
  • Seligmann, Siegfried: Die magischen Heil- und Schutzmittel aus der belebten Natur; Reimer 1996.
  • Storl, Wolf-Dieter: Die Seele der Pflanzen; Kosmos Verlag 2009.
  • Treben, Maria: Gesundheit aus der Apotheke Gottes; Ennsthaler Verlag 1980.

Zur Beachtung!

Der Leser ist aufgefordert, Dosierungen und Kontraindikationen aller verwendeten Arzneistoffe, Präparate und medizinischen Behandlungsverfahren anhand etwaiger Beipackzettel und Bedienungsanleitungen eigenverantwortlich zu prüfen, um eventuelle Abweichungen festzustellen.

Die in diesem Artikel aufgeführten Rezepte und Behandlungshinweise verstehen sich ausschließlich als Lehrbeispiele und können daher auch weder den Arztbesuch noch eine individuelle Beratung durch einen Heilpraktiker bzw. Arzt ersetzen. Sie sind nicht als Ratschläge zu einer Selbstbehandlung gedacht, sondern wollen lediglich einen Einblick in Therapiemöglichkeiten geben! Die Einnahme der genannten Heilmittel wie auch die Anwendung der Rezepturen oder das Befolgen der Therapieempfehlungen geschieht stets auf eigene Verantwortung. Sollten Sie nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde haben und über eine entsprechende Erfahrung verfügen, ist es empfehlenswert, sich vor jeder Anwendung kompetenten Rat bei einem Arzt oder einer Ärztin, einem Heilpraktiker oder einer Heilpraktikerin einzuholen. Es ist in jedem Fall ratsam, sich vor der Anwendung eines Heilmittels über mögliche Gegenanzeigen oder Nebenwirkungen zu informieren. Auch sollte die nur modellhaft angegebene Dosierung grundsätzlich überprüft und individuell angepasst werden. Bitte beachten Sie ebenso alle Warnhinweise und Anwendungsbeschränkungen der jeweiligen Beipackzettel.

 

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