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Geist oder Stoff – was heilt in einer Pflanze? Von Olaf Rippe

»Es gibt keinen Sinn, der das Unendliche sieht. (…)
Denn das Unendliche kann nicht Gegenstand der
Sinne sein. Und daher ist, wer es mittels der Sinne
zu erkennen verlangt, wie einer, der die Substanz
und die Essenz mit Augen sehen will. Und wer
etwa deshalb ihre Existenz abstritte, weil sie nicht
fühlbar oder sichtbar ist, käme dahin, sein eigenes
Sein und Wesen zu leugnen.«
(Giordano Bruno, 1584, zit. n. Gerhard Wehr, 1999)

Die Pflanze als Wirkstoffträger

In der Renaissance bahnte sich bereits die Entmystifizierung der Natur an, hin zu einem reduktionistischen, unbeseelten Kosmos unserer Tage. Für Geister und Elfen war eigentlich schon zu dieser Zeit kaum noch Platz. Es mussten nur einige Jahrzehnte nach Paracelsus Tod vergehen, und René Descartes (1596–1650) verbannte in seinem Werk Traité de l’homme den Geist und die Magie vollständig aus der Natur. »Die Philosophie wandte sich mit Descartes der Phänomenologie zu; sie fragte nicht mehr zu welchem Zweck und zu welcher Bestimmung etwas wäre, sondern was geschähe und wie es geschähe« (G. Stille, 1994). Nochmals einige Jahre später konnte der Arzt Hermann Boerhaave (1668–1738) folgende unglaubliche Behauptung aufstellen: »Es ist eine Tatsache, dass der menschliche Körper eine Maschine ist.« Durch das mechanistische Weltbild entlockte man der Natur zwar so manches Geheimnis, doch wirklich verstehen konnte man die Schöpfung nicht. Nicht eine der wirklich bedeutenden Fragen konnte die Wissenschaft (bis heute) befriedigend beantworten, also begann man damit, das Unlösbare aus der Fragestellung auszuklammern. Man war dabei, sich vollständig von allem hermetischen Beiwerk in der Medizin zu befreien, gleichzeitig machte sich zu Beginn der Neuzeit ein ausgesprochener Nihilismus breit. Was sich nicht beweisen ließ, dem sprach man einfach sein Existenzrecht ab: Gott ist tot, es lebe die Wissenschaft, so lautet das Postulat der neuen Zeit – dies bis heute, siehe die unsäglichen Kampagnen der Ultraskeptiker, die in ihrer Penetranz nicht selten an Sekten erinneren. Sie kritisieren die Homöopathie, sind aber gleichzeitig Anhänger von Atomkraft, Gentechnik und Umweltgiften wie Glyphosat – ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Seit der Antike hatte man darüber gegrübelt, warum eine Pflanze heilt und was sie im Körper bewirkt. Höhere Mächte klammerte man nun aus, also blieb das philosophische Konzept der Säftelehre, das aber ebenfalls überholt war. Dann kam Paracelsus, der davon sprach, dass jeder Substanz eine Tugend innewohne, die es zu extrahieren gelte. Allerdings fügte er auch hinzu, dass diese Kraft ohne Gewicht und unsichtbar sei. Unter Tugend verstand er das Licht des Göttlichen im Stofflichen und nicht etwas Materielles. Einige seiner Schüler wie Helmont hingegen gaben sich damit nicht zufrieden und forschten weiter. Sie waren der Ansicht, dass man eine Pflanze auf diese Tugend reduzieren können sollte – man zerkleinerte, mörserte, destillierte und dann hatte man es scheinbar gefunden.

Im Jahr 1805 entdeckte Adam Sertürner (1783 bis 1841) schließlich durch Analyse des Opiums den ersten »Wirkstoff« in der Medizingeschichte, den er später Morphium nannte. Die heilige Pflanze, die den Ratsuchenden im Tempel des Asklepios einst das Göttliche sehen ließ, war nun eine messbare Substanz und auf eine chemische Formel reduziert worden. Mit dieser Entdeckung begann eine Entwicklung, die bis heute nicht abgeschlossen ist und schließlich zur Herstellung synthetischer Arzneien führte. Durch die Möglichkeit der Extraktion wurde das Pflanzenreich »zum Steinbruch der Chemie, aus dem man einzelne bekannte Wirkstoffe herausbricht, um diese in der Retorte nachzubauen« (G. Stille, 1994). Nun war man endgültig von Gott unabhängig. Die modernen Alchimisten glaubten, endlich den Stein der Weisen gefunden zu haben – sie hatten jedoch vergessen, dass dieser Stein in Wahrheit ohne Gewicht und nicht zu messen ist.

Man erfährt durch die Analyse der Substanzen zwar einiges über stoffliche Strukturen, aber nichts über die Kräfte, die Substanzen bilden, und auch nur wenig über das heilende Potenzial. Es gibt nicht selten Pflanzen, in denen oft Dutzende von zum Teil völlig entgegengesetzt wirkenden Stoffen gefunden wurden. Die Pflanze auf ein messbares Prinzip zu reduzieren kann immer nur einen Teil ihres Wesens offenbaren, niemals aber der Schlüssel zu ihrem wahren Wesen sein. Ein solches analytisches Vorgehen gleicht dem Versuch, den Inhalt dieses Trextes durch Analyse des Computers begreifen zu wollen, anstatt den Text zu lesen.

Mit Entdeckung der Wirkstoffe führte man zu deren Beurteilung außerdem im 19. Jahrhundert den Tierversuch ein. Wie Rudolf Steiner treffend bemerkte, würde im Mittelalter »kein Mensch daran gedacht haben, und in alter Zeit würde es jeder Arzt für den größten Unsinn gehalten haben, das Leben zu zerstören, um das Leben kennen zu lernen, denn wahr ist es, dass noch im Mittelalter ein großer Teil der Menschen hellsehend war und die Ärzte den Menschen durchschauen konnten und sahen, was in ihm beschädigt war und was ihm fehlte. So z.B. Paracelsus; er durchschaute den physischen Leib. Aber die Zeit der materiellen Kultur musste kommen, wo das Hellsehen verloren ging. Namentlich bei den heutigen Ärzten und Naturforschern sehen wir dies, und die Vivisektion war eine Folge davon« (R. Steiner, 1906, zit. n. W. Daems, 2001). Inzwischen wurden wahrscheinlich Milliarden Tiere im Namen der Wissenschaft auf bestialische Weise gequält, oft bis zum Tode. Wer einer »rationalen« Therapie anhängt und »wissenschaftliche Beweise« für die Wirkung von Heilpflanzen einfordert, sollte bedenken, dass eine moderne pharmazeutische Forschung praktisch immer mit Tierversuchen einhergeht, die sogar sehr häufig gesetzlich vorgeschrieben sind.

Im 19. Jahrhundert begann zudem die Industrialisierung der Medizin – schon bald zählte vor allem eines: der Profit. Inzwischen setzt die Medizinbranche allein in Deutschland jährlich ca. 240 Milliarden Euro um, Tendenz steigend. Mit Recht kann man sich daher heute die Frage stellen »ob die Arzneiwissenschaft nicht Gefahr läuft, in weiten Bereichen ihrer Arbeit einmal nur noch den elitären Anforderungen der Forschung und den existentiellen Bedürfnissen der Forscher zu dienen, aber nicht mehr den Erfordernissen der Heilkunde« (G. Stille, 1994).

Die vollständige Ausklammerung der Spiritualität aus der Wissenschaft führte seit der Renaissance langsam, aber sicher zu einer vollständigen Verdinglichung der Natur und damit auch zu einer Entfremdung von den kulturellen Wurzeln. Hierdurch sollte es zwar zu enormen Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft kommen, zu tiefgreifenden Veränderungen der Lebensweise wie der Urbanisierung, teilweise auch zu erheblicher Erhöhung des Lebensstandards und der Lebenserwartung, gleichzeitig führten diese Veränderungen aber auch zu Überbevölkerung, Artensterben, Umweltzerstörung und zu einem unfassbaren Elend in den meisten Teilen der Welt.

Nun soll die Gentechnik richten, was man mit herkömmlichen Mitteln nicht schaffen konnte. Der Wissenschaftler, aber auch der Arzt, werden damit vollends zum Stellvertreter Gottes, doch solange kein hermetischer Geist in den Labors herrscht, dürften die Ergebnisse nicht sehr erfreulich sein – Dr. Frankenstein und Dr. Mengele lassen grüßen.

Das Geistartige der Arznei

Wie immer gibt es aber nach dem Gesetz der Synchronizität auch eine Gegenbewegung. Im Jahre 1810, also nur fünf Jahre nach der bahnbrechenden Entdeckung des Morphiums durch Sertürner, verfasste der Arzt Samuel Hahnemann sein Organon der Heilkunst, in dem er seine Grundgedanken zur Homöopathie formulierte.

Hahnemann, der dals Freimaurer mit der hermetischen Gedankenwelt bestens vertraut und auch alchimistisch sehr bewandert war, hatte eine völlig andere Vorstellung von der Wirkung einer Arznei. Er entwickelte die Gedankenwelt des Paracelsus weiter und postulierte drei entscheidende Schritte zur Arzneiwirkung:

  1. Es bedarf nur einer geringen Menge, um eine erhebliche Wirkung zu erzielen. Hahnemann reduzierte schrittweise die Dosis üblicher Arzneien bis zur Minimaldosis. Paracelsus hatte ebenfalls bereits die Frage der Dosierung in den Mittelpunkt gestellt und war stets darauf bedacht gewesen, möglichst geringe und grundsätzlich untoxische Mengen zu verabreichen.
  2. Jedes potenzielle Heilmittel muss in einer anderen Dosierung die zu behandelnde Krankheit auch erzeugen können. Berühmt ist Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde, einem Heilmittel bei Malaria. Nach Einnahme der Substanz stellte er fest, dass er Symptome ähnlich einer Malaria bekam, die nach Absetzen aber wieder aufhörten. Experimente mit anderen Stoffen führten regelmäßig zu vergleichbaren Ergebnissen.
  3. Damit eine Substanz nach dem Gesetz der Sympathie heilen kann, muss man ihre Grobstofflichkeit durch alchimistische Verfahren auflösen und verwandeln. Hierdurch wird die »Tugend« befreit und die Substanz verliert vollständig ihre Giftigkeit. Nunmehr braucht man anreichernde Verfahren, ähnlich einer Destillation, um die Schwingung zu verfeinern.

Hahnemann erstellte zahlreiche Arzneimittelbilder ausschließlich am »gesunden« Menschen. Tierversuche waren und sind in der Homöopathie unnötig und unüblich. Das Gesetz der Homöopathie lautet: »Similia similibus curantur« (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt). Dies entspricht der Vorstellung einer Therapie nach den Regeln der Sympathie im Gegensatz zur antipathischen Therapie nach der Regel »Contrarii contrariis« (nur das Gegensätzliche heilt).

Praktisch identische Vorstellungen findet man auch bei Paracelsus. Seine therapeutischen Konzepte sind konsequent auf dem Gesetz der Homöopathie aufgebaut, nur die Vorgehensweise ist anders. Paracelsus erkannte die notwendigen Heilmittel durch die Signaturen und durch astrologische Bezüge. Hahnemann stellte dagegen die Wirkung einer Substanz in den Vordergrund und enthielt sich metaphysischer Spekulationen, was ganz dem damaligen Zeitgeist des Positivismus entsprach.

Für Hahnemann waren »Arzneistoffe (…) nicht tote Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielmehr ist ihr wahres Wesen bloß dynamisch geistig – ist lautere Kraft, die durch jenen so merkwürdigen Prozess des Reibens nach homöopathischer Art bis an die Grenzen der Unendlichkeit potenziert werden kann« (S. Hahnemann, 1987). Diese Anschauung ist ebenfalls identisch mit den Ansichten des Paracelsus, nur das galenische Verfahren unterschied sich ein wenig davon. Wie Paracelsus war auch Hahnemann der Ansicht, dass die feinstoffliche Arznei eine Anregung der Selbstheilungskräfte erzeugen soll. Dadurch wird die dumpfe Schwingung einer Krankheit in die feinstoffliche der Gesundheit verwandelt. Homöopathisches Heilen gleicht also einer Erlösung und
entspricht in gewissem Sinne der alchimistischen Transmutation von Blei (Krankheit) in Gold (Gesundheit).

Wenn es um die Quellen seines Wissens ging, war der Freimaurer Hahnemann allerdings dem Schweigegebot unterworfen, so dass heute viele der Meinung sind, er hätte die Homöopathie erfunden. Er hat sie zweifelsfrei zu dem gemacht, was sie heute ist, doch Willem Daems weist in seinen Schriften deutlich nach, dass er sich hierzu alchimistischer Kunstgriffe bediente, die schon lange vor ihm bekannt waren.

Es dürfte nicht verwundern, dass die Philosophie Hahnemanns zu seiner Zeit einen Aufschrei der Entrüstung hervorrief, der bis heute in den Kreisen der »wissenschaftlich-rationalen« Medizin nachhallt. Obwohl die Wirkung inzwischen hundertfach wissenschaftlich bewiesen, ale Erfahrung für eine Wirkung spricht und nicht mehr zu leugnen ist, weiß man immer noch nicht, warum ein Homöopathikum wirkt. Wie sollte man auch? Es handelt sich hier schließlich um etwas Geistartiges, das wirkt, und nicht um einen messbaren Stoff. Man kann das Göttliche zwar bei der Arbeit beobachten, doch den Sinn der Schöpfung und ihre Gesetzmäßigkeiten versteht man nur auf metaphysische Weise.

Der ewige Streit, ob nun der Stoff besser wirkt oder der Geist, ist ein ideologischer. Darüber sollte ein Heiler, der das Interesse seiner Patienten im Auge hat, erhaben sein. Es geht nicht um ein »Entweder-oder«, sondern um ein »Sowohl-als-auch«. Jede Form der Therapie hat in einem bestimmten Kontext ihre Berechtigung. Die hermetische Wahrheit »Alle Wahrheiten sind nur halbe Wahrheiten« sollte man sich vor allem als Therapeut zu Herzen nehmen.

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