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Pflanzen für die Ewigkeit – Symbolik, Signatur und Heilkraft von Pflanzen im Totenkult von Margret Madejsky

Nicht wenige der bis heute im Totenkult vertretenen Pflanzen bergen erstaunliche Kräfte in sich. Unter Friedhofspflanzen, im Grabschmuck oder an Kränzen, finden sich neben den Symbolpflanzen des Gedenkens und der Liebe wie etwa Lilie, Rose oder Vergißmeinnicht, vor allem Immergrüne, die das ewige Leben verkörpern. Allen ist eins gemein: Sie dienen keineswegs nur der Zierde, und ihre Symbolik ist gleichermaßen der Schlüssel zu ihrem herbalmagischen wie auch heilkundlichen Gebrauch. Die Signaturenlehre besagt, dass ein jedes Gewächs zeigt wofür es gut ist. Dies tun die Totenpflanzen auf unterschiedliche Weise. Zum Beispiel ist die Wachstumsperiode wie auch die Lebensdauer von Pflanzen eine bedeutendende Signatur: Legt man den Jahreskreis einmal auf den Lebenskreis, dann entsprechen sich der Frühling und die Jugend, oder der Winter und der letzte Lebensabschnitt bis zum Tod. Daher finden sich unter den Immergrünen bewährte Heilpflanzen für typische Altersleiden wie Krebs, Rheuma oder Sklerose (Madejsky 2001, Paracelsusmedizin S. 145). Nachfolgend werden einige Pflanzen vorgestellt, die traditionell als Grabschmuck dienen oder anderweitig im Totenkult Verwendung finden.

Buchsbaum auf einem Grab in Bogenhausen

Buchsbaum (Buxus sempervirens)

Der Buchsbaum liefert biegsame immergrüne Zweige, die gerne zu Kränzen gewunden werden, wobei der Kranz an sich schon die Ewigkeit symbolisiert, denn der Kreis hat ja kein wirkliches Ende. Man findet Buchsbäumchen auch als Beetumrandung.

Häufig begegnet uns der Buchs links und rechts von Eingangstüren, wo er dem Schutz der Häuser dient. Dem Aberglauben zufolge verfallen Hexen beim Anblick des Buchsbaumes in einen Zählzwang. Sie müssen zwanghaft die Blätter zählen und kommen damit nicht zum Ende, so dass sie keinen Unfug anrichten können. Dieses Motiv begegnet uns ebenfalls bei der Birke sowie bei anderen Immergrünen. Stets verfällt die Hexe, die in der nordischen Mythologie die Großmutter des Winters und somit das Tod bringende Prinzip verkörpert, in einen Zählzwang. Dahinter verbirgt sich die Ehrfurcht der Winterdämonen vor dem Grün des Lebens. Denn der Buchs sowie andere Immergrüne galten stets als Sitz der Vegetationsgeister und daher tritt der Buchs als Symbol des Lebens auch im Osterbrauchtum auf, das sich bei den Christen um die Auferstehung und bei den Heiden um die Rückkehr der Vegetationsgeister dreht – so benutzt der Papst für seinen Ostersegen ein Buchsbaumbüschel und Überall findet man ihn als Schmuck in der Kirche wieder.

Davon abgesehen dient der Buchsbaum, der auch ein Symbol der Gesundheit ist (Seligmann S. 80), als heidnische Lebensrute: Seine Zweige sind im Frühlingskult im Palmbuschen vertreten und im Winterkult als Nikolausrute. Der heilige Nikolaus, der als Schutzpatron der Schiffer eine direkte Verbindung zum Totenreich herstellt, kommt bekanntlich, um die guten Kinder zu belohnen und um die bösen zu bestrafen. Dahinter verbirgt sich der heidnische Brauch des Lebensweckens, denn ursprünglich sollte der symbolische Schlag mit dem Segenszweig die Lebenskraft der immergrünen Zweige auf den Menschen übertragen (vergleiche “Wacholder”; Höfler S. 49). Das Schlagen mit Lebensruten, das Stampfen auf der Erde sowie Peitschenknallen und Lärmen sind wichtige Kultelemente, die immer wieder im Jahresbrauchtum auftreten, und stets auch dem Zweck dienen, die Lebensgeister von Mensch oder Natur zu wecken. Im Christentum liefert der Buchsbaum die Zweige für den Wedel, mit dem der Pfarrer das Weihwasser versprengt.

In der Herbalmagie dient der Buchsbaum als Schutz vor Dämonen. Hierzu hängt man die Zweige am besten in kreuzförmigen Gebinden über Fenster und Türen und stellt oder pflanzt Buchsbäume vor die Eingangstüren. Als heckenartige Umrandung, etwa von Gräbern, dient er dem Bannzauber, damit unruhige Geister im Grab gebannt sind und nicht als Wiedergänger Unruhe stiften (vergleiche “Sadebaum”; Engler und Friesch). In Frankreich nutzte man den Buchs sogar bei Besessenheit: “Wenn in Frankreich (La Sologne) jemand vom Teufel besessen ist, so macht man aus Buchsbaum vom Palmsonntag eine Girlande und umgibt das Bett des Kranken damit; der böse Geist kann nicht darüber hinweg, und der Kranke hört auf, besessen zu sein” (Seligmann S. 81). Heilkundlich gebraucht man Dekokte sowie Extrakte der Buchsbaumblätter fast nur noch äußerlich.

Volksmediziner halten die Pflanze für giftig. Obwohl der Buchs nur mäßig “giftig” ist, empfiehlt sich eher die Einnahme homöopathischer Tiefpotenzen als Immunstimulans. Für Kinder oder Schwangere ist der Buchsbaum nicht geeignet, da er wie alle Immergrünen der Sonne und dem Saturn, dem Hüter der Schwelle zum Jenseits und dem Herrn der chronischen Krankheiten untersteht. Dem entsprechend eignet sich der Buchs eher zur Behandlung von Altersleiden.

Grabstein mit Marienbildnis und Efeu auf dem Friedhof in Wessling

Efeuumwucherte Lärchen auf Herenchiemsee – an dieser Stelle war früher der Friedhof

Efeu (Hedera helix)

Das Efeu umrankte Grab gehört zu den häufigen Motiven, die uns auf Friedhöfen begegnen. Wiederum steht die immergrüne Pflanze, die entgegen dem Rhythmus der übrigen Natur mitten im Winter fruchtet, für das ewige Leben. Außerdem bildet der Efeu eine Art Leiter in andere Sphären, da er wie seine Wirtsbäume in der Erde wurzelt und den Stamm entlang dem Himmel entgegenstrebt. Vielleicht zählt man den Efeu aus diesem Grund zu den Totenblumen. Als Grabbepflanzung soll er Freundschaft und Liebe symbolisieren (Seligmann S. 93) und wird zu Kränzen gewunden, die an Türen aufgehängt einst als Schutz vor Behexung dienten.

Geomanten sehen in stark wucherndem Efeu einen Zeiger auf so genannte Störzonen, das sind Erdverwerfungen, Wasseradern, Krebspunkte oder ähnliche Unheilsorte, die bei längerfristigem Aufenthalt krankmachenden Einfluss haben. An altem Gemäuer, etwa Burgen oder Schlösser, zeigt wuchernder Efeu den Spukplatz an, eine Eintrittspforte in die andere Welt. Wie so viele Störzonenzeiger wirkt auch der Efeu als Heilpflanze auf das Immunsystem und birgt eine den Unheilsort neutralisierende Kraft in sich (vergleiche Madejsky: Paracelsusmedizin S. 188). Außerdem ist der Efeu mit dem Ginseng verwandt und beide finden bis heute in der Geriatrie Anwendung. Der Münchener Heilpraktiker Dr. Amann empfiehlt daher zur Erhaltung der Lebenskräfte und als Immunstimulans täglich ein junges Efeublatt frisch zu ernten und zu verzehren. In der modernen Phytotherapie werden die saponinhaltigen Efeublätterextrakte wegen ihrer krampflösenden, Sekret verflüssigenden und antibiotischen Wirkung fast ausschließlich bei Bronchitis oder Keuchhusten genutzt (z.B. ist Efeu enthalten in “Hedera comp.” Tropfen von Alcea). Der Signaturenlehre zufolge sollte der immergrüne Efeu – wie auch andere typische Friedhofspflanzen – eher bei Altersbronchitis oder bei chronischer Bronchitis zum Einsatz kommen; bei Kinder jedoch auch, wenn diese konstitutionell geschwächt sind und wenig Lebenskräfte haben.

Eibengesichter zeigen sich besonders in den abgestorbenen Teilen

Eibe (Taxus baccata)

Als Bäume des Todes wie auch des Lebens gehören Eiben zu den traditionellen Friedhofsgewächsen. In dem Sprichwort “Zäh wie Eiben” schwingt die Symbolik gleich mit, denn Eiben sind Überlebenskünstler und daher Sinnbilder für die Langlebigkeit. Eigentlich negieren Eiben den Tod, denn richtig sterben tun diese Bäume nur bei gänzlicher falscher Pflege oder am völlig falschen Standort. Sonst können Eiben viele Jahrhunderte alt werden und einige Exemplare werden auf mehr als Tausend Jahre geschätzt; eine Eibe im englischen Fortingall wird von Dendrologen auf unvorstellbare 8000 Jahre geschätzt (Hageneder S. 335). Weil das lebendige Holz den toten Stamm umfließt, denn alte Eiben sterben innen ab, neigen dann zum Hohlwerden und wachsen nach außen hin weiter, kann es sogar sein, dass die lebendigen Zweige sich zur Erde herabsenken und sich von dort wieder zu einem Baum erheben. Daher kommt die Ansicht, dass vielleicht sogar ein ganzer Wald aus einem Mutterbaum hervorgegangen sein könnte. Das macht die Eibe, die darüber hinaus stammesgeschichtlich zu den ältesten Bäumen Europas zählt, zu einem Symbol der Unsterblichkeit und auch zu einem Gedeihbaum und Lehrerbaum der Menschheit. Denn ein Baum, der so viele hundert Winter überdauert hat, kann uns Menschen mehr als Trost spenden.

Auf den Totenacker gepflanzt stellt die Eibe eine “Brücke zum Jenseits” dar (Jordan S. 30). Dieses Motiv spiegelt sich auch in der Mythologie wieder, denn die immergrüne Eibe – und eben nicht die Esche – ist der eigentliche Weltenbaum Yggdrasil. Denn Yggdrasil bedeutet soviel wie “Odins Pferd” und dieses ermöglicht dem germanischen Schamanengott die Reise in die neun Welten. Eine Esche könnte dies nicht leisten, aber die Eibe mit ihren bewusstseinsverändernden Pseudoalkaloiden kann als “Reisebaum” dienen. Besonders an warmem Tagen dünsten Eiben ihre psychoaktiven Wirkstoffe spürbar aus, so dass keineswegs nur sensible Individuen schon nach wenigen Minuten eine leichte Mundtrockenheit, wohlige Entspannung und Wärme empfinden, wobei es sich um typische Alkaloidwirkungen handelt. Verweilt man einige Stunden unter Eiben, so berichten erfahrungsgemäß ein bis zwei von zehn Personen über Beklommenheit, Kopfschmerzen und Kreislaufstörungen. Auch rauschartige, euphorische Zustände bis hin zu Trance können eintreten. Schließlich heißt es nicht umsonst, dass einst die Druiden unter Eiben Rat hielten, d. h. sie nutzen vermutlich die bewusstseinserweiternde Wirkung dieser Weltenbäume.

“Schon die Antike kennt die Eibe als Baum der Trauer, der den Weg zur Unterwelt einsäumt und den Todesgöttern und damit der Unterwelt geweiht ist. Eine gewaltige Eibe soll auch an den Ufern des Unterweltflusses Cocytus wachsen…” (Scheeder S. 11). Ovid schreibt in den “Metamorphosen”: Abwärts senkt sich der Weg / Von trauernden Eiben umdüstert / Führt er durch Schweigen stumm / Zu den unterirdischen Sitzen.

Auf dem Friedhof steht das Symbol der Unsterblichkeit dem Tod gegenüber und im Aberglauben tritt die Eibe als zauberabwehrender Baum auf, was sich auch in dem Volksspruch widerspiegelt: “Vor Eiben kann kein Zauber bleiben”. Die Eibe ist jedoch nicht nur Symbol der Unsterblichkeit, sondern auch Heilbaum mit krebsfeindlicher Wirkung, was wiederum die Signaturenlehre bestätigt, der zufolge immergrüne Gewächse die Lebenskraft und das Immunsystem stärken. Zunächst entdeckte man das aus amerikanischen Eiben (Taxus brevifolia) gewonnene Taxol für die Krebstherapie. Doch ein Krebskranker hätte bis zu vier dieser extrem langsam wachsenden Baumveteranen für seine Heilung benötigt, so dass man untersucht hat, ob nicht in den heimischen Eibenarten ebenfalls krebsfeindliche Stoffe vorkommen. Das Max Planck Institut München hat daher vor einigen Jahren von den städtischen Gärtnern die Schnitte von Eibenhecken eingefordert und fand heraus, dass die bei uns gepflanzten Eiben (Taxus baccata) ebenfalls diese krebsfeindlichen Wirkstoffe enthalten, die allerdings erst teilsynthetisch im Labor umgebaut ihre krebsfeindliche Wirkung erlangen. Heute hat der inzwischen synthetisch gewonnene Wirkstoff die Platintherapie der Neunziger Jahre abgelöst. Taxol Infusionslösung von Bristol & Meyer ist eines der heute gängigen Chemotherapeutika, die speziell bei Eierstocks-, Brust- und Lungenkrebs zum Einsatz kommen.

Uralte Eibe auf einem Friedhof in der Normandie, in der sich eine Kapelle befindet

Holunder (Sambucus nigra)

Der zu Johanni blühende Holunder gehört ebenfalls zu den traditionellen Totenpflanzen, obwohl er als fruchttragender Strauch dem Fruchtbarkeitsprinzip untersteht und auch als Kinderbaum gesehen wird. Er gehört zu den Attributen der Frau Holle und der Liebesgöttin Freya. Die uns aus Märchen bekannte Wintergöttin Holle stellt als Schicksalsfrau und als “große Seelenmutter”, die in den Rauhnächten unter anderem mit einer Schar Kinderseelen umherzieht, die Verbindung zum Totenreich her (Rüttner-Cova S. 114).

Bei den alten Völkern galt der Holunder wegen seiner außergewöhnlichen Lebenskraft und weil er auch Nahrung und Heilmittel liefert, als Hausapotheke sowie als Lebens- und Gedeihbaum der Sippe (Höfler S. 30). In der Tat gibt es kaum einen Strauch, der im Kampf ums Überleben schneller ein Stück Boden erobert. Beobachtungen zufolge siegt der Holunder sogar gegenüber dem sich wie rasend ausbreitenden Riesenbärenklau, weil er im Frühjahr eben etwas rascher austreibt. Die außergewöhnliche Wachstumskraft wie auch die weißen, süßlich duftenden Blütendolden, die volksmedizinisch bei fieberhaften Kinderkrankheiten gebraucht werden, zeigen die Zugehörigkeit zum Mond, der nach Paracelsus über die ersten sieben Lebensjahre regiert. “Ihre Überlebenskraft machte sie zu einem Symbol der Wiedergeburt” (Beuchert S. 138).

Die graue, irgendwie alt erscheinende Rinde zeigt dagegen den Saturn an, der in der Astromedizin dem letzten Lebensabschnitt vor dem Tod zugeordnet wird. Nach Höfler sollen bereits die Germanen den Holunder auf ihren Freithöfen angepflanzt und sein Holz zur Bestattung gebraucht haben. Frau Holle, die Namensspenderin des zähen Strauches, verkörpert dabei einen Aspekt der Unterweltsgöttin Hel, der man einst unter dem Holunder Milchopfer und in früheren Zeiten auch Blutopfer darbrachte. Holle hat damit Macht über beide Grundprinzipien des Lebens und ihr Attribut, der Holler versinnbildlicht ebenfalls beides: Das Werden und das Vergehen. Vor allem in Norddeutschland hat sich der Holunder lange im Totenkult halten können: “Der Schreiner oder Todtengräber ging schweigend zum Holderbusch und schnitt eine Stange ab, um das Maaß einer Leiche zu nehmen, und der Fuhrmann, der die Leiche nach dem Friedhof führte, trug statt der Peitsche einen Hollunderstock” (Ritter von Perger S. 257).

Immergrün schmückt vielerorts die Gräber, als Symbolpflanze des ewigen Lebens und der Wiederauferstehung

Immergrün (Vinca minor)

Wegen seiner bezaubernden blauen Blüten ist das Immergrün ein beliebter, weil pflegeleichter Bodendecker auf Gräbern und kommt in Laubmischwäldern wild vor. Weil Immergrün rund um Ostern, dem Auferstehungsfest der Christen, blüht, ist er ein Symbol der Wiedergeburt, wobei das Blütenblau die Sehnsucht symbolisiert. Als kälteste Farbe steht Blau in der Malerei auch für die Depression (engl. “i feel blue”) und steht in der Alchimie manchmal für Schwarz (= Nigredo, Putrefaktio, Tod).

Der lateinische Gattungsname Vinca leitet sich von latein. “vincere” ab, was “siegen” bedeutet, denn das immergrüne Gewächs siegt wie die Sonne über den Winter und den Tod. Aus den langen Ausläufern lassen sich Kränze winden, die seit Urzeiten als Grabbeigabe die Unsterblichkeit symbolisieren. Legenden berichten, dass die Toten nicht verwesen, wenn man ihnen einen Kranz aus Immergrün in den Sarg legt. Sonst dient Immergrün – wie die meisten Totenpflanzen – als Universalapotropaeum, das als Kranz gegen Zauberei und bei sich getragen vor dem Teufel schützen soll (Seligmann S. 134).

Immergrün soll schon den Druiden zur Stärkung der Geisteskräfte gedient haben; vielleicht war es das Wissen der Ahnen, das man mit dem Kraut erlangen wollte. Jedenfalls war es einst Brauch, den Kindern bei der Einschulung symbolisch mit einem Immergrünkranz auf den Kopf zu schlagen und dabei zu sprechen: “Geh zu und lern was”. Wenn dies nicht half, und das Kind trotzdem Probleme in der Schule hatte, dann band man ihm das Kraut eben in einem Amulettsäckchen um den Hals, “damit es gscheit wird”. Der Aberglaube, der im alten, heidnischen Glauben wurzelt, transportiert hiermit wieder einmal uraltes Heilwissen, denn Phytopharmakologen fanden heraus, dass Vinca in der Tat gscheit macht: Das Kraut enthält nämlich das Alkaloid Vincamin, das die Hirndurchblutung steigert und die Sauerstoffaufnahme sowie die Glukoseverwertung der grauen Zellen verbessert. Der Reinwirkstoff steht allerdings unter Verschreibungspflicht und die Anwendung des Krautes als Tee ist unüblich und auch nicht ganz bedenkenlos; als Nebenwirkung können Kopfschmerzen auftreten oder vorhandene Ohrgeräusche verschlimmern sich und bei Bluthochdruck sowie bei Apoplexie-Neigung sollte man Vinca nicht eigenmächtig einnehmen. Die hömopathischen Tiefpotenzen (z.B. Vinca D2 – D6) werden der Signatur und dem Wirkstoff entsprechend unter anderem noch gegen die Altersvergesslichkeit eingesetzt.

Tanne (Abies nigra)

Im Weihnachtsbrauchtum dient die Tanne seit einigen Jahrhunderten als Wintermai, als Lebensbaum der Sippe und als Apotropäum, das über Fenster und Türen gehängt vor allen dunklen Mächten schützt. Wie alle Immergrünen so liebt auch die Tanne stickstoffhaltigen Boden, sprich: Blutdüngung. Daher gedeihen Tannen auf Friedhöfen oder auch auf ehemaligen Schlachtfeldern wie etwa Verdun besonders prächtig.
Im Totenkult findet man das Reis gelegentlich ab Allerheiligen auf den Gräbern, wenn die Gräber von den Angehörigen gereinigt und mit Tannenzweigen für den Winter fest gemacht werden. Die Tannenzweige auf den Gräbern dienten ursprünglich als Bannzauber, der unruhige Seelen im Grab bannen soll (vergleiche “Buchsbaum”).

Im 19. Jahrhundert hatte die Tanne in manchen Gegenden noch eine andere Bedeutung im Totenkult, wie Martha Sills-Fuchs berichtet: So war es noch üblich, “dass man unter die Zunge eines gestorbenen Menschen einen Tannensamen legte, bevor man den Sarg verschloß” (Sills-Fuchs S. 48). Für manche Menschen ist die Vorstellung, dass aus dem verwesenden Leichnam ein Baum hervorsprießt makaber. Doch Bäume wurzeln in der Erde und ihre Wipfel reichen in den Himmel. Aus diesem Grund ist der Baum wie ein Tunnel zu sehen, durch den hindurch die Seele reinkarnieren kann. Dieses Sujet findet man von Salvador Dali in einer Version des Labyrinths bearbeitet: Zypressen wachsen aus einem Totenkopf heraus. Der Baumstamm ist also der Tunnel in die andere Welt, denn er stellt das verbindende Element dar zwischen Erde und Himmel, Toten- und Götterwelt.

Heilkundlich wird von der Tanne fast nur noch das Harz gebraucht. Mit dem Harz heilt der Baum seine Wunden und schützt sich vor dem Eindringen von Parasiten und Mikroben. Wir Menschen haben unendliches Glück, dass diese wunderbar aromatischen Selbstheilstoffe der Pflanzen auch uns dienen. In Salben verarbeitet, fördern Harze die Durchblutung und die Wundheilung und sind besonders bei ausgesprochen schlechter Wundheilung indiziert. Rudolf Steiner empfahl das Tannenharz der Signatur entsprechend bei Zuckerkrankheit (Diabetes), die zu den typischen Altersleiden gehört und stets mit schlechter Wundheilung einhergeht.

Wacholdergeist im Auenwald bei Günding

Wacholder (Juniperus communis)

Namen des Wacholder mit, dessen Gattungsname Juniperus soviel wie “der ewig jung Erscheinende” bedeutet. “Der immergrüne Strauch, der sehr alt werden kann und auch “Queckolter” heißt, spielt dieselbe Rolle als Lebensbaum, Lebensrute, Kraftsymbol und Apotropäum wie der Weißdorn” (Seligmann S. 49). Drei Eigenschaften zeichnen den Wacholder im Besonderen aus: Als immergrüner Strauch symbolisiert er die unermüdliche Lebenskraft und wird daher als Wohnsitz der Vegetationsgeister gesehen. Zweitens zeichnen die nadelförmigen Blätter das Universalapotropäum aus, denn wehrhafte Pflanzen dienten stets dem magischen Schutz. Dornen, Nadeln oder Stacheln zeigen sogenannte “Marensitze” an, das heißt, dass Geister sich an den Nadeln aufspießen und dann dort gebannt sind (vergleiche Höfler “Distel”). Zum Dritten liefert der Wacholder aromatische Beeren, Blätter und Holz, die weltweit im Opferritus, zum Beispiel als Totenopfer dienen. Unter anderem aus diesen Gründen gehören Wacholderarten, wo immer sie vorkommen, zu den wichtigsten Heil-, Räucher- und Schutzpflanzen der Heiler und Schamanen.

Im Totenkult ist der Wacholder wegen seiner Symbolik oft als Friedhofspflanze zu finden, und vor allem im Alpengebiet ist es bis heute Brauch, Kranken- und Sterbezimmer mit Wacholder zu reinigen. Meist wird dazu glühende Kohle aus dem Herd in eine Eisenpfanne gegeben und darauf werden dann Wacholderbeeren oder auch Nadeln zum Räuchern gebracht. Das Familienoberhaupt trägt die Pfanne mit dem Wacholderrauch im Uhrzeigersinn von Eck zu Eck und von Raum zu Raum durchs ganze Haus. Dies dient der Reinigung der Räume und dem Schutz der Lebenden.

Heilkundlich gebraucht man die Beeren noch bei “schlechtem Magen” als Wacholderbeerenkur: Man isst am ersten Tag fünf Beeren, am zweiten Tag fünf plus eine, am dritten Tag fünf plus zwei, … und fährt so fort bis man fünfzehn Beeren erreicht hat. Dann zählt man rückwärts fünfzehn minus eine, fünfzehn minus zwei, usw. bis man wieder bei fünf Beeren angelangt ist. Dies macht zum Beispiel bei chronischer Gastritis einen Sinn, da der Wacholder mit zu den stärksten pflanzlichen Antibiotika gehört, so dass die Beeren eine Infektion mit Helicobacter pylori bekämpfen können. Äußerlich gebraucht man Wacholder noch zur Einreibung bei Rheuma und innerlich gegen Steinleiden (Nierensteine, Harngrieß) und wegen der antimikrobiellen Wirkung gegen Blähungen.

Die Toteninsel von Arnold Böcklin, Alte Nationalgallerie, Berlin

Zypresse (Cupressus sempervirens)

Vor allem Säulenzypressen prägen das Landschaftsbild in Italien und in anderen Mittelmeerländern wesentlich. Sie fehlen dort auf keinem Friedhof und sind seit der Antike ein Sinnbild der Trauer. Ovid beschreibt in den “Metamorphosen” wie sich der Jüngling Kyparissos, der einst ein Liebling des Sonnengottes war, in eine Zypresse verwandelt, weil er versehentlich den heiligen Hirsch erlegt hatte: “Müde legte
sich der Hirsch auf dem Rasenteppich nieder und kühlte sich im Schatten der Bäume. Da traf ihn der Knabe Cyparissos nichts ahnend mit dem spitzen Jagdspeer. Als er ihn an der bösen Wunde sterben sah, beschloß auch er zu sterben. Was für Trostworte sagte ihm Phoebus nicht, wie ermahnte er ihn, sich dem Anlaß entsprechend in seiner Trauer zu mäßigen! Cyparissus aber seufzt und erbittet von den Himmlischen als letzte Gabe, allezeit trauern zu dürfen. Schon hatte sein Blut sich in grenzenlosem Weinen verströmt; da wurden seine Glieder allmählich grün, und das Haar, das ihm eben noch in die schneeweiße Stirn hing, begann ein struppiger Schopf zu werden, sich starr aufzurichten und mit schlankem Wipfel zum gestirnten Himmel aufzublicken. Da seufzte der Gott auf und sprach betrübt: “Du wirst von mir betrauert werden, andere betrauern und den Trauernden beistehen.” (Ovid, Metamorphosen 145).

Die Symbolik wurde von Arnold Böcklin aufgegriffen als er die Toteninsel malte. Auf allen bekannten Versionen ist die Toteninsel von Zypressen beschattet. Van Gogh, der ebenfalls zwei Zypressen gemalt hat, stellt auf einer Version die sonnenhafte Natur des Baumes in den Vordergrund. Signatur und Symbolik liegen schließlich nah beieinander: In den Immergrünen wirkt die Kraft der unbesiegbaren Sonne, weshalb sie Symbole des ewigen Lebens sind und einige den Beinamen “Lebensbaum” tragen. Im Totenkult kann die Zypresse, ähnlich wie der verwandte Wacholder, zur Räucherung gebraucht werden. Mit dem Rauch von Zypressenbeeren, -holz oder -triebspitzen reinigt man Sterbezimmer, wobei der balsamische Duft den Angehörigen durchaus tröstlich sein kann und rituell gebraucht das Loslassen erleichtert (vergleiche “Wacholder”).

Quellen und Literaturempfehlungen

  • Bächtold-Stäubli, H. und Hoffmann-Krayer, E.: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens; Walter de Gruyter, Berlin 1987
  • Beuchert, M.: Symbolik der Pflanzen; Insel Verlag, Frankfurt 1995
  • Hageneder, F.: Geist der Bäume; Neue Erde Verlag, Saarbrücken 1998
  • Höfler, M.: Volksmedizin. Botanik der Germanen; VWB – Verlag f. Wissenschaft u. Bildung, Berlin 1990
  • Jordan, R.: Die Eibe; Wurzel-Verlag, E. Bauereiß, Markgrafenstr. 21, 91438 Bad Windsheim 1995
  • Madaus, G.: Lehrbuch der biologischen Heilmittel; Mediamed Verlag, Ravensburg 1987
  • Madejsky, M. und Rippe, O.: Heilmittel der Sonne, AT Verlag, München 2014
  • Ovid: Metamorphosen; Goldmann Verlag, München 1981/1988
  • Perger, Ritter von: Deutsche Pflanzensagen; Verlag von August Schaber, Stuttgart 1864
  • Rippe, Madejsky, Amann, Ochsner, Rätsch: Paracelsusmedizin; AT Verlag, CH-Aarau 2001
  • Rüttner-Cova, S.: Frau Holle – Die gestürzte Göttin; Sphinx Verlag, CH Basel 1986
  • Scheeder, T.: Die Eibe – Hoffnung für ein fast verschwundenes Waldvolk; IHW-Verlag, Eching 1994
  • Seligmann, S.: Die magischen Heil- u. Schutzmittel; Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1996
  • Sills-Fuchs, M.: Wiederkehr der Kelten; Knaur – Dianus Trikont Verlag, München 1983

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