Mistel – Die Fruchtbarkeitspflanze der Volksmedizin

von Margret Madejsky

//, Naturheilkonzepte - Therapietipps/Mistel – Die Fruchtbarkeitspflanze der Volksmedizin – von Margret Madejsky

Mistel – Die Fruchtbarkeitspflanze der Volksmedizin – von Margret Madejsky

»So ein Weib in Kindsnöhten ist / und nicht gebären kann / die nehme
gestossen Eichenmistel / und trincks in Wein oder Bier ein / so gebührt
sie bald. Und das Kind / so sie geboren hat / ist vor der fallenden
Kranckheit [Epilepsie] sein Lebenlang behütet.«
(Adamus Lonicerus, Kreuterbuch, 1679)

 

Dass die Mistel eine uralte Symbolpflanze der Fruchtbarkeit ist, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass sie, ganz gegen den normalen Rhythmus der Natur, mitten im Winter fruchtet. Wenn die übrige Natur in todesähnlichem Schlaf liegt, ziehen sich die Vegetationsgeister in die Immergrünen zurück. Weil die Mistel immergrün ist und sogar noch rund um die Wintersonnenwende fruchtet, birgt sie dem Volksglauben zufolge auch einen stärkeren Fruchtbarkeitsgeist in sich als andere Pflanzen. Allerdings sprach man ihr auch schutzmagische Kräfte zu. Namen wie Drudenfuß und Marenzacke deuten an, dass die Mistel einst den Ruf einer dämonenfeindlichen Pflanze genoss: »Das Holz der Mistel mitsamt dem Baste an den Arm einer schwangeren Frau gebunden, oder der daraus gemachte Bastring an den Finger gesteckt sollte die Mar [Alb oder Nachtgespenst] von der Schwangeren ferne halten und so den Abortus verhindern; die Mistel ward so ein Fruchtbarkeits-Reis, das bei Frauenleiden Verwendung fand« (Max Höfler, Volksmedizinische Botanik der Germanen, 1908).

Der volksmedizinische Gebrauch der Mistel bei unerfülltem Kinderwunsch geht vermutlich auf die Kelten zurück, bei denen die Mistel eines der vier druidischen Sonnensymbole war und als Allheilmittel verehrt wurde. Der römische Feldherr Plinius (1. Jahrhundert n. Chr.) berichtete, dass die Druiden die Mistel im Rahmen eines Opferritus mit einer goldenen Sichel ernteten. Das Pulver von solchen kultisch geernteten Mistelzweigen galt als Allheimittel und sollte unter anderem
Frauen fruchtbar machen.

In der Volksmedizin erhielt sich die Mistel als Fruchtbarkeitsmittel über die Jahrhunderte hinweg, bis die Kräuterkundige Maria Treben die Mistel in ihren Büchern und Vorträgen als Fruchtbarkeitspflanze anpries und somit deren verstärkten Gebrauch wieder anregte. Zwar gibt es keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Anwendungsgebiet, aber interessant dürfte in dem Zusammenhang eine klinische Studie sein, die an der Uni-Frauenklinik Heidelberg in den neunziger Jahren
durchgeführt wurde. Die damalige Oberärztin Dr. Astrid Blank berichtete, dass im Rahmen dieser Studie Frauen, die unter Myomen oder Endometriose litten, Mistelinjektionen (Helixor M) erhielten. Die Studie ergab zum einen, dass Frauen unter 35 mit kleineren Myomen, also weniger als 4 cm Durchmesser, relativ gut auf die Misteltherapie ansprachen. Zum anderen berichtete Dr. Blank, dass einige Endometriosepatientinnen die Mistelkur vorzeitig abbrechen mussten, weil sie unter der Therapie schwanger geworden waren, was im Falle einer Endometriose als das Beste überhaupt gilt. Trotz solch erfreulicher Ergebnisse ist die Mistel bei gutartigen Neubildungen wie etwa Myomen oder bei Endometriosen vor allem deshalb nicht etabliert, weil sie bei diesen Indikationen nicht erstattet wird. Nur die Rezidivbehandlung bösartiger Krebserkrankungen wie auch die Behandlung inoperabler Tumoren werden von der Kasse bezahlt.

In der Beerenbildung zeigt sich eine Signatur, die auf Zysten und Myome hindeutet

Bei Endometriose, Myomen, Brustknoten und anderen gutartigen Neubildungen sollte die Mistel dennoch auf die eine oder andere Weise versucht werden. Injektionskuren mit speziell aufbereiteten Misteln kommen leider aus finanziellen Gründen nicht immer in Frage. Auch sollte eine Injektionskur stets von erfahrenen Misteltherapeuten betreut werden, da es fest vorgeschriebene Therapieschemata mit ansteigender Dosierung gibt und weil es im Rahmen der Misteltherapie mitunter zu Nebenwirkungen kommen kann. Doch der Geist der Mistel kann ebenfalls hilfreich sein. Daher finden sich homöopathische Verdünnungen von Viscum album in bewährten Frauenmitteln der anthroposophischen Medizin wie etwa in dem Myommittel Berberis/Uterus comp. oder in dem Zystenmittel Magnesium sulf./Ovaria comp. von Wala. Beide Komplexe können bei Myomen oder Zysten sowie zur Rezidivprophylaxe nach Operationen in Form von Globuli eingenommen und/oder als Injektionskur versucht werden.

Rezept: Misteltropfen bei Unfruchtbarkeit nach Maria Treben

»Frauen, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt, sollten täglich 25 Tropfen Mistel, morgens auf nüchternen Magen und abends vor dem Schlafengehen, einnehmen. Mistel-Tropfen sind in Apotheken, Reformhäusern und Kräutergeschäften erhältlich [z. B. Viscum Mali Dil. D1 von Weleda]. Wer die Tropfen selbst herstellen will, muss frisch gepflückte Misteln gründlich waschen und feucht in einem Entsafter auspressen. Der frische Mistelsaft kann die Unfruchtbarkeit der Frau beheben! « (Maria Treben, Frauenkrankheiten, 1993) So wird’s gemacht: – Am besten erntet man die Apfelmistel im Frühling. – Das Sammelgut gründlich verlesen, waschen und vorhandene Beeren vor der Weiterverarbeitung entfernen.
Blätter und Stengel so gut wie möglich zerkleinern und in den Entsafter geben oder zu einem sehr feinen Pflanzenbrei zerschneiden. Mistelsaft oder Pflanzenbrei wiegen und in ein sauberes Schraubglas geben. Saft oder Brei nun mit der doppelten Menge Weinbrand übergießen. Das gut verschlossene Glas für 4 bis 6 Wochen an einen dunklen Platz stellen (z. B. Küchen- oder Kellerschrank) und täglich kräftig schütteln. Dann durch ein Leintuch abseihen und den Rückstand gründlich auspressen. Die Misteltropfen zur Aufbewahrung in eine Braunflasche füllen, dann sind sie mindestens 1 Jahr lang haltbar.
Anwendung: Sofern keine organische oder hormonelle Ursache der Unfruchtbarkeit vorliegt, können Frauen mit Kinderwunsch die Misteltropfen nach Maria Treben einmal kurmäßig versuchen, zum Beispiel zweimal täglich 1 Teelöffel pur oder in etwas Wasser eingenommen. Ergänzend kommt Vitamin E in Frage.

Unser Literaturtipp

Lexikon der Frauenkräuter von Margret Madejsky (AT Verlag)