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Signaturenlehre – Heilmittelerkenntnis aus der Zwiesprache mit der Natur – von Margret Madejsky

Die Signaturenlehre, die Lehre von der Zeichensprache der Natur, ist ein uralter Erkenntnisweg, vielleicht sogar die Wurzel aller Heilkunst. Auf ihr basieren nicht nur die Heilsysteme vieler Naturvölker. Auch für die traditionellen Naturheilverfahren – wie zum Beispiel Kräuterheilkunde, Homöopathie sowie in der anthroposophisch und astrologisch orientierten Medizin – erweist sich die Signaturenlehre als überaus hilfreich.

“Folgt nicht Galen, nicht Rhazes,
folgt nicht eurer Geldgier, nicht eurem Machthunger,
euer einziger Schulmeister ist die Natur!
Lauscht der Natur, und ihr werdet erkennen,
was die Krankheit und was das Heilmittel sei!” (Paracelsus)

Eine zeitlose Kritik

Naturschutzgebiet Erling bei Herrsching: Zwei Hundertschaften angehender Pharmazeuten eilen die Pfade entlang. Im Vorbeigehen deutet ein Gruppenleiter auf den gelben Enzian, der gerade am linken Wegrand blüht, und bemerkt: “Gentiana lutea, eine Bitterstoffdroge!” – einige nicken verständig. Im Stechschritt geht es weiter. Auf Geheiß des Leiters wenden sich die Köpfe nach rechts. Es folgt ein kurzes Begutachten der Blutwurz. Mit dem Stichwort “Potentilla tormentilla, Gerbstoffdroge” geht es zur nächsten Pflanze weiter…

“Wer die Natur erforschen will, muss ihre Bücher zu Fuß durchmessen” schrieb einst jener Meister, mit dessen Namen sich heute viele Apotheken schmücken – von Eilschritt, hastigem Überblättern oder gar Querlesen hat Paracelsus allerdings nie gesprochen. “Wenn ihr Ärzte, Apotheker und Doktoren die Form, die Farbe und den Geschmack etc. aller Kräuter magisch und kabbalistisch erfahren hättet (…) Dann wäret ihr auf der richtigen Bahn” appellierte Paracelsus nun vor bald fünfhundert Jahren. Er würde sich wohl im Grab umdrehen, wenn er erst von den Irrfahrten der modernen Phytotherapie wüsste!

Bestimmungsübungen gehören zu den Grundlagen der Heilkräuterkunde – Die Kenntnisse über Signaturen ergänzen diese wesentlich.

Da wird die Heilkraft einer Pflanze mit der Wirkung ihrer isolierten Inhaltsstoffe verwechselt; die Heilpflanze wird zum Wirkstoffträger reduziert. Unzählige der seit Jahrhunderten bewährten Drogen erhalten Negativmonographien, weil die Wissenschaft über keine adäquaten Nachweismethoden verfügt. Das Gänseblümchen wird trotz seines hochpotenten Wirkstoffgemischs mit einer Nullmonographie versehen. Wenn es so weitergeht, wird von der einstigen Fülle pflanzlicher Arzneien bald nur noch eine Handvoll standardisierter Monopräparate verbleiben: Johanniskraut für die Psyche, Mariendistel für die Leber, Schöllkraut für die Galle, usw.

Auch auf den Heilpraktikerschulen werden derweilen brave Verordner herangezogen und mit den Scheuklappen der Wissenschaftlichkeit versehen, damit sie ohne Wenn und Aber den wissenschaftlich fundierten Empfehlungen folgen – falls sie nicht der Einfachheit halber den neuesten Computerprogrammen, diversen Testgeräten oder Testmethoden vertrauen.

Veranstaltungen zur Phytotherapie

Der Heiler als Naturforscher

Nie zuvor hat sich die natürlichste aller Heilmethoden weiter von der Natur entfernt, als es heute der Fall ist. Im Zuge des vermeintlichen Fortschritts droht jedoch ein immenser Arzneischatz in Vergessenheit zu geraten. Es ist also höchste Zeit, dass sich die Naturheilkunde ihrer Wurzeln besinnt! Eine dieser Wurzeln findet sich in der Weltanschauung des Paracelsus. Er kannte noch zweierlei Eingänge in die Heilkunst. “Der eine ist in den geschriebenen Büchern”, die zum Teil jahrhundertealte Erfahrungen in sich bergen. Aber im gleichen Atemzug warnte er davor, sich hinter Büchern zu verschanzen: “Ein Arzt ist nur eine arme Kreatur, wenn er sich nur mit den papiernen Büchern behelfen will; bei solchem Unfleiß muß der Kranke vernachlässigt werden”. So forderte Paracelsus vom Heiler, durch der Natur Examen zu gehen. Der wahre und ursprünglichste Eingang in die Heilkunst lag nämlich seiner Meinung nach in der Natur selbst. Für ihn galt es, im Buch der Natur zu lesen, so wie es die Heilkundigen seit Urzeiten getan hatten – und wie es echte Schamanen heute noch tun – “denn alle creata sind Buchstaben und Bücher”. Zu dieser Überzeugung gelangte er, nach dem er sich die schlichte Frage nach dem Anfang aller Heilkunst gestellt hatte: “Dann dachte ich nach, wie gelernt werden müsste, wenn kein Buch und gar kein Arzt auf der Erde wären”.

Die Düsterkeit der Blüte, die zottigen klebrigen Blätter und die Anordnung von Blüte und Fruchtstand, aber auch der penetrante Geruch der Pflanze, besonders bei feuchter Witterung, weisen das Bilsenkraut als Giftpflanze aus.

Im Buch der Natur lesen

Paracelsus hatte also die Quelle unverfälschter Wahrheiten gefunden. Er erkannte, dass man im Grunde genommen nur die Augen öffnen und den Verstand benutzen muss, denn: “Nichts ist, was die Natur nicht gezeichnet habe, und durch die Zeichen kann man erkennen, was im Gezeichneten verborgen ist”. Demnach teilt sich die Natur dem aufmerksamen Beobachter durch eine Art Zeichensprache direkt mit. Der Paracelsist Oswald Croll (17. Jh.) fand hierfür eine einleuchtende Beschreibung. Er verglich die Pflanze mit einem Stummen, der sich eben durch Gebärden statt durch Worte mitteilt: “so reden sie (die Kräuter) auf magische Weise und durch ihre Signaturen mit uns”. Damit ist gemeint, dass sie zum äußeren und inneren Auge, zur Nase, zum Gaumen, zu den Fingerspitzen und manchmal sogar zu den Ohren sprechen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Urvölker dieser Sprache mächtig waren. Woher sollten sie sonst gewusst haben, was Nahrung, was Arznei und was Gift ist? Manche Pflanzen locken durch ihr Äußeres, andere warnen regelrecht. So zeigt sich beispielsweise der Giftgeist in der Pflanzenwelt meist ganz offensichtlich, z.B.:

  • in der düsteren Gestalt (Eisenhut)
  • in Signalfarben (Rizinus)
  • im Violett der Blüten (Tollkirsche) oder der Stengel (Schierling)
  • im bitteren bis widerlichen Geschmack (Glykosiddrogen)
  • im Aasgeruch (Alkaloiddrogen)…

Ich wage zu behaupten, dass unsere natursichtigen Vorfahren sicher kein “Trial and error” benötigten, wie es in der modernen Phytopharmakologie üblich ist – man denke nur an Tierversuche!

Vom Volk abgeschaut

Paracelsus lernte vielleicht vom gemeinen Volk eine seiner Grundregeln der Natur- und Arzneibetrachtung: “Wie es aussen ist, so ist es innen auch”. “… ich habe über 80 Bauern gekannt, die die Kräuter nur wegen ihrer Form und Anatomie mit den Krankheiten verglichen haben, und sie haben vor meinen Augen damit wunderbar und gut geholfen”.

Wir sagen heute noch, ein Mensch sei von seiner Krankheit gezeichnet. Ein Symptom ist demnach nichts anderes als ein Zeichen, dass die Krankheit im Menschen hinterlässt. Ebenso ist das Heilmittel von den Kräften gezeichnet, die in ihm wirken. Es ist naheliegend, zuerst nach oberflächlichen Ähnlichkeiten zwischen dem Kranken, der Krankheit oder dem betroffenen Organ und der Arznei zu fahnden. Paracelsus hilft uns mit einem Beispiel auf die Sprünge: “In dem Kräutlein Satyrion (Knabenkraut) hast du die Hoden als Signatur. Schaue, ob es seine Kraft bei der Hilfe für dieses Glied zeigt, dessen Anatomie und Signatur es beweist”. Ob die hodenähnliche Knabenkrautwurzel nun ein wirksames Aphrodisiakum ist oder nicht, sei dahingestellt (- in manchen Kräuterläden findet das Wurzelpulver jedenfalls reißenden Absatz).

Einem aufgeklärten Menschen erscheint diese Art der Betrachtung einfältig. Noch ist es auch keine Forschung, sondern nur ein simples Vergleichen, das günstigenfalls zu Interpretationen führt, die sich bewahrheiten. Man denke nur an den Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense), dessen Struktur an die Wirbelsäule erinnert. Vermutlich hat diese Ähnlichkeit Signaturkundigen den Weg zu dieser bindegewebskräftigenden Arzneipflanze gewiesen. In der modernen Naturheilpraxis zeigt sich Equisetum jedenfalls als hilfreich in der Wirbelsäulentherapie. Die Anthroposophen haben im Bambus ebenfalls die “Formverwandtschaft” zur Wirbelsäule entdeckt und diesen daher mit dem Ackerschachtelhalm in ihren Disci-Präparaten kombiniert (z.B. “Disci comp. cum Stanno” Ampullen von Wala). Die volkstümliche Signaturkunde mündet mit diesen Beispielen unversehens in eine ernstzunehmende Methode der Heilmittelerkenntnis, denn hier kommt das Aussen (Gestalt) und das Innen (Kieselsäure) bereits zur Deckung.

In der Ausbildung der unterirdischen Pflanzenteile des Knabenkrauts erkannten die “Alten” einen Bezug zu den männlichen Genitalien und sie setzten es zum Liebeszauber ein, woran auch der Name erinnert

Von der Fülle der Zeichen

Die Sprache der Natur ist jedoch komplexer als jede menschengeschaffene und ihr Alphabet ist wesentlich umfangreicher als unseres. Will man die Kräfte kennenlernen, die in einer Pflanze wirken, so kann alles von Bedeutung sein: Farbe, Geruch, Geschmack, Gestalt, Struktur, Habitus, Standort, Bodenbeschaffenheit, Blütezeit, Fruchtreife, Fortpflanzung, Lebensdauer,… Zudem unterliegt die Natur einem stetigen Wandel, so dass der Erkenntnisprozess nie endgültig abgeschlossen sein wird – ständig kommen neue Vokabeln hinzu!

Ein Beispiel: Die Alten haben ein Antidyskratikum unter anderem noch am hohlen Stängel erkannt; Ackerschachtelhalm, Erzengelwurz, Löwenzahn oder auch Schierling zeigen diese Signatur. Mit zunehmender Umweltverschmutzung brauchen wir uns (bedauerlicherweise) nur noch umschauen, welche Pflanzen sich auf belasteten Böden ansiedeln. Dort begegnet uns wiederum der Ackerschachtelhalm. Er zählt zu den sogenannten Bodenheilern und besitzt die Macht, der Säfteentmischung entgegen zu wirken; heute gilt als erwiesen, dass seine Kieselsäure auch die
Lymphozytenaktivität steigert. Manche Gewächse zeigen ihre Kraft gegen Umweltgifte in ihrer Resistenz. Daher findet sich so manches Antidyskratikum an besonders exponierten Standorten: zum Beispiel auf überdüngten Wiesen (Löwenzahn), neben Bahngleisen (Schachtelhalm), an Straßenrändern (Wegwarte) oder auf dem Grünstreifen von Autobahnen (Goldrute). Natürlich sammeln wir unsere Arzneipflanzen nicht an solchen Orten, weil sie dann selbst belastet sind.

Die Signaturlehre, die sich von der alleinigen Betrachtung der Form löst und allumfassend sein will, kann man als interpretierte Botanik oder gar als interdisziplinäre Forschung bezeichnen. Allmählich verstehen wir, warum Paracelsus über den “Unfleiß” der Ärzte geschimpft hat. Wer  nur das Buch der Pflanzen eingehend studieren will, hat darin eine Lebensaufgabe gefunden.

Schachtelhalm kann selbst an Bahngleisen überleben; er gilt als Bodenheiler und entsprechend verwendet man ihn zur Ausleitung von Umweltgiften

Die Handschrift der Naturkräfte

Nicht immer sind es nur Äußerlichkeiten, die einen aufmerksamen Beobachter und fähigen Interpreten suchen. Man lasse sich daher von der Augenscheinlichkeit nicht täuschen, warnt uns Paracelsus: “Wenn gleichwohl die Farben, Gestalten und was sonst notwendig ist, zum besten angezeigt werden, so mögen die Wesen der Natur doch dadurch nicht im Grund erfasst werden”. Allem Existierenden liegt eben eine geistige Kraft zu Grunde (Hermetischer Lehrsatz) – und die ist meistens weder sichtbar noch wägbar.

Die Signaturlehre basiert auf der Annahme, dass alle fünf Naturreiche – Geistwesen, Mensch, Tier, Pflanze und Mineral – miteinander in Beziehung stehen, Ähnlichkeiten zeigen oder Verwandtschaften aufweisen. Kosmische Kräfte, die auf alles einwirken, verknüpfen die verschiedenen Reiche auf geheimnisvolle Weise miteinander. Am einfachsten lässt sich eine solche Verwandschaft zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos am Beispiel des Mondes darstellen. Seine Anziehungskraft bewirkt Ebbe und Flut. Als “Herr des Wassers” bewegt er nicht nur die Weltenmeere, sondern alle Flüssigkeiten. Folglich schwingen auch unsere Körperflüssigkeiten (z.B. Lymphe) in seinem Rhythmus. In der Astromedizin werden unter anderem die Schleimhäute dem Mond zugeordnet. Die monatliche Reinigung der Gebärmutterschleimhaut, die Menstruation, ist also eine lunare Erscheinung im Menschenreich. Im Mineralreich findet sich eine Entsprechung in der roten Koralle (Corallium rubrum; Kalziumkarbonat). Wie alle Heilmittel des Meeres, untersteht sie in erster Linie dem Mond. In den 60er Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass die feinen Bänderungen der Korallen dem Mondrhythmus entsprechen – die kosmische Kraft hat sich der Arznei damit sogar sichtbar eingeprägt. Zudem zeigt die Farbe, die, wie wir heute wissen, von Eisenoxid stammt, die Verwandschaft mit dem Blut an (Mars). Für Signaturkundige ist es nicht verwunderlich, dass die Koralle ein Heilmittel für die “Mondblutung” ist (z.B. Corallium rubrum D6).

Alle Signaturen lassen sich Planetenkräften zuordnen. Allein die Signaturen, die mit dem Mond in Verbindung gebracht werden, sind so zahlreich, dass hier nur ein kleiner Teil vorgestellt werden kann. Zu der Sprache der Tiere, Pflanzen oder Mineralien kommt also noch die Sprache der Gestirne hinzu.

Signaturen homöopathischer Arzneien

Auch in der Homöopathie erweist sich die Signaturlehre als nützlich. Hahnemann lehnte sie zwar als Aberglauben ab. Seine Kritik bezog sich jedoch auf die vulgären Signaturen und deren naive Interpretationen. Gewissermaßen widersprach er sich sogar selbst, da er einmal aus dem faden Geschmack einer Pflanze (= fehlende Signatur) auf deren geringe Heilkraft schloss. Was Hahnemann einst trennte, führte der Homöopath Emil Schlegel später wieder zusammen: die paracelsistische Arzneimittelerkenntnis und die Homöopathie. Schlegel war überzeugt, dass sich bereits in der lebendigen Gestalt der Pflanze oder auch des Minerals die zu erwartende homöopathische Wirkung offenbare.

Obwohl sich die wenigsten Homöopathen offen zur Signaturlehre bekannten, wimmelt es in den Arzneimittelbildern von Boericke, Stauffer oder Kent geradezu vor Signaturbeschreibungen. Über Silicea liest man beispielsweise bei Kent: “So wie Silicea ein Stützskelett für den Getreidehalm bildet, so wirkt das Mittel im übertragenen Sinne auch auf den menschlichen Geist”.

Zwei weitere Beispiele sollen zeigen, dass die Signaturlehre helfen kann, wenn man sich von den verwirrenden Symptomenaufzählungen der Arzneimittelbilder emanzipieren will. Signaturen helfen Indikationen, Leitsymptome oder Modalitäten homöopathischer Arzneien zu verstehen. Sie führen überhaupt zu einem tieferen Verständnis für die Arznei, so dass das Auswendiglernen und Nachplappern von Symptomen ein Ende haben könnte.

Mit seiner freundlichen Ausstrahlung gilt das Gänseblümchen als Kindermittel. In seiner Art zu Blühen zeigt es einen Bezug zur Gebärmutter.

Nehmen wir uns nur einmal das Gänseblümchen (Bellis perennis) vor. Hebammen empfehlen es nach der Geburt als “Arnica der Gebärmutter” (Bellis D3). Warum? Das Gänseblümchen gehört zu den Wetterorakelblumen. Bei schönem Wetter öffnet es seine Blüte, zieht schlechtes Wetter heran, dann schließt es sich in Abhängigkeit von der Luftfeuchtigkeit (Mondsignatur). Die Blüte zeigt damit eine Ähnlichkeit mit der Gebärmutter (Mondorgan), die sich rhythmisch öffnet (z.B. während der Menstruation und um den Eisprung herum) und schließt (z.B. in der Gelbkörperphase). Hinter dieser Eigenart verbirgt sich ein weiterer Hinweis: Könnte diese sensible Blüte vielleicht bei Wetterfühligkeit helfen? Bei der allgemeinen Tendenz zur “Polychresterie” (Bruno Vonarburg) wird dieses kleine Mittel vielleicht zu Unrecht vergessen. Das Gänseblümchen können wir fast überall studieren, es trägt viele seiner Kräfte offen zur Schau. Weit unauffälliger präsentiert sich dagegen der Keulen-Bärlapp, das Lycopodium der Homöopathie. Er bildet ein leicht entzündliches Sporenpulver. Früher nannte man es “Hexenmehl”, weil es den Heiden zum Feuerzauber diente. Heute wird es noch manchmal zur Erzeugung von Theaterblitzen gebraucht. Dies ist eine verborgene Signatur, die erklärt, warum wir es mit einer äußerst reaktionsfreudigen Arznei (Reaktionsmittel) zu tun haben, die vor allem für explosive Menschen, zum Beispiel für Choleriker, geeignet ist.

Wirkstoff als Signatur

Die Liste der Signaturbeispiele lässt sich natürlich auch auf der stofflichen Ebene fortführen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Geschmack und Geruch ebenfalls um Signaturen. Das, was wir schmecken oder riechen, sind zweifelsohne Stoffe, z.B. ätherische Öle, Bitterstoffe oder Scharfstoffe. Nicht nur in der Traditionellen Chinesischen Medizin, sondern auch in der abendländischen Kräuterheilkunde beurteilt man Pflanzen seit langem mit Gaumen und Nase. Geschmack und Geruch erlauben beispielsweise eine Zuordnung von Pflanzen sowie Inhaltsstoffen zu den vier Elementen: Feuer (Bitterstoffe) – Wasser (Schleimstoffe) – Luft (ätherische Öle) – Erde (Gerbstoffe).

Die Signaturlehre funktioniert aber nur, weil die Verwandtschaft zwischen Mensch und Pflanze vom Geistigen bis ins Stoffliche hineinreicht. Beispielsweise wird Blattgrün gerne mit unserem roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) verglichen. Die chemische Struktur von Chlorophyll ist dem Häm sogar ähnlich. So verwundert es nicht, dass Chlorophyll Stoffwechsel und Zellatmung verbessert, also ein pflanzliches Dopingmittel ist.

Der Naturstandort ermöglicht ebenfalls Rückschlüsse auf die zu erwartenden Kräfte und auf entsprechende Wirkstoffe. Wenn eine Pflanze zum Beispiel einen sonnigen Platz wählt, dann zeigt sich darin ihre Strahlenresistenz. In der Tat bilden sonnenexponierte Pflanzen vermehrt Flavonoide und lagern diese in den oberirdischen Teilen ab. Die gelben Farbstoffe dienen der Pflanze als Strahlenschutz. Farben sind der Sonnenschirm der Pflanzenwelt. Man vergleicht Flavonoide daher mit Melanin und nutzt diese Strahlenschutzstoffe der Pflanzenwelt inzwischen für Sonnenschutzpräparate.

Wir leben nun einmal an der Schwelle zum 21. Jahrhundert und auch der Naturheilkunde steht eine Zeitenwende bevor. Signaturkundige brauchen die Wirkstoffrage keineswegs ignorieren. Pflanzeninhaltsstoffe sind eben “nachweisbare” Signaturen. Sie erweitern den Wortschatz der Signaturlehre. Doch das wahre Wesen der Pflanze lässt sich durch Analysen auch nur begrenzt erfassen. Denn die Phytopharmakologie ist eben nichts weiter, als “eine Stoffkunde, ein Zweig der analytischen Chemie geworden, die trotz ihrer großartigen Leistungen das Rätsel, wie die Pflanze eine Heilbeziehung zum Menschen zu entfalten vermag, nicht zu lösen vermochte” (Gerhard Schmid; im Geleitwort zu “Heilpflanzenkunde”, siehe Literaturtipps).

Das Licht der Natur

“Die Natur gibt ein Licht, wodurch sie in ihrem Schein erkannt werden mag” (Paracelsus). So harrt die Natur seit ihrem Anbeginn, auf dass Menschen kommen, um ihr zu lauschen. Der Weg ist lang und zu Beginn fühlt man sich oft wie ein Blinder, aber er lohnt sich. Denn einen sinnlichen Einstieg in eine ganzheitliche Heilkunde bietet die Signaturlehre allemal. Mit ihrer Hilfe lässt sich das Wahre vom Unwahren der “papiernen Bücher” leichter trennen. Oft ergänzt sie die lückenhaften Erkenntnisse der Wissenschaften. Aber mehr noch: Für Paracelsus war der Kontakt des Heilers mit der Natur nicht nur ein dringendes Erfordernis, sondern die Quelle der Lebensfreude.

“Wo der Mensch der erleuchtenden Macht, die ihm die Geheimnisse und Wunder der Natur enthüllen würde, den Rücken zukehrt, verschließt er sich gleichermaßen dem höheren Glück dieser Erde, denn ebendiese Geheimnisse sind auch die magnalia dei” (Lucien Braun). Wenn auch nicht jeder erleuchtet wird, der dem Aufruf des Paracelsus folgt, eins ist gewiss: Fortan wird jeder Spaziergang zur spannenden Entdeckungsreise in die Welt der Erscheinungen. Der Weg ist das Ziel!

Johanniskraut – die Sonne in Pflanzengestalt

Signaturdeutung am Beispiel von Johanniskraut

Im Johanniskraut erblicken wir eine Heilpflanze, über die zum Teil jahrtausendealte heilkundliche Erfahrungen vorliegen und die heute zu den wissenschaftlich am besten durchgeprüften Pflanzen zählt. Es ist auch darum ein Paradebeispiel für die Signaturlehre, weil Paracelsus einige
Signaturen beschrieben hat.

Lichtsamer: “Sicherlich gehört die edle Heilpflanze auf die Lichtseite des Erdenlebens. Schon die Samen keimen nur im Hellen, können an dunklen Orten jahrelang im Feuchten liegen, ohne sich zu regen” (Wilhelm Pelikan). Erster Hinweis auf den sonnigen Charakter.

Gelbe Blüte: Nach alter Vorstellung sind gelbe Blüten oder Pflanzensäfte ein Hinweis auf Heilpflanzen für Gelbsucht. Johanniskraut hat eine gewisse galletreibende Wirkung. Rotöleinreibungen bewährten sich auch bei unklaren Leberschmerzen. In den sonnenhaften Johanniskrautblüten erkennt man wiederum den Stimmungsaufheller. Die antidepressive Wirkung hypericinhaltiger Zubereitungen (z.B. “Hyperforat Dragees” von Klein) gilt heute als erwiesen.

Blüte ab Mittsommer: “Die Blüte verkündet die Johanniszeit, den Höchststand des Jahres. Die volle Kraft der Sommersonne lebt in ihr” (Wilhelm Pelikan). Schon die Germanen erkannten im Johanniskraut ein Ebenbild der allesheilenden Sonne. Im warmen, trockenen, leicht bitteren Geschmack bestätigt sich die geisterhellende und seelenerwärmende Sonnennatur nochmals. Wala hat mit “Aurum/Apis regina comp. Glob. oder Amp.” die Sommersonne eingefangen; Vorteil: das Mittel wirkt auch ohne Hypericin antidepressiv – denn es ist der Geist, der heilt, und nicht nur der Stoff. “Es (das Rotöl) lindert Schmerzen, vor allem bei Verbrennungen, da das Kraut zur Zeit des längsten Tages und der ärgsten Hitze blüht” (Hans Fink). Johanniskraut liebt sonnige, trockene Standorte – darin zeigt sich die Hitze- und Sonnenrestistenz. Nach Sonnenbrand oder Verbrühungen dient das Rotöl als volksmedizinische Erste Hilfe.

“Fauliges Aussehen” beim Verblühen: “Die Blüten faulen in der Form des Blutes. Das ist ein Zeichen, dass sie für Wunden und, was von Wunden kommt, gut sind, auch soll man sie gebrauchen, wo man Fleisch (Keloid) zügeln muss”. Paracelsus rühmte Johanniskraut auch als “die beste Wundarznei”. Das Rotöl fördert den Wundschluss vor allem bei Schürfwunden und bewährte sich zur Behandlung von Narbengewebe (z.B. nach OP oder Dammriss). Bei nässenden Wunden (z.B. Dekubitus) empfiehlt sich eher die Waschung mit verdünnten Extrakten (z.B. “Extractum Hyperici fluid. 1:1” von Caelo).

“Perforiertes” Blatt: “die Löcher, die in den Blättern sind, bedeuten, dass das Kraut für alle inneren und äußeren Öffnungen der Haut eine Hilfe ist” (Paracelsus). Hält man ein Blatt gegen das Licht, dann sehen die Exkretbehälter wie kleine Löcher aus. Das “Tausendlöcherlkraut” galt daher vor allem als ein Heilmittel für Stich- und Schussverletzungen. Verletzung nervenreichen Gewebes (z.B. nach Zahn-OP), Schnitt- oder Stichwunden sind Hauptindikation der Homöopathie (ich finde hier die Urtinktur sowie “Hyperforat Tropfen” von Klein in häufigen Gaben am zuverlässigsten).

Geädertes Blatt: “Die Adern auf den Blättern sind ein Zeichen, dass Perforata alle Phantasmata austreibt” (Paracelsus). Auch “stärcket es das sämtliche Nerven-Werck” (Weinmann). Die “Blattnerven” werden manchmal als Nervensignatur gedeutet, oft zeigen sie auch Venenheilpflanzen an.

Roter Pflanzensaft: Zerreibt man eine Blüte zwischen den Fingern, so tritt blutroter Saft aus, der im Volksmund “Johannis-” oder “Herrgottsblut” heißt. Wegen dieser Verwandtschaft zum Blut erkannte man im Johanniskraut einen Kraftspender, ein Heilmittel für Blutarmut und Menstruationsbeschwerden.

Zähe, feste Stängel: Das “Hartheu” liefert aufgrund seiner harten Stängel schlechtes Heu. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Kraut das Bindegewebe kräftigt.

Würmer fliehen das Kraut: “So gibt es auch Würmer, die vor Hypericon fliehen. Es geschieht nicht nur wegen des Geruches, sondern auch, weil in der Perforata der Spiritus ist, der die phantastischen Geister vertreibt” (Paracelsus). Die Beobachtung, dass das Johanniskraut kaum von Parasiten heimgesucht wird, hat wohl dazu beigetragen, dass man das Kraut zwischen den Käse legte, um Madenbefall zu verhindern. Der Preßsaft wurde beim Wurmbefall der Pferde gerühmt (Tabernaemontanus). Ist es nicht naheliegend, dass eine Pflanze, die sich vor Schädlingsbefall schützen kann, auch uns vor Parasiten schützt? Bis zu 16% Gerbstoffe verleihen dem Gewächs die Kraft, das Wachstum von Fäulnisbakterien oder Schimmelpilzen (z.B. bei Durchfall oder Wundinfektion) zu hemmen. Mit Hypericin ist es auch gegen Pflanzenviren gewappnet – zumindest in vitro erwies sich der Farbstoff als anti-HIV-wirksam. Erfahrungsgemäß heilt Herpes labialis durch innerliche Gaben und/oder Betupfen der Bläschen mit Extrakten schneller ab.

Literaturempfehlungen

  • Wilhelm Pelikan: Heilpflanzenkunde, 3 Bände; Philosophisch-anthroposophischer Verlag; Anmerkung: einfühlsame, auf der Signaturenlehre beruhende Betrachtungen von Heilpflanzen und Pflanzenfamilien; sehr nützliches Nachschlagewerk für Kräuterheilkundige und reichhaltige Quelle der Inspiration für Signaturinteressierte.
  • M. Madejsky / O. Rippe: Heilmittel der Sonne (AT Verlag); Anmerkung: bietet eine anschauliche Einführung in die ganzheitliche Arzneimittelbetrachtung; mit Schwerpunkt Signaturen der Sonnenheilmittel
  • M. Madejsky / O. Rippe: Traditionelle Heilkräuterkunde und Phytotherapie (AT Verlag): Unser umfangreiches Nachschlagewerk und die Basis unserer Arbeit mit Heilpflanzen
  • B. Aschner: Paracelsus – Sämtliche Werke; Anger Verlag
  • L. Braun: Paracelsus – Alchimist, Chemiker, Erneuerer der Heilkunde; SV international
  • H. Fink: Verzaubertes Land – Volkskult und Ahnenbrauch in Südtirol; Tyrolia Verlag
  • A. Fyfe: Die Signatur des Mondes im Pflanzenreich; Verlag Freies Geistesleben
  • J. Jacobi: Paracelsus – Arzt und Gottsucher an der Zeitenwende
  • R. Jütte: Paracelsus heute – im Lichte der Natur; Haug Verlag
  • S. Klossowski De Rola: The Golden Game; Alchemical Engravings of the Seventeenth Century; Thames and Hudson
  • E. M. Kranich: Die Formensprache der Pflanzen – Grundlinien einer kosmologischen Botanik; Fischer Verlag
  • G. Madaus: Lehrbuch der Biologischen Heilmittel; Mediamed Verlag
  • E. Schlegel: Religion der Arznei; Johannes Sonntag
  • W. Schüpbach: Pflanzengeometrie; Troxler-Verlag
  • H.-H. Vogel: Wege der Heilmittelfindung; Verlags GmbH Bad Boll
  • B. Vonarburg: Homöotanik; Haug Verlag

Zur Beachtung!

Der Leser ist aufgefordert, Dosierungen und Kontraindikationen aller verwendeten Arzneistoffe, Präparate und medizinischen Behandlungsverfahren anhand etwaiger Beipackzettel und Bedienungsanleitungen eigenverantwortlich zu prüfen, um eventuelle Abweichungen festzustellen.

Die in diesem Artikel aufgeführten Rezepte und Behandlungshinweise verstehen sich ausschließlich als Lehrbeispiele und können daher auch weder den Arztbesuch noch eine individuelle Beratung durch einen Heilpraktiker bzw. Arzt ersetzen. Sie sind nicht als Ratschläge zu einer Selbstbehandlung gedacht, sondern wollen lediglich einen Einblick in Therapiemöglichkeiten geben! Die Einnahme der genannten Heilmittel wie auch die Anwendung der Rezepturen oder das Befolgen der Therapieempfehlungen geschieht stets auf eigene Verantwortung. Sollten Sie nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde haben und über eine entsprechende Erfahrung verfügen, ist es empfehlenswert, sich vor jeder Anwendung kompetenten Rat bei einem Arzt oder einer Ärztin, einem Heilpraktiker oder einer Heilpraktikerin einzuholen. Es ist in jedem Fall ratsam, sich vor der Anwendung eines Heilmittels über mögliche Gegenanzeigen oder Nebenwirkungen zu informieren. Auch sollte die nur modellhaft angegebene Dosierung grundsätzlich überprüft und individuell angepasst werden. Bitte beachten Sie ebenso alle Warnhinweise und Anwendungsbeschränkungen der jeweiligen Beipackzettel.

 

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