Die hermetischen Grundlagen der Spagirik – von Max Amann

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Die hermetischen Grundlagen der Spagirik – von Max Amann

Von |2018-08-25T14:44:08+00:0010. August. 2018|Kategorien: Fachartikel, Paracelsusmedizin|Schlüsselworte: , , , , , , , |

“Darum so lern Alchimiam die sonst
Spagira heißt, die lernet das Falsch
scheiden von dem Gerechten.”
Paracelsus

Die Welt der Erscheinungen ist ungeheuer kompliziert. Um sich in ihrer Vielfalt zurechtzufinden und Wegweiser für sinnvolles Handeln zu haben, hat der Mensch sich seit alter Zeit einiger Einteilungssysteme bedient, die aus der hermetischen Philosophie verschiedener Zeitalter stammen. Zur Welterklärung haben alle Hochkulturen einander ähnelnde Systeme hervorgebracht, und überall wurden diese auch in der Medizinphilosophie zur Erklärung von Krankheit und Heilung verwendet. Sie geben also auch Hinweise zur Auswahl der Therapiemaßnahmen und zur Herstellung der Arzneimittel.

Die Weltkultur der Gegenwart ist stark geprägt durch eine der exakten Naturwissenschaften, die Chemie. Diese beschäftigt sich mit den Elementen, ihren Verbindungen, der Strukturaufklärung bei Naturstoffen, der Entwicklung synthetischer Stoffe und dem Studium der Eigenschaften aller dieser Materialien. Offiziell gilt die Alchimie, eine Jahrtausende alte Wissenschaft, als Vorstufe der erst zweihundert Jahre alten Chemie; danach wäre Alchimie eine veraltete Anschauungsweise der Materie und fehlerhafte Auslegung der Ergebnisse beim Arbeiten im Labor.
Paracelsus hat die Alchimie als universelle Wissenschaft und Mutter aller übrigen Wissenschaften gesehen, eine Ansicht, die auch die Alchimisten der Gegenwart teilen. Ist die Alchimie nun Handwerk, geheime Kunst oder Weltanschauung? Sie ist dies alles und vielleicht noch mehr, weil bei Beschäftigung mit ihr regelmäßig günstige Veränderungen der Persönlichkeit auftreten. Alchimie beschäftigt sich mit der Materie, den Energiephänomenen und der Seele. Für Alchimisten ist diese alte Wissenschaft, deren Erkenntnisse immerzu gültig sind, auch der Wegweiser in die Zukunft. Ziel alchimistischen Arbeitens ist nicht die Goldmacherei, wie der Duden angibt, sondern die Herstellung von Präparaten mit außergewöhnlichen Eigenschaften, die sich beispielsweise in der Heilkunde einsetzen lassen.

ie Wissenschaft vom Stoff – die Chemie – und die Wissenschaft der Energien und Kraftfelder – die Physik – sind in den letzten vierhundert Jahren in Europa zunehmend auseinandergedriftet. Hiermit hat sich die Kenntnis des Wägbaren und Sichtbaren von der Kenntnis des Unwägbaren und Unsichtbaren getrennt. Allerdings kann die physikalische Wissenschaft das Unwägbare/ Unsichtbare mit ihren Techniken feststellen, messen, erzeugen und verändern.

Die Alchimie ist die Wissenschaft vom Geistartigen in der Materie, damit auch von dem, was als Materie Gestalt annimmt, und auch von der Wirkungsart der Materie auf Geistiges. In den Jahrhunderten der Ausübung ihrer Kunst haben die Alchimisten zahlreiche chemische Verbindungen neu gefunden. Doch war dies nie Ziel ihrer Bemühungen, sondern – wie schon oben erwähnt – die Schaffung von Stoffen, die beispielsweise in der Heilkunde einsetzbar sind.

Die Ausgangsstoffe nehmen durch Bearbeitung im Labor die gewünschten Eigenschaften an. Die Eigenschaften sind immateriell, etwas Geistartiges; sie sind nicht mit der chemischen Zusammensetzung des Trägerstoffs identisch. Chemisch gleiche Trägerstoffe können verschiedene geistartige Eigenschaften haben, chemisch verschiedene Stoffe können die Matrix für dasselbe geistartige Prinzip sein. Dies unterscheidet die Alchimie von der Chemie. Derzeit können wir Qualität und Stärke des Geistartigen in besonderen Zubereitungen nur durch seine, beispielsweise therapeutische Wirkung erkennen oder mit radiästhetischen Methoden feststellen. Wahrscheinlich werden in naher Zukunft Methoden gefunden, mit denen sich das Geistartige ebenso exakt bestimmen lässt, wie derzeit elektromagnetische Felder gemessen werden.

Die Entstehung des Steins der Weisen
(aus: Der Compaß der Weisen, 1782)

Die Spagirik

Die Spagirik ist ein Sondergebiet der Alchimie, das sich im ausgehenden Mittelalter entwickelt hat und von Paracelsus konsequent ausgebaut wurde. Das Wort Spagirik bedeutet Trennen und Wiedervereinigen; das unedle Rohmaterial wird in Fraktionen zerlegt, diese werden durch
Weiterbearbeitung verbessert, nämlich gereinigt und die fertigen Fraktionen zu einem veredelten harmonischen Ganzen wieder vereinigt. Die Herstellung spagirischer Arzneimittel ist recht kompliziert. Die derzeit bekannten spagirischen Techniken sind das Ergebnis Jahrhunderte langer Entwicklung. Hierbei sind verschiedene Versionen des Herstellungswegs gefunden worden. Eine Weiterentwicklung der Spagirik ist durchaus möglich; so sind erst in unserem Jahrhundert die Spezialpräparate der anthroposophischen Medizin entstanden. Gemessen am Aufwand moderner Fertigungsverfahren der Chemie- oder Elektronikbranche ist der Arbeitsaufwand nicht allzu groß und auch dem Privatmann finanziell möglich. Das Problem ist vielmehr das Verstehen der durchzuführenden Operationen. Hierzu sind möglichst solide Kenntnisse in den zeitgenössischen Naturwissenschaften, besonders der Chemie, nötig; viel wichtiger sind aber Kenntnisse in den vier Einteilungssystemen der traditionellen Naturphilosophie.

Einteilungssysteme der traditionellen Naturphilosophie

Die 4 Systeme stellen Naturerscheinungen differenziert dar und erklären sie. Es sind dies
• das zweifache System der Geschlechter
• das der Astrologie,
• das abendländische der Vier Elemente und der Quintessenz,
• das der Drei Prinzipien Merkur, Sulfur und Salz.

Nützlich sind Kenntnisse in einer weiteren alten Technik, der Signaturlehre. Diese ermöglicht es, mit den Sinnen die Objekten innewohnenden Kräfte zu erkennen. Objekte können sein: Steine, Pflanzen, Tiere, künstlich hergestellte Stoffe und Gegenstände, Bauten, Landschaften. – Diese
Hilfswissenschaft wird hier nicht besprochen.
Drei der vier Einteilungssysteme sind Jahrtausende alt und haben keinen ausschließlichen Bezug zum alchimistischen Arbeiten, das der Drei Prinzipien ist im ausgehenden Mittelalter im Lauf der sich verbessernden Labortechnik entwickelt worden. Zur Entwicklung spagirischer Präparate ist ein Plan zu erstellen, der die Beziehung der vier Systeme zueinander aufzeigt und damit den Weg zur praktischen Arbeit weist. Erfolgt dies nicht, bleiben die erzielten Produkte unvollkommen und sind keine echten Spagirika.

Das System der Geschlechter

Mann-Frau, hart-weich, oben-unten, hell-dunkel, vorübergehend-dauernd, Energie-Materie, Yang-Yin. Letztere, die chinesiche Yang-Yin-Darstellung, ist besonders klug, weil sie am klarsten darstellt, wie eines im anderen enthalten ist und Yang und Yin immerzu ineinander übergehen. An spagirischen Präparaten kann man männlich betonte, weiblich betonte und männlich-weiblich ausgeglichene Produkte herstellen. Von den weiter unten besprochenen Drei Prinzipien ist Sulfur männlich, Salz weiblich und das verbindende Prinzip Merkur hermaphroditisch. Um das “Große Werk” zu vollbringen, ist das Zusammenwirken von Mann und Frau unentbehrlich.
– “Geschlecht ist in allem, alles hat männliche und weibliche Prinzipien” – (Hermes Trismegistos)

Yang-Stoffe sind die Metalle (nicht in allen Verbindungen) sowie scharf, bitter, heiß, aromatisch schmeckende Stoffe; Yin-Stoffe sind die Nichtmetalle (mit Ausnahmen wie Schwefel), die Erden (Oxide und Hydroxide mehrwertiger Metalle), Pflanzenaschen, Verbindungen des Siliziums wie Tonmineralien. Yin-Stoffe schmecken süßlich, schleimig, kühlend, salzig. Halbmetalle und Halbleiter wie Antimon zeigen in geeigneten Verbindungen starken Yin-Charakter. Yang-Yin-Prozesse wie das Destillieren oder Sublimieren bewirken eine Harmonisierung von Männlichem und Weiblichem.

Das System der Himmelskräfte, Astrologie genannt

Dieses System lehrt, dass sich auf der Erde sieben (oder mehr) Naturkräfte manifestieren, deren Wirkung überall zu erkennen ist; die Qualität, Stärke und Beziehungen dieser Naturkräfte lassen sich an den Bewegungen der sieben (oder mehr) Planeten am Himmel ablesen, da diese jeweils einer Naturkraft unterworfen sind: “Wie oben, so unten” (Hermes Trismegistos).
Astrologische Überlegungen und Daten spielen beim spagirischen Arbeiten bei folgenden Aspekten eine bestimmte Rolle: Zeit und Ort der Operation, Ausführender, Geräte, Bearbeitungsschritte (bes. bei Anwendung von Feuer), Art der Ausführung der Operation (z.B. behutsam/intensiv, kurz/lang, sanfte/scharfe Wärme, ohne/mit Schockreaktion). Soweit möglich, sollten für die Operationsschritte astrologisch einigermaßen passende Zeitpunkte gewählt werden, was für eine industrielle Produktion auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten stößt. Stellung der Sonne im Tierkreis und Mondphasen zu berücksichtigen ist am ehesten durchführbar; schwieriger ist schon, unheilvolle Aspekte aus der Stellung der Außenplaneten Saturn bis Pluto durch Zeitwahl zu vermeiden.
Der wichtigste astrologische Aspekt in der Spagirik ist die Wahl der Ausgangsmaterialien nach ihrer astrologischen Zuordnung. Besonders die von Pflanzen ist nach den verschiedenen Tabellen sehr unterschiedlich. Erntezeit, Pflanzenteil, Anbauort und Vorbearbeitung des Rohmaterials, z.B. Trocknen, führen zu Veränderungen der Zuordnung. Hierzu kommt, dass jedes Lebewesen Manifestationen aller Planetenkräfte zeigt. Die Zuordnung einer Pflanze zu einem Planeten ist eine grobe Vereinfachung, zu der man leider gezwungen ist. Der Ansatz eines spagirischen Rezepts besteht fast immer aus einer größeren Zahl Materialien, vorzugsweise Pflanzenteilen, die verschiedenen Planeten zugeordnet sind. Eine chaotische Mischung durch alle Planeten ist jedoch nicht gut.
Von zwei ähnlichen, spagirisch hergestellten Industrieprodukten nachfolgend die Anzahl der Einzelbestandteile, die jeweils dem genannten Planeten zugeordnet sind (vereinfacht):
• Klosterfrau Melissengeist – 9 Sonne, 3 Venus, 1 Mars, 1 Jupiter;
• Aquavit der Fa. Soluna – 10 Sonne, 5 Mars, 4 Jupiter, 3 Venus, 3 Merkur.
Die astrologische Zuordnung des Endprodukts entspricht nicht diesen Anteilen, sondern ist das Ergebnis der Operationen am gemischten Rohmaterial, wobei das Vorherrschen des feurigen Elements sicher erhalten bleibt.

Hermetischer Kosmos (Malachias Geiger, 1651)

Das System der Vier Elemente und der Quintessenz

Dieses aus der Antike stammende System ist der Kern des abendländischen medizinischen Weltbilds der Vergangenheit. Es lehrt, dass vier Grundstoffe in Mischung die Materie aufbauen. Die vier Stoffe Feuer, Luft, Wasser, Erde ergeben sich aus den zwei Eigenschaftspaaren der Realwelt: warm/kalt und feucht/trocken. Feuer ist warm und trocken, Luft feucht und warm, Wasser kalt und feucht, Erde trocken und kalt.
Ganz reine Elemente kommen nicht vor. Ist ein Stoff beispielsweise sehr warm und etwas trocken, könnte man seine Zusammensetzung so interpretieren: Viel Feuer, weniger Luft, wenig bis sehr wenig Erde, sehr wenig bis kein Wasser. Mischungen zweier ganz konträrer Elemente kommen kaum vor. Diese sind Feuer/Wasser und Luft/Erde. Die wenigen Stoffe, die solche Eigenschaften haben, zeigen verstärkt quintessentiellen Charakter, sind also vergeistigter und damit als Arzneien wirksamer als andere. Sie sind sehr gute Hilfsmittel zur Unterstützung anderer Arzneien. Beispiele:
• Feuer/Wasser – Alkohol,
• Luft/Erde – sublimierbare Stoffe wie Salmiak.
Die Quintessenz ist kein Stoff, sondern etwas Geistiges, aus dem die vier Elemente hervorgegangen sind. Als Urstoff und Geist in der Materie ist sie für die Alchimisten von großem Interesse, weil ihr Charakter dem Ziel alchimistischen Arbeitens, nämlich dem Stein der Weisen, recht nahe kommt. Von den vier Elementen steht die Luft der Quintessenz am nächsten. Spagirische Präparate sind in ihren Eigenschaften deshalb stets luftbetont. Das Überwiegen eines Elements führt beim Menschen zur Konstitution, z.B. die phlegmatische durch einen Wasserüberschuss. Ist dieser stark, entstehen die phlegmatischen Krankheiten. Hierzu gehören die meisten chronischen Leiden, z.B. die Stoffwechselstörungen und Altersbeschwerden. Wasser reduziert man am besten mit Feuer. Die im System Astrologie beschriebenen Präparate haben betont feurigen Charakter, eigenen sich also als Allgemeinmittel für viele chronische Krankheiten.

Elemente oder die Vier Mütter des Lebens (= vier Grade des Feuers, chymisches Lustgärtlein, 1624)

Das System von den Drei Alchimistischen Prinzipien Merkur, Sulfur und Salz

Dieses System, während des Mittelalters durch arabische Alchimisten gefunden, wurde durch Paracelsus in die seitdem verwendete Form gebracht. Es stellt den weltanschaulichen Kern der Spagirik dar und hat sich beim praktischen Arbeiten im Labor als Leitschema zur Herstellung der Arzneien durchgesetzt. Im Gegensatz zur weitgehend stofflichen Auffassung der Vier-Elementen-Lehre werden die Drei Prinzipien als etwas Geistartiges gesehen, das in der Materie enthalten ist.
Sie finden sich dort in verschiedener Intensität, in verschiedenem Mengenverhältnis und können auch verschiedener Beziehung zueinander sein, beispielsweise harmonisch oder weniger harmonisch. Genau wie Männliches und Weibliches oder die Vier Elemente kann keines der Drei Prinzipien einzeln auftreten. Sie sind außerdem an eine stoffliche Trägersubstanz gebunden, aber auch von einer Trägersubstanz auf eine andere übertragbar.
Ziel spagirischen Arbeitens ist eine Anreicherung der Prinzipien in einem geeigneten Träger, z.B. einem Gemisch aus Wasser und Alkohol. Die Drei Prinzipien sind Merkur – das Flüchtige, Sulfur – das Brennende, und Sal – das Feste.

Mit den Einteilungssystemen der Astrologie und der Elementenlehre besteht keine Identität, doch existieren Entsprechungen: Merkur hat Beziehung zu den Elementen Luft und Wasser sowie zu den Planeten Merkur, Mond, Venus, Jupiter und Neptun; Sulfur zum Element Feuer
sowie zu den Planeten Sonne, Mars und Uranus; Sal zum Element Erde sowie zu den Planeten Saturn und Pluto. Spagirische Fertigpräparate können betont merkuriell, sulfurisch oder salzig sein, auch zwei Prinzipien bevorzugt enthalten oder alle drei in Harmonie. Die Qualität des Präparats hängt von der Qualität der Rohstoffe und der Sorgfalt beim Arbeiten ab, die Wirkungsrichtung von der Auswahl der Rohstoffe und den durchgeführten Operationen.

Aus dem Ouroboros entspringen 3 Blüten –
weiß für Silber, rot für Gold und blau für die Weisheit
Handschrift, 1550

Der Aquavit, ein spagirisches Heilmittel

Aqua vitae – Lebenswässer – sind als Tonika, Geriatrika und Universalheilmittel schon seit fünfhundert Jahren apothekenüblich. Der Aquavit ist ein Elixier, in dem die Vereinigung von Feuer und Wasser, dem Oben und Unten, dem Merkur und Sulfur mehr oder weniger gelungen ist. Der Ausgangsstoff ist ein Gemisch aus aromatischen, warmen Gewürzen wie Koriander, Zimt, Ingwer (Sonne, Feuer, Sulfur), Scharfstoffen wie Meisterwurz, Galgant, Pfeffer (Mars, Feuer, Sulfur) und Duftstoffen wie Cardamom, Melisse, Lavendel (Venus, Merkur, Luft, Wasser, alchimistischer Merkur). Durch zahlreiche Wurzeln im Ansatz sind das Erdelement und Sal stark vertreten. Würde man aus diesem Gemisch nur eine Tinktur herstellen, wäre diese ein feuriges, sulfurisches Mittel ohne besondere Kräfte. Bei spagirischer Aufarbeitung wird nach einer eventuellen Abtrennung der ätherischen Öle durch Wasserdampfdestillation (flüchtiger Sulfur) der Ansatz mit Zucker und Hefe vergoren. Die Vergärung und der dabei gebildete Alkohol stärken das merkurielle Prinzip. Anschließend wird abdestilliert.
Dieses Destillat ist die Hauptmasse des Merkur. Der Nachteil dieses Verfahrens ist jedoch die Veränderung empfindlicher Inhaltsstoffe. Man kann aus den Ausgangsstoffen auch gleich eine Tinktur herstellen und diese destillieren. Bedingung ist aber, dass dazu ausschließlich durch
Gärung gewonnener Alkohol zur Tinkturbereitung verwendet wird.
Dieses Destillat würde jetzt Merkur und einen Teil Sulfur des Ansatzes enthalten. Relativ viel Sulfur, z.B. Bitter- und Scharfstoffe, ist im Destillationsrückstand. Für einen Aquavit vom Typ der vorgestellten Firmenmittel ist es nicht nötig, diesen Sulfur durch scharfe Destillation oder Eindampfen und Veraschen des festen Rückstands zu gewinnen, weil er im Ansatz schon stark repräsentiert war. Unbedingt notwendig ist aber die Gewinnung von Sal. Hierzu wird der Rückstand des Pflanzenmaterials verascht oder in einem Spezialverfahren Wasser vom Rückstand abdestilliert. Durch die beschriebenen Operationen sind Merkur, Sulfur und Sal getrennt und vergeistigt worden. Sie werden jetzt wieder vereinigt; die Mischung muss noch reifen. Wie bei einem edlen Wein oder Weinbrand braucht die Reifung Zeit, einen geeigneten Ort und eventuell eine katalytisch wirkende Oberfläche (Eichenholz, Ziegelmehl, Kieselgur).
Ein spagirisch zubereiteter Aquavit oder Melissengeist ist stark merkuriell geprägt mit harmonischen Anteilen von Sulfur und Sal; hat er quintessentiellen Charakter, riecht und schmeckt er angenehm, ist sehr haltbar und zeigt schon bei Einnahme von einigen Tropfen therapeutische
Wirkung. Ein solcher Geist verbessert auch die Wirkung beliebiger anderer Medikamente, wenn man ihn zusätzlich einnimmt.
Setzt man einer spagirischen Zubereitung Gold zu (z.B. im Danziger Goldwasser), so verstärkt man das Sulfurprinzip, setzt man Antimon zu (z.B. Präparate der Fa. Soluna), verstärkt man das Salprinzip. Dass bei alchimistischen, besonders auch spagirischen Zubereitungen die Lehren aller vier besprochenen hermetischen Systeme gemeinsam berücksichtigt werden müssen, wurde bereits eingangs besprochen. In vielen alchimistischen Werken ist diese Notwendigkeit bildlich dargestellt.
Wohl aus historischen Gründen ist bei Elixieren in den Ansatzgemischen gewöhnlich das weibliche Element zu schwach vertreten. Als ergänzende Zusätze dieses Typs eignen sich dem Mond zugeordnete Mittel, Wasserpflanzen, saftige Pflanzen. Dazu einige Beispiele: Fieberklee, Brunnenkresse, Löffelkraut, Kalmus, Erdrauch. Dies sind alles stark regenerierende Mittel.
– Yang tonisiert, Yin aber regeneriert –

Die Hausmutter beim Zubereiten von Arzneien.
Kupferstich aus der Georgica Curiosa, Nürnberg 1716

Literaturempfehlung