Temperamente und Konstitution – die Elementenlehre in Theorie und Praxis – von Olaf Rippe

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Temperamente und Konstitution – die Elementenlehre in Theorie und Praxis – von Olaf Rippe

“So sind im Leib vier Elemente, die viererlei Krankheiten machen.
Daher beruht der Mensch auf vier Elementen, gleichsam wie auf vier Müttern.
Von diesen stammen Gesundheit und Krankheiten” (Paracelsus).

Die antike Lehre von den Elementen geht zurück auf den griechischen Philosoph und Arzt Empedokles von Agrigent (5 Jh. v. Chr.). Er sprach von vier Wurzelkräften (rhizomata) der Schöpfung, die er Feuer, Luft, Wasser und Erde nannte. Nach seinen Vorstellungen entsteht und vergeht alles Existierende durch Liebe und Streit zwischen diesen Urkräften. Schon kurz nachdem Empedokles die vier Wurzelkräfte der Schöpfung formuliert hatte, bezeichnete man sie als Elemente. Sie bildeten die erste Grundlage einer wissenschaftlich-rationalen Medizin im Abendland.
Somit beeinflusst die antike Elementenlehre seit 2500 Jahren unsere Kulturgeschichte und Heilkunde. Sie dürfte damit eines der ältesten Gedankenmodelle des Menschen über die Natur sein, das heute noch Beachtung findet, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor einigen Generationen.

Elementenlehre und Heilkunst

Ein wichtiger Schritt, um die Elementenlehre in der Medizin praktisch nutzen zu können, war die Zuordnung von Primär- und Sekundärqualitäten zu den Elementen (siehe Grafik):

  • Feuer: warm, aber auch trocken
  • Luft: feucht, aber auch warm
  • Wasser: kalt, aber auch feucht
  • Erde: trocken, aber auch kalt

Auf diese Weise ergeben sich Gemeinsamkeiten und Polaritäten der Elemente, die – wie wir noch sehen werden – die Grundlage der Therapie nach den Elementen bilden. Neben den Qualitäten ordnet man bis heute den Elementen Körpersäfte (“humores”), Hauptorgane, Temperamente und Wesensprinzipien zu:

  • Feuer: Gelbe Galle / Herz / Choleriker / Ich-Bewusstheit
  • Luft: Blut / Niere / Sanguiniker / Gefühle
  • Wasser: Schleim / Leber / Phlegmatiker / Lebenskraft
  • Erde: Schwarze Galle / Lunge / Melancholiker / Strukturkraft

Das harmonische Zusammenwirken der Säfte (Eukrasie) bedeutet Gesundheit, die Dishamonie (Dyskrasie) dagegen Krankheit. In der Antike verstand man unter Dyskrasie eine schuldige Materie, die durch das Übermaß eines Elements erzeugt wurde. Eine Heilung erfolgte dementsprechend durch die Ableitung des überschüssigen Saftes, beispielsweise durch Schwitzen, Aderlass, Erbrechen oder Abführen.

Spätestens seit Galen (129 – 199) ordnet man den Elementenqualitäten auch Arzneistoffe zu. Dies sind vor allem Pflanzen, die in ihren Signaturen (Farbe, Geschmack etc.) und ihrer Wirkung den Elementen entsprechen. So gibt es erwärmende und feurige, kühlende und wässrige, anfeuchtende und luftige sowie trocknende und erdhafte Pflanzen, die man zur Behandlung einer übermäßigen Elementenqualität einsetzt.

Grafik: Das Kräftespiel der Elemente

Therapie nach der Elementenlehre

Um nach den Vorstellungen der Elementenlehre ein Therapiekonzept mit Arzneistoffen aufzubauen, ist es notwendig, die Elemente als Polaritäten zu begreifen. Gegensätze bilden:

  • Wasser (kalt) –  Feuer (warm)
  • Luft (feucht) – Erde (trocken)

Die Elementenqualitäten befinden sich im Menschen normalerweise in einem kompensatorischen Gleichgewicht. Je nach Anforderung kann das gegenteilige Element einen Überschuss des gegenüberstehenden ausgleichen. Krankheit entsteht erst bei einer dauerhaften Überbetonung einer Elementenqualität.

Ist ein Element pathologisch im Übermaß vorhanden, wird es nicht mehr durch das gegenteilige Element kompensiert. Man kann dann von einem Mangelzustand des Gegenpols sprechen: “Wenn ein Element irrt, so schwächt es das andere, denn alle sollen vollkommen sein und ihren bestimmten Gang haben” (Paracelsus)

Die übliche Therapie mit Arzneistoffen besteht nun darin, das schwache Element zu stärken. So gibt man Pflanzen mit kalter und feuchter Qualität (= Wasser) um eine Überbetonung von Feuer auszugleichen. Dieses Vorgehen nennt man antipathisches Heilen.

Ein Beispiel wäre die Verabreichung von kühlenden und entzündungswidrigen Mitteln des Elements Wasser wie Birke, Malve, Schlüsselblume oder Esche bei Fieber. Gibt man dagegen bei hohem Fieber feurige und stimulierende Mittel wie Echinacea, besteht die Gefahr, daß sich der Zustand verschlimmert. (Echinacea ist ein bewährtes Mittel zur Infektprophylaxe; es regt die Wärmeprozesse und die Immunabwehr an = Mangel an Feuer). Die antipathische Methode eignet sich besonders für Sofortmaßnahmen und zur Linderung von Symptomen. Von einer wirklichen Heilung kann man nicht sprechen, da die Ursache ja nicht in der Schwäche eines Elements, sondern in einem Übermaß besteht.

Es muss also noch einen anderen Weg geben, um die Elemente auszugleichen. Schon Paracelsus (1493 – 1541) kannte einen solchen Weg: “Nie ist eine heiße Krankheit mit Kaltem geheilt worden und nie eine kalte mit Heißem. Doch das ist geschehen, daß Gleiches seinesgleichen geheilt hat” (Paracelsus) – diese Methode nennt man sympathisches Heilen.

Nimmt man ihn wörtlich, so bedeutet dies, dass man eine Überbetonung von Feuer mit Mitteln behandeln muss, die selbst dem Feuerelement entsprechen. Wie kann dies sein, wenn wir doch gerade festgestellt haben, dass bei diesem Vorgehen eine Verschlimmerung passieren müsste?
Das Geheimnis liegt in der Dosis und der Art der verabreichten Arznei. Wenn man die Mittel, die dem überbetonten Element entsprechen, tropfenweise und selten verabreicht, dann erfolgt nur selten eine Verschlimmerung. Paracelsus gebrauchte zudem spagirische Heilmittel, also vergeistigte, die man in ihren Eigenschaften nicht mit substantiellen verwechseln darf. Die Spagirik verändert die Eigenschaften eines Stoffes derart, dass regulierende und/oder gegenteilige Effekte auftreten.
Ähnliches passiert bei der Potenzierung eines Stoffes nach den Vorstellungen Samuel Hahnemanns, der ebenfalls eine Vergeistigung der Arznei anstrebte. In der Homöopathie spricht man von einem Umkehreffekt der Wirkung bei der Potenzierung, der in der Regel spätestens ab der sechsten Potenzstufe eintritt. Es hat sich übrigens in der Praxis bewährt, die antipathische mit der sympathischen Methode zu kombinieren. Bei Fieber wäre dies beispielsweise eine Kombination der oben genannten entzündungswidrigen Mittel mit Echinacea D6.

Die  Elemente in ihrer zyklischen Natur – Aquarell von Fred Weidmann

Die vier Temperamente

Die Ausbildung der Temperamente führt man ebenfalls auf ein Übermaß der entsprechenden Elemente zurück.

Der Choleriker (Feuer)

Überwiegt das Feuerelement im Menschen kommt es zur Ausbildung einer cholerischen Persönlichkeit. Choleriker reagieren schon bei Kleinigkeiten mit einem Wutausbruch. Ihre  Handlungsmuster sind impulsiv und unberechenbar. Ihre Wut kann sich bis zur Tobsucht und Raserei verstärken, vor allem wenn sie auf Widerstände stoßen. Sie vertragen keine Kritik, kritisieren andere aber sehr gerne. Choleriker tragen den Geist der Initiative in sich. Ihre ausgeprägte Willenskraft verhilft ihnen zur Durchsetzung persönlicher Zielsetzungen, allerdings sind sie dabei oft rücksichtslos und rechthaberisch. Sie haben eine übersteigerte Vorstellung von der Bedeutung der eigenen Person. Choleriker bringen sich und andere durch ihre  Waghalsigkeit und Ungeduld oft in Bedrängnis. Ihr Lebensstil ist ausschweifend und triebhaft bis zur totalen Erschöpfung.
Um den Choleriker friedfertiger zu stimmen, gibt es nun zwei Möglichkeiten, die man auch kombinieren kann: Entweder ich lösche sein Feuer mit Wasser, oder ich lasse ihn in einen Spiegel schauen, indem ich ihm Feuermittel in potenzierter Form verabreiche. Nach den Regeln der Antipathie kämen folgende kühlende Mittel in Betracht, die alle in substantieller Form, als Tee oder Tinktur, gebräuchlich sind:

  • Boldo = Peumus boldus: Die minzig schmeckende und kühlende Pflanze ist eines der besten Mittel bei entzündlichen Leber- und Gallenleiden. Sie hilft dem Choleriker seine feurigen Säfte auf natürlichem Wege abzulassen.
  • Passionsblume = Passiflora incarnata: Vielleicht das beste antipathische Mittel, um einen Feuertypen sozial verträglicher zu machen.
  • Rosenblüten = Rosa damascena: Sie ist nicht nur ein Symbol für die Liebe, sondern sie stärkt auch die Hingabefähigkeit und kühlt das feurige Gemüt.
  • Wolfstrapp = Lycopus europaeus: Die kühlende Pflanze dämpft durch ihre Wirkung auf die Schilddrüse die vegetative Erregbarkeit des Cholerikers.

Nach den Regeln der Sympathie ergänzt man diese Mittel mit potenzierten Feuermitteln (D12 bis D30); einige Beispiele:

  • Brechnuss = Strychnos nux vomica: Wenn die Nerven blank liegen und schon das Ticken eines Weckers einen aufregt, besänftigt und beruhigt Nux vomica. Die Brechnuss enthält Kupfer, daher mit Cuprum metallicum (D12) zum Entkrampfen der Seele kombinieren.
  • Stephanskraut = Delphinium staphisagria: Reagiert sehr empfindlich, wenn andere über ihn reden. Heftige Wutausbrüche. Streitsucht, vor allem durch Beziehungskrisen und durch sexuelle Frustration. Status nach Exzessen.
  • Tarantel = Tarantula hispanica: Extreme Ruhelosigkeit mit plötzlichem Stimmungswechsel. Diabolische Mächte scheinen den Charakter zu beherrschen. Zerstörungswut.
  • Zaunrübe = Bryonia alba: Extrem reizbarer Typ, den wirklich die geringste Kleinigkeit in Rage bringt. Gutes Lebermittel. Gichtisch-rheumatische Diathese; Gicht (auch etwas Luft) ist die Krankheit der Mächtigen und Tyrannen.

Der Sanguiniker (Luft)

An sich ist das sanguinische Temperament angenehm, sofern es sich nicht zu stark ausdrückt. Dann schlägt die Leichtigkeit des Seins um in Hysterie. Man kann den Lufttyp auch als Verkörperung der neurotischen Charakterstruktur sehen. Seine Gefühle unterliegen einem ständigen Wechsel, bis hin zur Manie. Er ist überdreht, hektisch und voreilig. Seine Unruhe hält ihn oft die ganze Nacht wach. Er kann nicht still sitzen und leidet häufig unter nervösen Tics. Er kann seine Umwelt mit seiner Geschäftigkeit und seinem Geschwätz zur Verzweiflung bringen. Auf alles reagiert er maßlos empfindlich. Er benimmt sich wie ein nervöses Rennpferd. Geistig ist er sehr regsam, neugierig und begeisterungsfähig, allerdings erlahmt sein Interesse auch sehr schnell und etwas Neues muss her. Auch seine körperlichen Symptome wechseln ständig.
Nach den Regeln der Antipathie fehlt dem Patienten die in sich ruhende Kraft und Beständigkeit des Erdelements. Nachfolgend einige Beispiele von Mitteln, mit denen man den “Luftikus” wieder auf die Erde holt (Urtinktur oder Tee):

  • Baldrian = Valeriana officinalis: Die balsamisch duftende Pflanze eignet sich als mildes Sedativum bei Unruhe und Schlafstörungen. Baldrian vermittelt innere Ruhe und das Gefühl, umarmt zu werden.
  • Hafer = Avena sativa: Der hohe Kieselsäuregehalt macht Nerven wie Drahtseile und beruhigt gleichzeitig.
  • Labkraut, Echtes = Galium verum: Besonders passend für hysterische Persönlichkeiten. Der Volksname “Unser Frauen Bettstroh” deutet auf die Verwendung als Kräuterkissen und bei Frauenleiden hin. Männer sind aber ebenfalls häufig hysterisch.
  • Patchouli = Pogostemon patchouly: Die modrig-holzig riechende Pflanze kühlt die überreizten Nerven.

Nach den Regeln der Sympathie ergänzt man diese Mittel mit potenzierten Luftmitteln (D12 bis D30); einige Beispiele:

  • Biene = Apis mellifica: Übertriebene Geschäftigkeit und plötzlicher Stimmungswechsel sind typisch für Apis.
  • Kaffee = Coffea cruda: Der Coffeatyp ist fröhlich bis agitiert, ständig in Erregung und voller Ideen, die er sofort umsetzen muss.
  • Silberkerze = Cimicifuga racemosa: Geschwätzigkeit, Anfälle von Hysterie, aber auch spontane Depressionen, vor allem im Klimakterium, weisen auf Cimicifuga.
  • Zink = Zincum metallicum: Status nach Überarbeitung und Stress. Erlebnisse haben die Nerven überreizt und der Patient fühlt sich ausgepumpt, aber auch völlig zerfahren.

Die Vier Temperamente, ihre Zuordnungen aus der Tierwelt und die sieben Lebensalter, 18.Jh.

Der Phlegmatiker (Wasser)

Überwiegt das Wasserelement im Menschen, kommt es zur Ausbildung eines phlegmatischen Temperaments. Der Phlegmatiker reagiert auf Anforderungen langsam, bedachtsam und faul. Er versucht sich alles Unangenehme vom Hals zu halten. Er neigt zu Stillstand, Langeweile und Nichtstun. Sein Bewegungsdrang ist minimal. Sein Habitus und seine geistige Auffassungsfähigkeit sind schwerfällig und träge. Er reagiert auf Konflikte oft ängstlich und mit emotionalem Rückzug.
Er wirkt auf andere lieb, angepasst und jovial. Unter den Temperamenten ist er der träumerische Phantast, der gefühlsschwangere Romantiker. Er ist ein fürsorglicher Mensch, der sich aber oft einsam fühlt und Sehnsucht nach Geborgenheit hat. Gegenüber anderen kann er sich schlecht abgrenzen. Er ist oft unentschlossen, schüchtern, sexuell unlustig und ängstlich. Selbstzweifel, triefendes Selbstmitleid und rührseliges Weinen sind für ihn typisch. Was ihm fehlt, ist die glühende Begeisterung, der Mut und der Tatendrang des Feuers. Einige  Beispiele von Pflanzen, die müde “Schlaffis” munter machen (Urtinktur oder Tee):

  • Basilikum = Ocimum basilicum: Regt sanft die Verdauungsdrüsen und die Pankreasfunktion an. Mildes Aphrodisiakum. Das heilige Basilikum (Ocimum sanctum) aus Indien würde sich noch besser eignen, ist aber leider nicht im Handel.
  • Bohnenkraut = Satureja hortensis: Regt die Nebennierenfunktionen an, stimuliert Blutdruck und die Sexualfunktionen, aber auch die Verdauungdrüsen.
  • Damiana = Turnera aphrodisiaca: Bewährtes Aphrodisiakum aus der Indianermedizin Mexikos. Allgemein belebend ohne zu überhitzen.
  • Thymian = Thymus vulgaris: Anregung von Kreislauf und Abwehr. Dynamisiert die Willensprozesse im Menschen.

Nach den Regeln der Sympathie ergänzt man diese Mittel mit potenzierten Wassermitteln (D12 bis D30); einige Beispiele:

  • Austernschale = Calcium carbonicum: Ängstlicher Menschentyp mit Abneigung gegen geistige und körperliche Arbeit. “Calcium-Patienten sind fett, blond, schlaff, leicht schwitzend, kalt, feucht und sauer” (Boericke).
  • Bariumcarbonat = Barium carbonicum: Bei mangelndem Selbstvertrauen, Unentschlossenheit, Schüchternheit und geistiger Schwäche bis Demenz.
  • Graphit = Graphites: Bei Neigung zur Fettsucht mit ständigem Frösteln. Mangelnde Lust zur Arbeit. Besorgt, weinerlich und unentschieden mit innerer Unruhe.
  • Küchenschelle = Pulsatilla pratensis: Schüchterner Mensch, der auf Kleinigkeiten sehr emotinal reagiert (auch etwas Luft). Dabei ängstlich, weinerlich, unentschlossen und leicht entmutigt. “Die Macht der Tränen” fordert Mitmenschen zu Liebkosungen auf; sonst ist der Pulsatilla-Typ relativ passiv.

Der Melancholiker (Erde)

Die Melancholie entsteht durch ein Übermaß an schwarzer Galle, beziehungsweise durch eine Überbetonung des Erdelements im Menschen. Melancholiker sind schwerfällig, hartnäckig und voller Sorgen. Sie sind ständig am Grübeln, still, introvertiert und ernst. Ihr Geist dreht sich um Themen wie Tod, Alter, Krankheit und Einsamkeit; ihre Lieblingsfarbe ist Grau oder Schwarz. Sie sind missmutig, depressiv und hoffnungslos. In ihrem Leiden sind sie ausdauernd. Ihre Stimmung ist ansteckend; Therapeuten fühlen sich nach einer Behandlung oft vampirisch ausgelaugt. In ihrem Leid wollen Melancholiker allein sein, gleichzeitig haben sie aber Angst vor der Einsamkeit. Wenn Melancholiker weinen, dann nicht hysterisch wie der Lufttyp, sondern still und untröstlich. Sie neigen zur Humorlosigkeit (humor = Saft!), Prinzipientreue und Kritiksucht.
Häufig entsteht die Melancholie durch einen exzessiven Lebenswandel (Wechsel von Feuer zu Erde) oder durch unverarbeitete Schicksalsschläge (Wechsel von Luft zu Erde). Solche Menschen sehen grau, faltig, trocken und verbraucht aus. Sie haben dunkle Augenringe und eingefallene Wangen. Nach Krankheiten erholen sie sich nur schwer. Eine Therapie von Krankheiten der Erde ist immer sehr langwierig. Was dem Erdtypen fehlt, ist die Leichtigkeit des Seins. Nachfolgend einige Mittel, die den Geist und den Körper des Melancholikers etwas durchlüften (Urtinktur oder Tee):

  • Brunnenkresse = Nasturtium officinale: Der sanfte Wasserschwefel in der Pflanze tonisiert den Stoffwechsel. Am Hofe Frankreichs war es üblich, jeden Tag frische Brunnenkresse zu servieren. Allgemein sind Senfölglykoside bei Melancholie wichtig.
  • Ingwer = Zingiber officinalis: Eines der besten Geriatrika. Allgemein Pflanzen mit Scharfstoffen einsetzen, um die “schwarze Galle” auszutreiben.
  • Lavendel = Lavandula officinalis: Belebend und stimmungsaufhellend.
  • Linde = Tilia cordata: Der heilige Baum der germanischen Liebesgöttin Freya wirkt diaphoretisch und stimmungsaufhellend. Allgemein bei Melancholie an Diaphoretika denken.

Nach den Regeln der Sympathie ergänzt man diese Mittel mit potenzierten Erdmitteln (D12 bis D30); einige Beispiele:

  • Blei / Bleihonig = Plumbum metallicum / Plumbum mellitum (von Weleda): Blei untersteht wie die Melancholie astrologisch dem Saturn. Entsprechend setzt man das Saturnmetall zur Behandlung von Depressionen ein, besonders bei alten Menschen. Vergreisungserscheinungen behandelt man am besten mit Bleihonig, einer alchimistischen Zubereitung der Firma Weleda.
  • Hahnemanns Ätzstoff = Causticum: Mittel für ausgemergelte, untröstliche, traurige und hoffnungslose Menschen, mit Beschwerden nach langanhaltendem Kummer.
  • Natriumchlorid = Natrium muriaticum: In sich zurückgezogener Mensch mit Beschwerden durch unausgelebte Emotionen. Reagiert ärgerlich über Kleinigkeiten oder Störungen. Erschöpfungssyndrom. Will keinen Trost.
  • Steinöl = Petroleum: Depression nach Gemütserregung. Macht sein Testament, weil er glaubt, bald sterben zu müssen. Fühlt sich schwer wie Blei und ermattet.

Die vier Wesenglieder im Menschen

Die Elemente kann man auch als geistige Urbausteine sehen, die das Leben bewirken. Feuer und Luft bilden das aktive, männliche, zeugende Prinzip, Wasser und Erde dagegen das passive, weibliche, empfangende Prinzip. Dieser Gedanke erinnert an die Yang-Yin-Polarität der chinesischen Medizin. Auch im Abendland kennt man diese Wahrheit, nur nennt man es bei uns Sonne und Mond. Eine hermetische Botschaft lautet: “Sein Vater (Yang / Feuer) ist die Sonne, seine Mutter (Yin / Wasser) ist der Mond.” Danach ist die Grundpolarität des Lebens Wärme-Feuer und Kälte-Wasser. Diese Polarität verbindet die unsichtbare Luft, die als Träger der schöpferischen Urkräfte gilt, die sie den anderen Elementen mitteilt. Die Vereinigung von Feuer, Wasser und Luft bildet schließlich die Grundlage der materiellen Existenz, die der Erde entspricht.
Wichtig dabei ist, dass die Elemente in ihrem Wesen unsichtbar und übersinnlich sind, also die spirituelle Grundlage des Lebens darstellen. Aus dem dichtesten der Elemente, der Erde, stammen die mineralischen Grundbausteine der Materie. Das Element Wasser verbindet diese Stoffe auf energetische Weise und bildet somit die Grundlage organischen Lebens. Als Naturreich ordnet man dem Wasser die Pflanzenwelt zu. Die Luft beseelt die Natur und bildet die Grundlage für das Tierreich. Das Feuer vergeistigt die Welt und ist damit dem Menschen zugeordnet.
In der hermetisch orientierten anthroposophischen Medizin besteht der Mensch, analog den Elementen, aus vier Wesensgliedern oder Leibern (siehe Grafik): Zunächst ist dies der dem Mineralreich ähnliche physische Leib (Erde), der das stoffliche Gefäß für unser geistartiges Sein darstellt. Die Ausprägung dieses Leibes ist verantwortlich für die Intensität der Anbindung des Geistes an die Materie (Inkarnation). Der zweite Körper ist der Bildekräfte- oder Ätherleib mit seinen Stoffwechselfunktionen und seinen regenerativen Kräften (Wasser). Er entspricht dem Reich des Vegetabilen. Dies ist der Leib der Lebenskraft. Als dritten finden wir den Gefühls- oder Astralkörper (Luft), der uns mit dem Animalischen verbindet. Durch ihm empfinden wir Sympathie und Antipathie, Liebe und Hass, Glück und Schmerz. Viertens besteht der Mensch aus dem mentalen Leib (Feuer) oder der Ich-Organisation. Er gibt uns die Fähigkeit der bewussten Selbstwahrnehmung. Dieser Leib ist dem Menschen vorbehalten.

Der Bamberger Reiter ist eine Allegorie auf die Elemente: der unbehauene Stein
symbolisiert die Erde und das Mineralreich, das Gesicht in der Pflanze versinnbildlicht das Wasser und die Pflanzenwelt.
Die Luft und das Tierreich wird durch das Pferd darfgestellt und das Feuer durch den Reiter.
Die Quintessenz verkörpert sich in der Kirche über seinem Haupt.

Foto Olaf Rippe

Die vier Hauptorgane im Menschen

Nach hermetischer Tradition ist jedem Element ein Hauptorgan zugeordnet: Feuer – Herz / Luft – Niere / Wasser – Leber / Erde – Lunge. Diese Zuordnungen haben eine wesentliche Bedeutung für die Praxis.

Herzerkrankungen sind nun nicht mehr nur eine Störung im Element Feuer, sondern haben ihre Ursache in einem Konflikt zwischen bewusster Ichwahrnehmung und der Umsetzung der Willensvorstellungen. Entsprechend ist eine Therapie mit herzstärkenden Mitteln, beispielsweise mit Weißdorn, Schlehe oder Herzgespann, eine Möglichkeit, Ich-Stärke zu erzeugen, die den Menschen befähigt, seinen Willen nach Außen auszudrücken. Eines der wichtigsten Mittel, um Ich-Bewusstheit zu bewirken, ist das Sonnenmetall Gold (Aurum metallicum). In tieferen Potenzen (D6 bis D12) eignet es sich zur Behandlung einer Ich-Schwäche oder einer Orientierungslosigkeit des Selbst. Hochpotenzen (D30) sind dagegen gebräuchlich, wenn die Ich-Organisation sich maßlos in die Umgebung ausbreitet und damit für Mitmenschen und Umwelt zum Problem wird.

Mangelnde Verarbeitung von Emotionen, seelische Verletzungen oder Schockerlebnisse wirken pathologisch auf das Element Luft und können zu Nierenerkrankungen führen. Umgekehrt ist eine Therapie der Niere mit entsprechenden Mitteln eine Möglichkeit, Harmonie im seelischen Erleben zu erzeugen. Hierfür eignet sich besonders das Venusmetall Kupfer (Cuprum metallicum D12). Es entspannt die Seele und führt zu innerer Ruhe. Ein bewährtes Mittel mit Kupfer und typischen Nierenpflanzen wie Goldrute und Birke, ist “Renalin” von Soluna. Da das Element Luft mit dem Tierreich in Verbindung steht, finden sich unter den Seelenbalsamen auch zahlreiche animalische Arzneien wie Lachesis, Naja, Apis, Ambra oder Moschus.

Kommt es dagegen zu Störungen im Element Wasser, ist dies immer auch ein Problem der regenerativen Kräfte des Körpers. Leberpflanzen wie Mariendistel, sind daher ein wahrer Jungbrunnen. Sie verbessern nicht nur die Leberfunktion, sondern vitalisieren auch den ganzen Organismus.
Die wichtigste Arznei zur Stärkung der Leberfunktion ist das Jupitermetall Zinn (Stannum metallicum D12). Ein gutes Ergänzungsmittel ist “Hepatik” von Soluna. In “Metaheptachol” und Mertahepat von Metafackler ist Zinn bereits enthalten. “Metahepat” wird nur als Ampullenpräparat geliefert und sollte über der Leber gespritzt werden.

Zum Schluss bleibt noch das Element Erde mit seinem Hauptorgan, der Lunge. Chronische Erkrankungen der Lunge, die immer auch eine Störung des Erdelements bedeuten,  schwächen nachhaltig die Strukturkräfte des Körpers. Der Ätherleib hat dann keine Möglichkeit mehr, über das Stoffliche, den Körper mit Lebensenergie zu versorgen. Atemkraft ist also eine Vorbedingung für die Vitalität des Menschen. Dies ist eine Weisheit, die nicht nur Chinesen kennen. Das Chi im Menschen zu erhöhen, heißt das Leben zu verlängern.
Zu den Lebenselixieren und Kraftspendern gehören daher typische Lungenpflanzen wie Alant, Bibernelle, Efeu, Flechten oder Lungenkraut. Weitere wertvolle Arzneien sind vor allem mineralische Substanzen wie Arsen und Arsenverbindungen (Arsenicum album D12, Auripigmentum D12), Kieselsäure (Silicea D12) und besonders Antimon (z.B. Antimonium crudum
D12), eines der besten Lebenselixiere überhaupt. Paracelsus schrieb über das Metall der Erde, dass es die unheilvollen Eigenschaften des Saturns, der für alle chronischen und zehrenden Krankheiten steht, in die regenerativen Kräfte der Venus verwandeln kann.

Von der Vier zur Drei zur Zwei und zur Eins; aus dem ABC Büchlein der Rosenkreuzer, 18.Jh.

Von den vier Elementen zur Dreigliedrigkeit der Welt

Paracelsus sah die Ursache von Krankheit nicht nur in einer Disharmonie der vier Elemente, sondern vor allem in den drei Grundbausteinen des Lebens, Sal (Salz), Sulfur (Schwefel) und Mercurius (Quecksilber), die man auch als Tria Principia bezeichnet.
Während die Elemente für das Übersinnliche der Natur stehen, sind alle sichtbaren Manifestationen dieser Welt durch die drei Prinzipien entstanden: “Das Sichtbare und Greifbare ist der Körper der Welt, der da aus den drei Urstoffen besteht, dem Schwefel, Quecksilber und Salz. (…) Von diesen drei Dingen stammen alle Eigenschaften, die Art und das Wesen, die Natur und dergleichen. Sie zeigen jedem Arzt an, dass er die Wirkung dieser drei Dinge mit den sehenden Augen wahrnehmen soll, dann versteht er das Unsichtbare.” (Paracelsus).
Damit sich etwas sichtbar manifestieren kann, muss zuerst die Idee einer Form vorhanden sein – dies ist der Sulfur. Die Eigenschaft und spezifische Kraft dieser Idee ist der Mercurius. Die Verdichtung dieser Kräfte zu einer materiellen Form ist das Salz.
Die drei Prinzipien stehen in einer geheimen Beziehung zu den Elementen (siehe Grafik). Sulfur verbindet die aufsteigenden Zeichen Feuer und Luft miteinander. Er bildet somit die männliche, aktive und warme Säule. Als Gegenpol verbindet das Salz die zwei absteigenden Elemente Wasser und Erde. Es bildet somit die weibliche, passive und kalte Säule. Dazwischen steht der Mercurius. Er ist das neutrale Kind, das aus der Vereinigung von Männlich und Weiblich entsteht. Er verbindet die aufsteigenden mit den absteigenden Elementen. Weil er das Warme und das Kalte harmonisch gemischt enthält, nennt man ihn auch Hermaphrodit.

Alle sichtbaren Dinge sind diesen drei Prinzipien zugeordnet, somit auch der Mensch, seine Erkrankungen und seine Heilmittel. Den Wärmepol im Menschen, in der anthroposophischen Medizin auch “Stoffwechsel-Gliedmaßen-System” genannt, finden wir vor allem im Bauch. Wir finden ihn aber auch überall, wo Stoffwechselleistungen erbracht werden und Energie erzeugt wird.
Im Kopfbereich ist er allerdings geringer ausgeprägt als im Bauchbereich. Mit dem Wärmepol korrespondieren die Jugend des Menschen, das Unbewusste, akute Leiden und alle pathologischen Erscheinungen mit Wärme, beispielsweise Hysterie, Entzündungen und Schwellungen. Entgegengesetzt finden wir den Kältepol des Menschen vor allem im Kopfbereich und in den Sinnesorganen; er heisst daher in der anthroposophischen Medizin “Nerven-Sinnes-System”. Wir finden ihn auch überall, wo Energie verbraucht wird oder wo der Körper sich verhärtet, zum Beispiel in den Knochen. Mit ihm korrespondieren das Alter, das Bewusstsein, chronische Leiden und alle Krankheiten, die mit Kälte und Verhärtung einhergehen, beispielsweise Neurasthenie oder Sklerose.
Im Prinzip lassen sich also alle Krankheiten einer Wärme- oder einer Kältekonstitution zuordnen. In der Mitte zwischen den Polen finden wir das neutrale Prinzip des Mercurius mit seinen ausgleichenden Funktionen zwischen Kälte und Wärme; er heisst in der anthroposophischen Medizin “Rhythmisches System”.
Hauptsächlich finden wir dieses Prinzip in der Brust, also in Herz und Lunge. Diastole und Systole des Herzens sowie Einatmen und Ausatmen der Lunge sind die Rhythmen des Lebens. Aber auch die Darmperistaltik, das hormonelle System oder die Menstruation sind rhythmisch. Sie erzeugen im Körper Harmonie. Erlahmen diese Funktionen, kann dies zu lebensbedrohlichen Zuständen führen, beispielsweise Infarkt oder akutes Abdomen.

Grafik: Die Elemente und die Trinität

Die Pflanze in Analogie zum Menschen

Auch die Welt der Heilmittel zeigt sich dreigliedrig. Da das Heilmittel der Krankheit möglichst ähnlich sein soll, verwendet man Mittel des Salzes für kalte, Mittel des Sulfurs für warme und Mittel des Me

rcurius für rhythmische Erkrankungen. Am Beispiel der Pflanze zeigt sich die Dreigliedrigkeit besonders deutlich.

Den Kältepol finden wir in Pflanzen mit einer ausgeprägten Wurzelausbildung. Sie sind die besten Heilmittel für Leiden der Kopforgane, überschießende Bewusstseinsprozesse, Knochenerkrankungen, Altersleiden oder Verhärtungen im Körper. Beispiele wären Baldrianwurzel (Valeriana officinalis) bei Schlafstörungen, Queckenwurzel (Agropyron repens) bei
chronischen Entzündungen im Kopfbereich, Arnikawurzel (Arnica montana) bei Folgen von Kopftraumen, Beinwellwurzel (Symphytum officinale) bei Osteoporose, Gelbwurzel (Curcuma longa) bei Gallensteinen oder Ginsengwurzel (Panax ginseng) bei Altersleiden. Die Therapie mit Wurzeln ergänzen mineralische Arzneien. Als Methode sollte nach den Angaben von Rudolf Steiner unbedingt auch eine Therapie von Außen erfolgen, zum Beispiel Bäder, Einreibungen oder Gymnastik.

Entgegengesetzt finden wir den Wärmepol besonders in Pflanzen mit einer ausgeprägten Blüten- und Samenausbildung. Sie sind die idealen Heilmittel für entzündliche Leiden vor allem der Bauchorgane, Kinderkrankheiten oder Zustände mit mangelndem Bewußtsein. Beispiele wären Kamillenblüten (Matricaria chamomilla) bei Magen-Darmentzündungen, Ringelblumenblüten (Calendula officinalis) bei Wundentzündungen, Kümmelfrüchte (Carum carvi) bei Blähungen, Schlafmohn (Papaver somniferum ab D6) bei fieberhaften Infekten mit Schlafsucht oder Stiefmütterchen (Viola tricolor) bei Hautleiden der Kinder. Blütenpräparate regen Bewußtseinsprozesse an; Beispiele hierfür sind Bachblüten. Ergänzt wird die Blütentherapie durch weitere innere Therapiemaßnahmen, vor allem durch eine Diät. Die Phytotherapie als solche wirkt auf Wärmeprozesse günstig ein.

Bleibt noch das “Rhythmische System”, das wir besonders in Pflanzen mit einer ausgeprägten rhythmischen Blattanordnung und einer Betonung von Stengel und Blatt finden. Sie sind Heilmittel für Leiden von Herz und Kreislauf, Störungen im Atmungsprozeß oder für hormonelle Krankheiten und Menstruationsstörungen. Beispiele wären Herzgespann (Leonurus
cardiaca), Bilsenkraut (Hyoscyamus niger D4) und Maiglöckchenblätter (Convallaria majalis) bei Herzkrankheiten, Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) und Gänsefingerkraut (Pontentilla anserina) bei Störungen der Menses oder Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) und Efeu (Hedera helix) bei Lungenerkrankungen.
Ergänzt wird die Therapie vor allem durch animalische Arzneien (z.B. Naja, Blatta orientalis, Moschus). Nach den Angaben von Rudolf Steiner ist die Verabreichung der Arznei mittels Injektion die Methode der Wahl, um auf das “Rhythmische System” günstig einzuwirken. Dies erklärt auch, warum die Firmen Wala und Weleda fast von jedem Präparat Ampullen liefern. Diese sollte man ein- bis zweimal in der Woche spritzen. An den injektionsfreien Tagen erfolgt die übrige Therapie.

Literaturempfehlung