Nicht mehr erhältliche Heilpflanzen - nicht mehr bekannte Heilanzeigen:

Vergessene Heilpflanzen

Eine Auswahl aus der ziemlich langen Liste unserer Verluste

von Max Amann

mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Naturheilpraxis



Seit der Zeit des Paracelsus hat sich die Therapie mit chemisch hergestellten Stoffen stark entwickelt; zunächst mit einfachen Stoffen wie zum Beispiel Glaubersalz und seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit immer komplizierteren Stoffen, die oft ohne vergleichbare Substanzen in der belebten Natur sind. Diese zeigen nicht selten sehr gute Wirkung bei den Leiden, für die sie entwickelt wurden, und sind dann oft unentbehrlich.
Ivakraut
Moschusschafgarbe oder Ivakraut
Krankheiten behandelt man aber schon seit zehntausenden von Jahren, vielleicht länger, mit Arzneien, die man in der Natur vorfand. In dieser langen Zeit hat sich bei allen Völkern der Welt ein gewaltiger Erfahrungsschatz angesammelt, der teilweise auch schriftlich fixiert wurde. Die Naturheilkunde nützt diesen mit großem Erfolg, wie man bei Gesprächen mit naturheilkundlich Behandelten immer wieder feststellen kann.
Die Behandlung mit Naturprodukten steht nach wie vor vergleichbar neben der Behandlung mit synthetischen Stoffen, wobei in der Regel eine der beiden Behandlungsweisen die bessere ist, sehr oft sich aber schulmedizinische und naturheilkundliche Behandlung auch ausgezeichnet ergänzen. Infolge der gesellschaftlichen Entwicklung besteht bei den Entscheidungsträgern aber die Tendenz, die Naturheilkunde und damit auch die Phytotherapie als eine veraltete Form des Heilens einzustufen. Das führt auch in der Kräuterheilkunde zu ihrer Nichtbeachtung, Ablehnung und letztendlich Abschaffung. Tatsache ist, dass die Pharmaziefirmen laufend wertvolle Arzneien aus ihren Lieferprogrammen streichen müssen, weil die behördlichen Auflagen finanziell nicht mehr zu tragen sind.
Das Wissen der Kräuterbücher stammt aus antiken Quellen der Klostermedizin, hauptsächlich aber aus der Volksmedizin. Diese Quelle ist jedoch durch den schnellen Verlust des mündlich überlieferten Wissens am Versiegen, ohne dass das Volkswissen vollständig dokumentiert werden konnte.

Einige Beispiele aus den Alpen:
1. Hauptsächlich in den Westalpen findet sich die Edelraute (Artemisia umbelliformis, A. genepi, A. glacialis), Genepi. Nach jahrhundertelangem übermäßigen sammeln ist siein ihren Beständen stark bedroht. Die Pflanzen haben ein einzigartiges Aroma, die Heilanzeigen sind die gleichen wie für Wermut, doch wirkt die Edelraute erheblich stärker. Die Sennen schätzen die Pflanzen als Arzneimittel für das Vieh, besonders bei Verletzungen. Einnahme von Edelraute erleichtert Schwerarbeit in großer Höhe (alpiner Bergbau - Sauerstoffbilanz). Erhalten geblieben ist der Genepischnaps (die Pflanze kann angebaut werden.
2. In den Ostalpen wird das Ivakraut oder Jochhieferle (Achillea moschata) sehr geschätzt. Diese Pflanze wirkt wie Schafgarbe, doch stärker. Sie ist ebenfalls sehr aromatisch, Vieharznei des Sennen, ebenfalls für Schwerarbeit im Gebirge und als Ivalikör im Handel.
3. Aus der Volksmedizin des Berchtesgadener Gebiets: Verwendung von Silberwurz (Dryas octopetala - Rosaceae) bei Schlaganfall. Die Pflanze ist bei Tabernaemontanus als Berggamanderlein, Chamaedrys montana aufgeführt mit den Indikationen von Gamander wie Gicht, Verstopfung der Leber, Pestilentz, Wassersucht, Husten, Keichen. Schlaganfall (halber Schlag) ist hierbei nicht erwähnt.


Silberwurzsamen mit Blatt Silberwurzblüte
Oben: Silberwurzblüte




Links: Silberwurzsamen mit Blatt

Nach den Gesichtspunkten der Alchimie sind die sulfurischen Heilmittel die wichtigsten. Sie werden zur Anregung des Stoffwechsels in höherer Dosis unter dem Gesichtspunkt der Antipathie verschrieben; bei akuten, entzündlichen Prozessen nach dem Prinzip der Affinität sympathisch in kleiner Dosis. (Die Lehre des Heilens mit Ähnlichem stammt nicht von Hahnemann, sondern geht auf Paracelsus zurück.)
Viele der halb oder ganz vergessenen Pflanzenarzneien sind sulfurischer Natur. Stark sulfurisch sind alle bitterscharfen Doldenblütler, die würzig riechen und schmecken, und praktisch alle Arten der Gattung Gamander (Teucrium aus der Familie der Lippenblütler), besonders der Knoblauchgamander.
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Einige der in alten Büchern als Heilmittel beschriebenen Heilpflanzen

Doldenblütler (Apiaceen)

Alle Apiaceen haben mehr oder weniger die Signatur des Elements Luft: Blütendolde, teilweise hohler Stängel, fein zerteilte Blätter. Der eigenartige Geruch und Geschmack, die Signaturen des Sulfurs darstellen, sind bei Haarstrang und Berg-Haarstrang besonders ausgeprägt. Man sollte diese beiden Pflanzen, wen möglich, in der Homöopathie verwenden als Ergänzung zur Verschreibung von mineralischen Sulfurverbindungen wie Sulfur selbst, Acidum sulfuricum, Natrium sulfuricum und der Sulfide und Sulfate der Schwermetalle.

Die Gattung Haarstrang (Peucedanum)
Alle Arten dieser Gattung schmecken bitter-scharf und würzig-herb, Geruch und Geschmack der Pflanzen und von Zubereitungen daraus sind eigenartig und erinnern an organische Schwefelverbindungen. Die Alten sahen hierin eine Signatur des in den Pflanzen enthaltenen alchimistischen Sulfurs.

Berghaarstrang kurz vor dem Erblühen Berghaarstrangblüte
Berghaarstrang kurz vor dem Erblühen
Berghaarstrangblüte

Meisterwurz
Meisterwurz
Meisterwurz (Peucedanum osthrutium) ist noch wohl bekannt und mühelos zu erhalten; der homöopathische Name ist die alte Bezeichnung Imperatoria ostruthium, die Wurz aller Wurzen. Der Katalog der Heilanzeigen umfasst bei Tabernaemontanus vier Seiten. Bis etwa 1750 galt sie als Universalmittel, auch für Krebs. Danach verlor sie ihren Ruf völlig; die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.
Die Meisterwurz wurde verwendet gegen Pestilenz, bei Viehseuchen, gegen Gifte aller Art, z.B. durch verdorbene Fische, Biss tollwütiger Hunde; Schlaganfall, Epilepsie, Ischias; das sind kalte Gebrechen der Nerven. Meisterwurz ist gegen die pestilentzisch Luft und treibt alles pestilentzisch Gift gewaltig durch den Schweiß und Harn aus (Tabernaemontanus).
Die Pflanze scheint antivirale Eigenschaften zu haben. Im Theriak war sie unentbehrlich. Da Meisterwurz sehr heiß und trocken ist, wirkt er stark bei Phlegma, auf Verschleimung in den gesamten Atemwegen. Hier ist er wirksamer als die verwandten Engelwurz und Liebstöckel (Bock).
Echter Haarstrang (Peucedanum officinale), Bauern-Hirschwurz, Saufenchel, Schwefelwurzel. Die alte Pharmazie hat eine Reihe von Doldenblütlern verwendet, die meist auch aus dem Arzneischatz der homöopathischen Firmen verschwunden sind. Ein ganz besonderer Schatz darunter ist der echte Haarstrang, früher sehr geschätzt. Er ist noch erhältlich bei DHU ab D4 und Spagyra ab D3. Der ähnliche Berg-Haarstrang (Peucedanum oreoselinum) - Grundheil, Vielgut, schwarze Hirschwurz - ist derzeit noch bei DHU ab D4 erhältlich, bei Spagyra als Oreoselinum ab D3.
Nicht mehr im Handel sind der Berg-Sesel (Seseli libanotis), Hirschwurz, Heilwurz, Libanotis cretensis und der Hirschwurz (Peucedanum cervaria) ? Hirschheil, schwarzer Enzian, Vielgut, weiß Hirtzwurtz - und etwa ein Dutzend weiterer ähnlicher Doldenblütler.
Die großen Schwierigkeiten bei der Unterscheidung einzelner Umbelliferenarten machten auch den Altvorderen zu schaffen, wie aus der Namensgebung zu erkennen ist. Die Holzschnitte in den alten Kräuterbüchern lassen nicht immer exakte Artbestimmung zu, besonders auch, wenn versucht wurde, als Ergänzung zu dem sehr verbreiteten Kräuterbuch des Dioskurides Mittelmeerflora und einheimisch Kräuter zu einem geschlossenen System zusammenzufassen.
Zur Verwendung von Hirschwurz, Hirschheil, Hirtzwurz bei den verschiedenen Doldenblütlern: Nach der Legende such der angeschossene Hirsch diese Pflanzen als Futter, um sich von der Verletzung zu heilen. Hierin ist wohl uralte Mythologie von Pflanzen enthalten, die dem Hirschgott (Cernunnos, der Grüne Mann) heilig waren. Real ist diesen Kräutern eine intensive, den Stoffwechsel aktivierende Wirkung zu eigen,die den Heilungsprozess fördert.

Weitere Doldenblütler
Breitblättriges Laserkraut (Laserpitium latifolium) - Hirschwurzel, Weißer Enzian = Radix Gentianae albae = Radix Cervariae albae - war einst apothekenüblich als Tonikum, zur Ausleitung und als Krebsmittel.
Sehr geschätzt war auch der Bergkümmel (Laserpitium siler = Siler montanum), Berg-Laserkraut, dessen Anbau bereits im Capitulare de Villis angeordnet wird. Er wurde zum Erhitzen und Austrocknen nach Vorstellung der Galenischen Medizin verwendet; bei Unterfunktion innerer Organe wie Lunge, Leber, Genitalorgane durch zu starkes Phlegma, auch bei Problemen mit dem Vieh, besonders Unfruchtbarkeit.
Ein Liebling der alten Medizin war die Bibernelle (Pimpinella major = Pimpinella alba Urtinktur), Theriakwurzel.
Alle deutschen Stämme kennen Verse, die auf die Schutzwirkung dieser Pflanze bei Seuchen hinweisen. Beispiel: "Eßt Kranewitt und Bibernell, so sterbet ihr nicht gar so schnell." Ausführliche Heilanzeigen stehen bei Tabernaemontanus; darunter pestilenzisch Contagion, pestilenzisch Geblüt und Quecksilbervergiftung, allgemein Pestilentz, Tertiana und Quartana (Malaria, damals noch in ganz Europa vorkommend), die Franzosen (Syphilis), Problemwunden, Fisteln, Krebs und viele weitere.
Die Bibernelle ist ein Beispiel für Geriatrie im Sinne Galens: Der Mensch ist in der Jugend im sanguinischen warmen und feuchten Luftzustand, der über den heißen, trockenen cholerischen Status oder den phlegmatischen, verschleimten Wasserzustand in den melancholischen, kalten und trockenen Zustand des Alters übergeht. Mit Gewächsen von luftiger Signatur wie den Doldenblütlern, besonders wenn sie warm und würzig schmecken wie Bibernelle, lässt sich dieser Prozess teilweise verlangsamen. Zum Glück sind noch im Handel: Radix Pimpinellae, Tinctura Pimpinellae und Pimpinella alba Urtinktur. Grund ist wohl die aphrodisierende Wirkung der Wurzel.
Liebstöckel (Levisticum officinale), Badkraut, ist allgemein wohl bekannt und in jeder Form leicht erhältlich. Die alten Kräuterbücher nennen viele Anwendungsmöglichkeiten, darunter außer den uns wohl bekannten auch als Lungenmittel bei starker Verschleimung mit zähem Schleim, bei stumpfen Traumen mit innerer Blutung, Ikterus, als Schmerzmittel, wider die Pestilentz und faulen vergifften Luft und die Bergknappen brauchen diese Wurzel für das böß Wetter und die gifftigen metallischen Schwaden und Dämpff/ wann sie in die Berwerck fahren/ so trincken sie ein halb Löfflein voll dieser Wurtzel und Wein (Tabernaemontanus). Bock verwendet ihn als Halsmittel gegen die Melancholey.

Laserkraut kurz vor dem Erblühen Laserkrautblüte
Oben: Laserkrautblüte




Links: Laserkraut kurz vor dem Erblühen
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Lippenblütler (Lamiaceae)

Edelgamander
Edelgamander
Die Gattung Gamander (Teucrium, teilweise vergessen)
Echter Gamander (Teucrium chamaedrys), im Handel zunehmend schwieriger zu erhalten, ist derzeit als Kraut und Chamaedrys ab D6 lieferbar.
Die nicht allzu häufige Pflanze wurde in vergangenen Jahrhunderten außerordentlich geschätzt als Heilmittel für Asthma, Leber, Niere, Milzschwellung, Malaria (Tertiana und Quartana), als Preservativ gegen die Pestilentz. Die Pflanze hat also eine immunstimulierende Wirkung. Die Angabe für blöd Gesicht bedeutet Verbesserung des Visus. Der Gamander ist das edelste Bittermittel der mitteleuropäischen Flora und deshalb in hochwertigen Bitterlikören enthalten. Ich verwende ihn bei Behandlung chronischer Leberleiden als Ergänzung zur homöopathischen Behandlung mit Lycopodium und Stannum.
Berg-Gamander (Teucrium montanum) - nicht mehr im Handel - heißt auch Berg-Rosmarin und wurde wie dieser verwendet; sowohl in der Küche als auch in der Therapie. In der Geriatrie ist die Wirkung durchaus mit der von Rosmarin vergleichbar.
Katzen-Gamander (Teucrium marum verum) ist als Heilmittel besonders in homöopathischer Zubereitung erhalten geblieben.
Bergggamander
Berggamander
Salbeiblättriger Gamander, Waldsalbei (Teucrium scorodonia) ist noch gut bekannt und als Kraut sowie in homöopathischer Zubereitung im Handel. Im Gegensatz zum echten Gamander hat er in den Arzneischatz der anthroposophischen Firmen Eingang gefunden. Ursache ist der hohe Wert der Pflanze in der Kinderheilkunde. Vergessen ist, dass mit der Waldsalbei jede Tuberkulose außer einer Miliartuberkulose heilbar ist ? in alter Zeit die Thüringer Geheimkur gegen Tuberkulose. Dies hat uns zu interessieren, weil seit dem Auftreten von Aids sich Tuberkulosestämme finden, die gegen alle üblichen Heilmittel einschließlich Rifampicin resistent sind. Die Waldsalbei ist ein wirksames Mittel bei tuberkulinischer Diathese, Psora, Neurodermitis und Ekzemen. Im alten Österreich, besonders in Wien, war auch in Kreisen des Hochadels der Tod durch Tuberkulose ausgesprochen häufig. Die Ärzte einschließlich der Leibärzte der "Großen" waren, nicht bewandert in der Volksmedizin, diesem Leiden gegenüber so gut wie hilflos.
Knoblauchgamander, Lachenknoblauch (Teucrium scordium) ist erst seit einigen Jahren aus den Kräuterlisten und fast allen Homöopathielisten verschwunden. Die Fa. Spagyra liefert noch ab D1, die DHU ab D2 als Scordium.
H. Bock schreibt vom Lachenknoblauch folgendes: Reiniget alle innerlichen Glider (die inneren Organe); ein gut Preservativ für die Pestilentz (Immunstimulator, gegen die Ansteckung); bewegt allen Unrate so sich im Leib von kalter Verstopffung gesamlet hat (also Reaktions- und Ausleitungsmittel sulfurischer Natur).
Bei Tabernaemontanus findet sich ein Rezept zur Prophylaxe bei Seuchen (Sterbensläuff, Sterbenszeit) aus etwa zwanzig Bestandteilen, darunter Diptam, Wiesenknöterich, Tormentill, Baldrian, Kalmus, Bibernelle, Benediktenkraut, Galgant, Zimt.
Der Lachenknoblauch war ein unentbehrlicher Bestandteil des Theriak.

Weitere Lippenblütler
Kleine Braunelle
Kleine Braunelle
Braunelle (Prunella vulgaris), Gottheil, St. Antonikraut, ein altes Universalmittel, besonders auch für Halsbeschwerden aller Art. Die völlig ungiftige Pflanze wirkt stark antibiotisch.
Bei Tabernaemontanus findet sich ein Rezept zur Behandlung der Bräune (Diphterie, daher der Name der Pflanze), wobei bei den Behandelten anscheinend keine Todesfälle auftraten. Noch in meiner Kindheit starb ein Fünftel der an Diphterie Erkrankten, weil noch keine Antibiotika zur Verfügung standen.
Für Wohlunterrichtete verloren in alter Zeit verschiedene schwere Krankheiten, auch Seuchen ihre Schrecken. Wir sollten uns das alte Wissen zu eigen machen; es wäre eine erfreuliche Ergänzung unserer modernen medizinischen Hilfsmittel.
Die Braunelle wurde auch verwendet bei Fieber aller Art, Lymphdrüsenschwellung, Leber-Gallen-Erkrankungen; sie galt als das beste Mittel gegen Ikterus; auch die Aphasie nach Schlaganfall wurde mit ihr behandelt.
Die Braunelle kommt auf der ganzen Nordhalbkugel vor und ist als XiaKuCao ein Arzneimittel der TCM. Diese verwendet sie bei Tuberkulose und Krebs. Die Pflanze zeigt auch eine gute Wirkung bei Aids. In Ostasienläden erhält man Kraut sehr billig, weil die chinesische Küche es als übliche Zutat in Suppen verwendet. In den Lieferlisten von DHU und Spagyra ist Prunella vulgaris noch aufgeführt.
Betonie (Betonica officinalis = Stachys betonica), Bathengel, Heilziest , nützlich beinahe zu allen presten inwendig des Leibs und auch außerhalb (Bock), also ein altes Universalmittel. Es gibt eine Monographie vom Anfang des 18. Jahrhunderts mit dem Titel Betonica, das ist ein Polychrest (Vielnützer), ein von Hahnemann übernommener Begriff. Die Betonie wurde verwendet für Magen, Leber, Niere, Lunge, Milz, gynäkologische Leiden, allgemein bei unklaren Schmerzen, Asthma, zur Ausleitung durch Harn und Stuhl und bei Verschlechterung des Visus. Auch diese Pflanze könnte demnächst aus dem Arzneischatz verschwinden.
Gundermann (Glechoma hederacea), Gundelrebe: Alle alten Kräuterbücher sind voll des Lobs für die Kraft dieser Pflanze. Sie ist im Handel problemlos zu erhalten.
Sie wird außer zur Anawendung bei Leber, Lunge, Frauenleiden usw. auch als ausleitendes Mittel beschrieben für Personen, die beruflich mit Blei zu tun haben. Unter den Lungenleiden zeigt Gundermann Wirkung bei Tuberkulose, Eiterungen in der Lunge (der Name Gundermann bedeutet ?Herr des Eiters?), Bronchiektasie und sogar bei Emphysem. Die Pflanze wurde auch zur Prophylaxe bei Seuchenzügen verwendet und ist lokal eines der besten Mittel bei Halsleiden und eiternden Wunden, hat also starke antibiotische Wirkung.
(Ausführliche historische Angaben zu Braunelle, Betonie und Gundermann im PhytoMagister von P. Kaufhold.)

Betonie Gundermann und Günsel
Betonie
Gundermann und Günsel
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Nutzung der Heilanzeigen

Um sich in alte Kräuterbücher einzulesen, ist viel Geduld vonnöten. Hat man die Hürden der Beschaffungsprobleme (die Seltenheit auch von Nachdrucken, der Preis), der Frakturschrift und des Umgangs mit einer altdeutschen Sprache überwunden, kommen die Schwierigkeiten der Identifizierung der abgebildeten Pflanzen, der Namenszuordnung (Beispiele: Wie viele Pflanzen heißen Hirschheil, wie viele Heil aller Schäden? Sind Benediktenkraut und Benediktenwurzel identisch?) und, als schwierigste, die Krankheitsbezeichnungen. Diese richten sich nach der Volkssprache oder nach den galenischen Vorstellungen von den Krankheitsursachen. Das Keichen ist Asthma. Eine verstopfte Leber ist noch zu verstehen, ebenso ein halber Schlag. Aber was ist das Gegicht, was ein fallender Siechtag, was der Tropfen? Einzige Hilfe ist das Buch von Max Höfler. Es ist teuer, nicht einfach darin nachzuschlagen und wird bald vergriffen sein. Das Herumlesen in den alten Büchern übt auf den Geduldigen aber eine zunehmende Faszination aus und wird mit schönen Heilerfolgen belohnt.

Immunologie

Begriffe wie Immunschwäche, Allergie, Immunmodulation, Autoimmunkrankheiten, auch Abwehrsteigerung oder Krebs (Neubildung) sind neueren Datums. Krebs in alten Büchern steht für jede um sich fressende Krankheit, also auch für eine vernachlässigte Wunde oder Nekrose. Man hat in alter Zeit, besonders bei Auftreten von Seuchen (vielerlei Krankheiten, alles als Pest bezeichnet), sehr konsequent Immunstimulation als Prophylaxe und Therapie betrieben, kannte außer innerlicher Behandlung auch schon Desinfektion durch Räuchern. Im Stichwortverzeichnis der Kräuterbücher finden sich folgende Begriffe zu Leiden, an denen der Immunapparat beteiligt ist: Pestilentz (im Zeitalter der Seuchen wichtigster Begriff) auch mit dem Unterbegriff Preservativ oder Bewahrung; innerliche hitzige Fieber, nachlassende und wiederkommende Fieber, von letzterem dreitägige und viertägige (beide Malariaarten kamen noch überall in Europa vor); kalte Fieber, pestilentzische Beulen, Blattern, Geschwär, pestilentzische Fieber, strenge Pestilentz; schnelle Fieber; Sterbensläufft; böse Lufft; giftige Lufft, pestilentzische Lufft; Miltz, Miltzgeschwulst, Milzsucht und weitere.

Pestilen(t)z
Als Heilmittel werden mindestens 40 Pflanzen angegeben; es ist auch vermerkt, welche durch Schutzwirkung Prophylaxe geeignet sind und wie diese durchgeführt wird. Jedes Kräuterbuch enthält auch eine Reihe von Mischrezepten aus 10 bis 20 Pflanzen, die jeweils in den Monographien der wichtigsten Pflanzen gegen die Pestilentz oder deren Auftreten gegen die Pestilentz oder deren Auftreten durch böse Luft zu finden sind.
Blutwurz
Blutwurz bzw. Tormentille
Eine Auswahl immunologisch wirkender Pflanzen aus den Kräuterbüchern von Carrichter, Bock, Lonicerus und Tabernaemontanus: Andorn, Baldrian (innerlich und aromatherapeutisch zur Prophylaxe bei Seuchenzügen), Bibernelle (in allen Mischrezepten gegen Pestilentz), Beifuß, Boretsch, Diptam (in vielen Rezepten), Eberraute, Ehrenpreis (gegen böse Lufft, giftige und schnelle Fieber), Eisenkraut (Tertiana und Quartana), Einbeere, Gelber Enzian (in allen Rezepten), Kreuzblättriger Enzian (G. Cruciata, sehr geschätzt zu Prophylaxe und Therapie bei Seuchen), Engelwurz (Angelica silvestris, A. archangelika; standen in höchstem Ansehen als Prophylaktika, zur Behandlung der Pest, bei strenger Pestilentz, für schnelle Fieber, treibt die pestilentzische Vergiftung aus, unentbehrlich bei Mischrezepten; - Rezept des Lonicerus ist Angelica/ Getiana/ Dictamnus/ Absinthium/ Valeriana/ Tormentilla/ Imperatoria/ Bolus/ Theriak für an Pestilentz Erkrankte), Erdrauch, Gamander, Gauchheil, Gundermann, Johanniskraut (Tertiana, Quartana), Königskerze, Kardobenediktenkraut (gegen allerhand Schwachheiten, verhindert Ansteckung), Mariendistel, Mauerpfeffer, Meisterwurz (die Wurz aller Wurzen stand in höchstem Ansehen, in allen Mischrezepten, gegen faule Fieber, gegen die schwarzen Blattern = Pest); Odermennig, Raute, Rose; Safran, Schafgarbe (behüt vor aller Krankheit), Schöllkraut (in vielen Mischrezepten, tötet alles pestilentzisch Gifft), Schwalbenwurz, Seerose, Teichrose, Tormentill (Tabernaemontanus: Es ist diese Wurzel durch langwierigen Gebrauch dermaßen wider die Pestilentz bewahrt worden/ daß man heutigen Tages schier kein Recept findet/ die pestilentzische Vergiftung zu verhüten oder den Menschen zu bewahren/ oder aber das pestilentzische Gifft auszutreiben/ es muß die Wurtzel des Tormentills darbey seyn), Waid, Wacholder (etherisches Öl aus Beeren oder Holz, seit dem 16. Jhdt. im Handel, bei Sterbensläufft räuchern), Großer Wegerich, Wermut (gegen innerliche heimliche Fieber), Wetterdistel (gegen die Pest), Witwenblume (auch lokal auf Pestbeulen), Zaunrübe, Zitwer. Eine immunologische Untersuchung der genannten Pflanzen wäre mühsam und kostspielig, würde aber sicher interessante Ergebnisse liefern. Die Suche nach Antibiotika aus Pilzen und Mikroben aber war und ist auch sehr kostspielig. In oben stehender fallen die vielen Pflanzen auf, deren Wirkstoffe Iridoidglykoside sind.

Feigwarzen
Die alte Medizin kennt eine große Anzahl von Pflanzen zur Behandlung von Feigwarzen (Feigblattern am Hindern). Es wäre wichtig, ihre Wirkung bei Krankheiten, die durch Problemviren verursacht werden, zu prüfen. Auffällig ist, dass ein Teil dieser Pflanzen auch eine gute Wirkung bei Herpes simplex und Herpes zoster zeigen. Das Feigwarzenvirus ist wie das Zostervirus nachweislich karzinogen. Auch viele der Feigwarzenmittel enthalten als Wirkstoffe Iridoidglykoside (s.o.).
Die Mittel sind hauptsächlich für äußerlichen, aber auch innerlichen Gebrauch gedacht. Verwendet werden Mischrezepte. Angegeben werden etwa vierzig Pflanzen, hiervon eine Auswahl: Baldrian, Beifuß, Braunwurz, Dill, Eisenkraut, Hauhechel (treibet die verborgenen Feigwarzen heraus und heylet sie; Tabernaemontanus), Königskerze, Karde, Raute, Rosmarin, Schafgarbe, Scharbockskraut, Storchschnabel (hat gute Wirkung auch gegen Herpesviren), Tormentill, Großer Wegerich, Zwiebel. Die Übereinstimmung mit der Liste der Mittel gegen die Pestilentz ist beeindruckend.
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Neurologie

Die alte Literatur enthält ebenso reichlich Angaben zur Behandlung neurologischer Leiden. Diese müssen häufig gewesen sein und der Bedarf an Heilmitteln entsprechend. Im folgenden soll eine Auswahl der zur Behandlung des Schlaganfalls angegebenen Kräuter aufgelistet werden und eine Liste der Mittel zur Förderung der geistigen Fähigkeiten.

Schlaganfall
Zum Schlaganfall finden sich in den Stichwortverzeichnissen u.a. folgende Begriffe - Schlag (umfangreichste Liste), Ganzer und halber Schlag, kleiner Schlag (einseitige Gesichtslähmung), Schlagfluß, Paralysis, Tropffen (nach der galenischen Vorstellung erzeugt ein Tropfen im Gehirn den Schlaganfall), Hand Gottes, Sprach verloren - mit den Heilmitteln Anis, Bohnenkraut, Eberraute (zur Prophylaxe), Eiternessel, Engelwurz (zur Prophylaxe und Therapie; Tabernaemontanus), Destillat von Johanniskraut, Destillat von Maiglöckchen, Lavendel und Spiklavendel (diese Blumen haben sonderlich große Tugend an ihnen), Nelkenwurz (ebenfalls bei Lähmung ? Lieblingsmittel Hildegard und des Paracelsus), Pfingstrosenwasser, Quendel, Raute (ist sehr berühmt fürn Schlag; Lonicerus), Schlüsselblume (Aphasie), Wermut, Ysop. Die Lippenblütler mit Gehalt an etherischen Ölen sind also reichlich vertreten.

Anregung der geistigen Fähigkeiten
Ehrenpreis
Ehrenpreis
Die Register der Kräuterbücher enthalten folgende Stichwörter: Hirn reinigen, Haupt und Hirn stercken, Haupt und Hirn stercken außerhalb des Leibs (äußerliche Mittel und Aromatherapie), Gedechtnuß stercken, Sprachlose (alle Bock); Hirn befeuchten, erkältet Hirn, Hirnerquicken, blöd Hirn, böse Feuchte des Hirns, kalt blöd Hirn, kalt blöd schwindlicht Hirn, Hirn und Nerven stärcken (Auswahl der Stichworte im Tabernaemontanus). - Man hat den Eindruck, dass sich unsere Vorgänger mit genauso vielen Krankheitsfällen mit Beteiligung des Hirns zu beschäftigen hatten wie wir heutzutage. - Ausgewertet sind nur die Stichwörter, die Anregung der geistigen Fähigkeiten angeben. Weitere, im Folgenden nicht berücksichtigte sind Haupt und Nervenschmerzen, Fantasey, Melancholey und dgl. (alle Tabernaemontanus).
Hier nun eine Liste von Mitteln, die auf den Geist anregend wirken, also Kräutlein wider das blöde Haupt und um das Gedächtnuß zu stärcken. Der Bezug zu Vorgängen im Zentralnervensystem bei fast allen genannten Pflanzen ist auch in unseren zeitgenössischen Lehrbüchern der Phytotherapie dargestellt, aber nicht in so eindeutiger Form zum vorliegenden Therapieziel. Betonie (Hirn stärcken, Gesicht schärfen), Dost, Ehrenpreis (ist sonderlich gut die Gedächtnuß/ Haupt und Hirn zu stärcken; Lonicerus), Galbanum, Gewürznelke (stärkt Sinn, Gedächtnis und Hirn auch durch den Geruch; Tabernaemontanus), Haselwurz (in Laugen gesotten, stärckt das Hirn und Gedächtnuß), Kamille, Kalmus (Sinn und Verstand schärpffen; Tabernaemontanus), Kardobenediktenkraut, Kubeben (gegen allerhand kalte Hirnmängle), Lavendel und Spiklavendel (um Vernunft und Gedächtnuß zu schärpffen; Tabernaemontanus), Maiglöckchenwasser (ungiftiges Destillat, loben alle Kräuterbücher), Majoran oder Majoranwasser (erweckt die schlaffende Lethagicos, erfrewet und stercket das Hirn und Gedechtnuß wunderbarlich; Bock), Melisse (Weindestillat des Krauts, macht dem Menschen schnelle Sinn/ und einen scharffen Verstand und Gute Gedächtnuß; Lonicerus), Minze (Geruch kreftigt das Hirn und sterckt das Gedächtnuß; Bock. Also Aromatherapie), Quendel (der Geruch sterckt das Hirn; Bock. Also Aromatherapie), Rose (besonders Rosenwasser, Rosenessig und Rosenzucker külen und stercken das Hertz und Hirn; Bock), Rosmarin (besonders die Zuckerzubereitung scherpfft das Gesicht; Bock. Um das Hirn zu stärken, für kalte Krankheit; Tabernaemontanus), Zimt (ist einer subtilen Substanz, erwärmet, eröffnet, macht dünn und stärcket alle innerlichen Glieder, stärckt Hertz und Haubt, für alte schwache Leute; Tabernaemontanus).
Im Gegensatz zu den vielen auf uns überkommenen Mischrezepten gegen die Pestilenz finden sich in den alten Büchern keine zusammengesetzten für das blöd Hirn oder Verlust des Gedechtnuß.

Epilog
"Unsere Doctores brauchen das Kraut auch/ wiewol sie nichts in der Schrift darvon wissen/ lehrnen täglich von den Empirischen Weibern/ die der Circes Künst können". - Bock, S. 76 unter "Ehrenbreiß" (Ehrenpreis).
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Literatur

  • Hieronymus Bock: Kreuterbuch, Straßburg 1577; Kölbl Reprint 1964
  • Bartholomäus Carrichter: Horn deß Heils menschlicher Blödigkeit oder Kreutterbuch, Straßburg 1606; Kölbl Reprint 1981
  • Adamus Lonicerus: Kreuterbuch, Ulm 1679; Kölbl Repring 1962
  • Jacobus Tabernaemontanus: Neu vollkommen Kräuterbuch, Erstauflage 1588
  • Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch 1899; Nachdruck bei Olms 1979
  • Ingo Wilhelm Müller: Humoralmedizin, Heidelberg 1993
  • Friedemann Garvelmann: Pflanzenheilkunde in der Humoralpathologie, München 2000
  • Max Amann: Dem Geist auf die Sprünge helfen, München 2000
  • O. Rippe et al.: Paracelsusmedizin, Aarau 2001
  • Peter Kaufhold: Phytomagister, München 2002
Wichtiger Hinweis für den Leser:
Trotz sorgfältiger Überprüfung sind die in den Artikeln aufgeführten Hinweise, Rezepte, Dosierungsangaben und Applikationsformen ohne Gewähr; Die Autoren übernehmen daher keine Garantie, bzw. Haftung. Jeder Benutzer ist angehalten, durch Prüfung der Beipackzettel verwendeter Handelspräparate und gegebenenfalls nach Rücksprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker festzustellen, ob die Empfehlungen für Dosierungen oder die angeführten Kontraindikationen gegenüber den Angaben in den Artikeln abweichen. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr und muss in jedem Fall individuell abgewägt werden. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) sind nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Sämtliche vorgeschlagenen Therapiehinweise und Rezepte haben ausschließlich einen modellhaften Charakter. Die Artikel sind im Inhalt nicht zeitlich angeglichen, sondern im Original des Erscheinungsdatums dargestellt. Das der Arzneimarkt starken Umwälzungen ausgesetzt ist, kann es sein, dass genannte Präparate nicht mehr im Handel sind oder eine andere Bezeichnung erhalten haben - bitte fragen Sie diesbezüglich bei Ihrem Apotheker nach. Sollten Sie weder Heilpraktiker, Arzt oder Apotheker sein, bedenken Sie bitte bei einer Selbstmedikation, dass hierfür ausreichende Kenntnisse der Heilkunst erforderlich sind.
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