Die Mistel als Signatur der Landschaft

von Olaf Rippe

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Die Mistel als Signatur der Landschaft von Olaf Rippe

Von |2018-07-15T15:28:01+00:002. April. 2018|Kategorien: Fachartikel, Geomantie, Pflanzenportrait|Schlüsselworte: , , , , |

„No mistletoe, no luck“ walisisches Sprichwort (Ohne Misteln kein Glück)

Die Mistel gehört ohne Zweifel zu den ungewöhnlichsten Gewächsen unserer Flora. Es heißt, dass nur dort, wo Nachtmahre und Hexen Rast machen, Misteln wachsen können. Häufig wirken Orte, an denen Misteln gehäuft auftreten, unheimlich und beklemmend. Die Bäume wachsen knorrig und verdreht, Efeu rankt an ihnen empor und nicht selten kommt es an solchen Orten zu ungewöhnlichen Phänomenen, die dem einen Furcht einjagen, dem anderen aber Visionen einer magischen Welt eröffnen, denn die Mistel wächst an den Toren zur Anderswelt.

Axis mundi – die Mistel und ihr Wirtsbaum

Die Mistel ist untrennbar mit dem Baumwesen verbunden. Die Mistel kann nicht in der Erde wurzeln, sondern benötigt den Baum als Wirt, der sie trägt und ernährt. Dies ist ein wichtiger Aspekt, denn die nordischen Völker sahen in der Natur das Göttliche selbst, das sich dem Menschen vor allem in Baumgestalt zeigt. Sie sahen im Baum die Weltenachse, axis mundi, durch die alle Welten, die der Götter, Geister, Toten und Lebenden, miteinander verbunden sind. Die Esche galt als Weltenbaum schlechthin. In der Linde offenbarte sich die Liebesgöttin Freya, in der Ulme der allessehende Allvater Wotan oder in der Eiche der kraftvolle Donnergott Thor und der hellsehende Baldur. Und sogar die Menschen waren zunächst Bäume, bevor die Götter ihnen Verstand einhauchten. Da wundert es nicht, dass etwas, das nur auf einem Baum gedeihen kann, als zauberkräftig erkannt wurde.

Neben der Eiche verehrte man in alter Zeit besonders die glücksbringende Hasel. Unter ihr soll der Haselwurm hausen, der die goldenen Schätze der Erde bewacht und wenn dann auch noch eine Mistel dort gedeiht, was extrem selten der Fall ist, dann galt dies als sicherer Hinweis für Schatzsucher und entsprechend wurde die Mistel von Rutengängern genutzt – sie zeigt ja auch die typische Y-Form einer Wünschelrute. Die Mistel war vielleicht sogar die goldene Rute im Nibelungenlied. In Schweden soll es Brauch gewesen sein, die Mistel als Wünschelrute in der Johannisnacht zu sammeln (Frazer, 1989).

Ebenfalls sehr geschätzt wurde die seltene Weißdornmistel. Im Weißdorn leben nicht nur wohlwollende Naturwesen. Seine heilsamen Kräfte verdankt der wehrhafte kleine Baum, der sehr alt werden kann, der Zauberkraft Merlins, dessen Geist in den Weißdorn hinein verwunschen wurde. Und wer kennt nicht den Brauch, Misteln zur Weihnachtszeit über die Haustür zu hängen.

Heute weiß man, dass die Betonung der Sonnenwenden und des Wirtsbaums keineswegs Aberglauben ist, denn je nachdem, zu welcher Jahreszeit und von welchem Wirtsbaum man Misteln verwendet, zeigen sich große Unterschiede in der Wirkstoffzusammensetzung.

 

Apfelmistel, aufgenommen im Garten der Weleda. Diese Laubbaummistel wird vor allem für Karzinome von Frauen und speziell bei Mamma-CA verwendet, Foto Olaf Rippe

 

Die geheime Sprache der Mistel

Während heute vor allem die Wirkstoffanalyse von Bedeutung ist, kannte man in alter Zeit ganz andere Wege der Heilmittelerkenntnis, vor allem die Signaturenlehre, also die Ableitung einer Wirkung durch besondere Merkmale der Pflanze. Unsere Vorfahren hatten eine andere Sensitivität für Naturvorgänge. Sie waren überzeugt davon, dass in der Natur übersinnliche Kräfte wirken. Es herrschte eine Bewusstheit über das Phänomen der natürlichen Resonanz. Jedes Naturphänomen steht demnach mit einem anderen in Wechselwirkung – nichts geschieht zufällig, alles folgt einem unergründlichen Geist.

Misteln wachsen sehr langsam und folgen dabei zahlensymmetrischen Gesetzmäßigkeiten. Ihre Wuchsform ist in der Regel dichotomisch in Y-Form. „Der regelmäßige, zweiteilige Wuchs der Pflanze, der dazu führt, dass die Mistelzweige sich in auffallender Weise kreuzen, war nach christlichem Glauben etwas besonders heiliges“ (Seligmann, 1996). In der Signaturenlehre gilt dies als Hinweis auf eine „schutzmagische“ Wirkung; Kreuze wirken wie eine Art Sperrgitter durch das negative Energien nicht hindurch können, daher wurde die Mistel gerne als Amulett getragen oder zum Schutz aufgehängt. Interessant ist dabei die ausgleichende Wirkung der Mistel bei Feldphänomenen, z.B. zum „Entstören“ von Schlafplätzen, wenn man Misteln über das Bett hängt oder unter das Bett legt – eine ähnliche Wirkung kann man mit potenzierter Mistel erhalten (am besten D6), wenn man 4 Flaschen in + – Ausrichtung unter das Bett legt, am besten im Uhrzeigersinn.

Die „absurde“ Formbildung entgegen natürlichen Gesetzmäßigkeiten wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass Misteln in der dunklen Jahreszeit blühen und fruchten und als immergrüne Pflanzen den Todeskräften des Winters trotzen.

Die spezifische Wirkung der Mistel entsteht nicht nur durch den Wirtsbaum, sondern vor allem durch den Genius loci des Wachstumsortes selbst. Natursichtige spüren diese andere Art der Energie und sprechen von Übergängen zwischen den Welten – in der Radiästhesie sind dies Reizstreifen (gerne Kreuzungen), Wasseradern  und Verwerfungen. Doch es muss noch andere Gründe geben, denn viele Regionen sind völlig mistelfrei, ja sogar ganze Länder kennen kaum Misteln (z.B. Irland), während es in anderen Regionen scheinbar keinen Baum ohne Befall gibt und dies bei ähnlicher geomantischer Struktur.

Der anthroposophische Naturforscher Werner-Christian Simonis schrieb hierzu: „Eine Mistel entwickelt sich immer nur, wenn derartige Untergrundfaktoren vorliegen und auf den Mistelträger wirken. (…) Im Hintergrunde all dieser Vorgänge liegen Störungen in der Entwicklung des Klangäthers unter gleichzeitiger Wirkung elektromagnetischer Besonderheiten der Erde …“ (Simonis, 1974).

Der Klangäther, der dem geistartigen Charakter des Elements Wasser entspricht, steht in Resonanz zum elektromagnetischen Feld der Erde und umgekehrt. Störungen werden z.B. durch Verwerfungen in der Gesteinsstruktur oder Wasseradern hervorgerufen. Hierbei entsteht ein morphogenetisches Feld, dass die Mistelbildung begünstigt.

Nach den Gesetzmäßigkeiten der Sympathielehre sind jedoch Pflanzen wie die Mistel, die sich auf solchen Zonen nicht nur wohl fühlen, sondern sogar besonders gut gedeihen, mögliche Heilmittel für den Menschen, die unter „geopathisch“ verursachten Krankheiten leiden.

Rudolf Steiner wies darauf hin, dass ein Auftreten der Mistel die Entartungstendenzen in den Bildekräften des Baumes, die durch geomantische Störungen verursacht werden, gewissermaßen kompensiert. Durch den geopathologischen Standort, vor allem auf Wasseradern, kommt es zu einem Überschuss an Ätherkräften im Baumwesen, die mit dem Element Wasser in Beziehung stehen. Die Mistel nimmt nun diese übermäßig vorhandenen Kräfte in sich auf – wenn man so will, bilden die überschüssigen Ätherkräfte den Humus auf dem die Mistel wachsen kann. Hierdurch kommt es aber indirekt zu einer besseren Strukturierung in den Wachstumskräften des Wirtsbaumes. Analog geschieht diese kompensierende Heilwirkung auch während einer Misteltherapie bei Tumorprozessen im Menschen (Steiner, 1924 / 2004).

Die Mistel wäre demnach kein Schädling, sondern ein energetisch ausgleichendes Element in der Natur, das in bestimmten Ländern so scheinbar nicht nötig ist (In Irland gibt es scheinbar keine Misteln. Dort gibt es noch weitgehend unverbaute heilige Orte, an denen das Göttliche sich dem Menschen weitgehend ungehindert mitteilen kann, dafür ist dort der Efeubewuchs von Bäumen auffallend, der eine Achse zwischen den Welten darstellt).

 

Baumtumor an der Wachstumsstelle einer Lindenmistel, Foto Olaf Rippe

 

Die Mistel, ein Heilmittel für die Krankheiten unserer Zeit

Die wichtigste Indikation der Mistel ist heute sicher die antitumoröse und immunmodulierende Wirkung beim Karzinomgeschehen. Die Anregungen hierfür gehen auf Rudolf Steiner zurück, der die Wirkung allein durch die Betrachtung der Signaturen der Mistel erkannte.

Wie eingangs festgestellt, ist das Auftreten der Mistel einerseits eine Signatur für die Pathologie des Wachstumsortes, andererseits wirkt sie kompensierend auf die pathologischen Wachstumskräfte des Wirtsbaumes. Ohne Auftreten der Mistel, würden die geopathischen Einflüsse wie Wasseradern oder Erdverwerfungen, die auf den Wirtsbaum einwirken, in vielen Fällen zu tumorartigen Auswüchsen führen. Betrachtet man die Morphologie solcher Baumtumore, dann ist diese immer kugelförmig mit gleichzeitig auftretenden Deformationen. Man hat den Eindruck, als ob an dieser Stelle ein völlig neues und vom Baum abgetrenntes Wesen zur Geburt drängt. Es zeigen sich Baumgesichter, die an Fabelwesen erinnern. Dies ist sicher eine der Wurzeln für den Volksglauben an Naturgeister.

Die Mistel kompensiert nun diese überschießenden Vitalkräfte des Wirtsbaums, indem sie diese Kräfte in sich aufnimmt – so wird der Baum zu ihrer Erde und sie wird von den Wachstumskräften des Wirts auf besondere Weise geprägt und geformt. Auf spezielle Weise verarbeitet und angewendet, z.B. als besonders hergestelltes Injektionspräparat von Abnoba, Helixor, Wala oder Weleda, übernimmt die Mistel „als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, dass sie die physische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-sich-Zerfallen. So dass, wenn wir die Mistelsubstanz in den menschlichen Organismus hineinbringen, wir tatsächlich die Äthersubstanz des Baumes in den Menschen hineinbringen, und die Äthersubstanz des Baumes also, auf dem Wege durch den Mistelträger in den Menschen übergeführt, wirkt verstärkend auf den astralischen Leib des Menschen“ (Steiner, zit. nach Selg 2004).

Der Ätherleib ist mit dem Element Wasser und der Lebenskraft verbunden, aber auch mit dem Prinzip der Proliferation. Diese Tendenz wird durch den Standort auf Wasseradern deutlich verstärkt. Der Physische Leib trägt dagegen die Strukturkraft des Elements Erde in sich, während der Astralleib mit den durchwärmenden und abbauenden Kräften des Elements Luft in Beziehung steht. Ohne genügenden Einfluss der abbauenden und gestaltgebenden Kräfte, kommt es zu überschießenden Vitalprozessen oder zu Wucherungen. Die Mistel kann als Kind der Lüfte diese ungerichteten Kräfte zurückdrängen, die nach den Elementenqualitäten mit Kälte verbunden sind, indem sie die Wärmeprozesse anregt und die Fieberbildung anregt, wodurch es zum Zerfall der Tumorzellen kommt. Betrachtet man also die Beziehung von Mistel und Wirtsbaum genauer, dann ist es in Wahrheit ein Synergismus dieser beiden, zusammen mit dem Genius loci des Wachstumsortes, der auf den Menschen therapeutisch einwirkt – dies erklärt auch die Notwendigkeit einer speziellen Zubereitung und Dosierung. Hieraus ergibt sich auch die Tatsache, immer den jeweiligen Wirtsbaum in eine Therapie miteinzubeziehen.

Heute ist die Mistel in der naturheilkundlichen Praxis unentbehrlich geworden. Neben der Tumortherapie sind dies vor allem die Behandlung von Nerven- und Blutdruckleiden, Stresskrankheiten und Burn-out.

Das Burn-out Syndrom und das Karzinomerkrankung als Burn-out des Immunsystems, sind letztendlich eine Antwort auf die Art und Weise, wie wir unser Leben und unsere Umwelt gestalten. Sie sind ein Zerrbild für die Entfremdung des Menschen von der Natur und vom Göttlichen, die nicht nur zur Umweltzerstörung und zur Entweihung von heiligen Stätten, sondern eben auch zu neuartigen Krankheiten geführt hat.

So wie das Karzinom als multifaktorielles Geschehen eine ganzheitliche Sichtweise des Individuums erfordert, benötigt man ein globales, wenn nicht sogar ein universelles Bewusstsein, um die Ursachen der Krankheitsentstehung zu begreifen und um Heilwege zu erkennen. Hierzu gehört in erster Linie ein spirituelles Verständnis für Naturprozesse.

Zauberpflanzen wie die Mistel sind eben mehr als bloße Wirkstoffträger. Naturgeister sind auch keine Phantasmen, sondern ein Ausdruck für die Qualität einer Landschaft und das Wirken des Göttlichen ist kein Aberglaube, sondern schlicht das Leben selbst.

Literatur:

  • James George Frazer: Der goldene Zweig; Rowohlt 1989
  • Olaf Rippe (Hrsg): Die Mistel – eine Heilpflanze für die Krankheiten unserer Zeit / Mytholgie, Botanik, Signaturen, Pharmazie, Naturheilkunde, Onkologie. Pflaum Verlag München, 2010.
  • Siegfried Seligmann: Die magischen Heil- und Schutzmittel aus der belebten Natur; Reimer 1996
  • Werner Christian Simonis: Erde, Mensch und Krankheit; Mellinger Verlag Stuttgart 1974
  • Rudolf Steiner: Texte zur Medizin in 2 Bänden (Hrsg. Peter Selg); Rudolf Steiner Verlag Dornach 2004

 

Keltische Priesterin mit Misteln auf einer Weihnachtspostkarte um 1900

 

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